«Ich schneide dir die Kehle durch»

Drohungen und Verbalattacken in den sozialen Medien nehmen zu. Auch im Tennis. Timea Bacsinszky leidet – es ist ein Schrei nach Hilfe.

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Sie berichten von üblen Beleidigungen gegenüber Sportlerinnen und Sportlern in den sozialen Medien. Wie schlimm es wirklich?
Es ist schrecklich. Für uns und auch die Leute um uns herum. Vor allem Andreas (ihr Freund), der meine Nachrichten liest und säubert, bekommt die Aggressivität zu spüren, auch Morddrohungen gegen mich und meine Familie. Das ist nicht einfach für ihn, inzwischen haben wir eine weitere Person, die ihm hilft. Gelegentlich lese ich es selber auch. Da stehen Sachen wie: «Ich hoffe, du stirbst an Krebs, langsam und schmerzhaft.» «Ich weiss, wo deine Nichten und Neffen leben, ich kille sie, du Schlampe.» «Komm ja nie mehr nach Miami, wir bringen dich um.»

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Ist es richtig, dass Bacsinszky an die Öffentlichkeit geht?





Das geschieht häufig?
Andauernd. Wenn ich gewinne, werde ich beleidigt, weil sie auf die andere gesetzt haben, wenn ich verliere, weil sie auf mich gesetzt haben. In ­Wuhan, wo ich fast kollabierte, Krämpfe hatte und gegen Louise Chirico aufgab, war es besonders schlimm, da Leute, die auf sie gesetzt hatten, ihr Geld nicht bekamen. Es ist nicht normal. Man müsste mit dem Wetten aufhören.

Wie könnte das Problem sonst gelöst werden?
Die Leute sollten sich bewusst werden, wie gemein es ist, hinter einem Computer solche Sachen zu schreiben. Am liebsten würde ich ihnen sagen: «Da, nimm das Racket und spiel selber, Blödmann. Was machst du im Leben? Du wettest? Sehr gut! Ich wette nicht, ich arbeite täglich hart, um Matches zu gewinnen. Und werde dabei beschimpft.» Das ist doch krank.

Wie erreichen Sie die meisten Beleidigungen – über Facebook, Twitter, Instagram?
Überall. In Melbourne auch wieder. Als ich ­Giorgi schlug, muss einer darauf gewettet haben, dass ich in zwei Sätzen gewinnen würde. Dann gewann ich in drei – und wurde attackiert: «Du kannst deinen Aufschlag nicht halten, ich schneide dir die Kehle durch.»

Gibt es Möglichkeiten, sich zu verteidigen?
Eigentlich nicht. Du musst versuchen, dir einen Panzer zuzulegen wie die Schildkröten. Aber das ist nicht so einfach. Ich bin sensibel. Und ich habe denen nichts getan. Es war ihre Wahl, gegen oder auf mich zu ­setzen. Ich mache einfach meinen Job, so gut ich kann. Aber denen geht es nur um ihre Frustration: Sie haben Geld verloren, grosse Summen, und dafür wollen sie die Verantwortung nicht übernehmen, also schieben sie sie ab. Das ist ja so einfach. Dabei gibt es sonst schon so viel Aggressivität in dieser Welt.

Gewöhnt man sich nicht irgendwann daran?
Ich versuche es, doch das ist schwierig. Ich frage mich: Wer sind diese Leute? Als die sozialen Netzwerke noch nicht existierten, gab es das nicht. Aber wir sind ja fast gezwungen, dort aktiv zu sein. Je mehr Followers man hat, desto mehr Sponsoren hat man, das ist kein Geheimnis. Und ein Grossteil der Sponsoren erwartet, dass du dort aktiv bist. Auch die TV-Stationen berücksichtigen die Präsenz in den sozialen Medien. Warum kann Spielerin X, die die Nummer 50 ist, auf einen Showcourt, während Top-15-Spielerinnen auf Nebenplätze müssen? Das finde ich nicht richtig.

Also müssen Sie versuchen, noch präsenter zu sein in den sozialen Netzwerken?
Ja, und das stinkt mir manchmal, wenn ich immer beleidigt werde. Wir sind da, quälen uns, haben starke Gegnerinnen. Und manchmal ist man verletzt oder hat familiäre Probleme. Dann ist es viel schwieriger, gut zu spielen. Aber das interessiert die Wetter nicht.

Vor dem Internetzeitalter war alles anders?
Aber sicher. Denn um mit uns in Kontakt zu kommen, mussten die Leute einen Brief schreiben, ein Couvert und eine Marke nehmen, Adressen suchen. Der ganze Prozess war viel länger. Jetzt gehen sie auf meine Facebook-Seite, schreiben los, voilà. Und ich kann ja nicht alles blockieren. Denn es gibt auch nette Mitteilungen, Sponsoring- oder Interviewanfragen. Aber in Perioden, in denen ich nicht gut spiele, will ich das gar nicht mehr sehen. Ich erwäge, mir ein zweites ­Handy zuzulegen, auf dem mich nur Leute erreichen, die mich mögen. Alle Spielerinnen sind davon betroffen. Ich habe auch mit Belinda (Bencic) darüber gesprochen, auch ihr passiert das häufig, der Armen.

Erstellt: 21.01.2017, 20:30 Uhr

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