«Ich spürte die Hand sogar hier in London»

Roger Federer spricht nach der Halbfinal-Niederlage über die abgelaufene Saison, seine Verletzung und verpasste Chancen.

Ein entscheidender Moment: Zverev bricht die Partie ab, weil ein Balljunge den Ball fallen liess. Video: Tamedia/SRF

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Die Saison ist nun vorbei für Sie. Wie sieht Ihre Bilanz aus? Und wie blicken Sie aufs 2019?
Pete Sampras sagte einmal: Wenn du ein Grand-Slam gewinnst, ist es eine gute Saison. Mein Start war grossartig, ich spielte exzellent in Australien. Deshalb kann ich es kaum erwarten, dorthin zurückzukehren. Die zweite Saisonhälfte hätte besser sein können. Ich verlor ein paar enge Matches, die vielleicht den Turnaround hätten bedeuten können, wenn ich sie gewonnen hätte. In Paris, oder in Wimbledon. Ich habe hohe Erwartungen an mich und bin deshalb ein bisschen enttäuscht. Aber übers Ganze gesehen bin ich zufrieden mit der Saison.

Wenn Sie einen Punkt wiederholen könnten, welcher wäre es? Die verpassten Matchbälle gegen Del Potro in Indian Wells oder Anderson in Wimbledon? Oder einen der verpassten Satzbälle gegen Millman am US Open oder gegen Djokovic in Paris-Bercy?
Einen der Matchbälle, in Indian Wells oder in Wimbledon.

Gab es mehr solche verpasste Chancen in diesem Jahr als in früheren?
Nicht wirklich. Die gab es schon früher. Einmal habe ich in einem Jahr dreimal nach Matchball noch verloren, glaube ich. Aber ich bin keiner, der solchen verpassten Chancen nachtrauert. Die Saison ist, wie sie ist. Und dass ich die Möglichkeiten hatte, dass sie noch besser hätte verlaufen können, gibt mir Zuversicht fürs nächste Jahr. Zumal ich das Gefühl habe, dass ich noch besser spielen kann. Und es ist ja nicht so, dass ich in wichtigen Spielen 6:2, 6:2 verloren habe.

Was fehlte in der zweiten Saisonhälfte? Waren Sie zu passiv, vor allem in wichtigen Momenten?
Ich will nicht immer auf die Hand zu sprechen kommen. Das soll keine Entschuldigung sein. Aber ich hatte diese Probleme mit der Hand, und das hat mir sicher manchmal den Rhythmus gebrochen. Gegen die Besten kann dich das in den entscheidenden Momenten schon durcheinander bringen. Vielleicht war das auch so gegen Anderson in Wimbledon. Ich spürte die Hand lange, sogar hier in London immer noch ein bisschen. Auch wenn es kontinuierlich besser geworden ist, ich zusehends wieder auf meine Vorhand zählen konnte. Ich hoffe, dass die Beschwerden nach den Ferien endlich ganz weg sind. Und positiv ist: Ich konnte durchspielen, habe mich nicht schlimmer verletzt.

Waren Sie nicht auch gegen Zverev etwas zu defensiv? War das Ihre Taktik, oder ergab das sich aus den Ballwechseln?
Es war ähnlich wie letztes Jahr (in London). Da musste ich auch defensiv hart arbeiten. Durch seine wuchtigen ersten Aufschläge drängt dich Zverev nach hinten, dann musst du dir zuerst einmal deinen Weg an die Grundlinie erkämpfen. Aber bei 4:4 oder 5:5 im Tiebreak ist klar, dass man zuerst einmal probiert, in den Ballwechsel reinzukommen. Und dann versucht man, den anderen auszumanövrieren, wartet man auf die richtige Gelegenheit, um anzugreifen. Ich wollte nicht blind auf den Ball einschlagen, denn ich weiss, ich kann Zverev von der Grundline ausspielen. Aber er hat es gut gemacht. Er hat eine gute Leistung gezeigt, ich war okay. In gewissen Momenten servierte ich nicht ganz so gut, wie ich gehofft hatte. Er konnte sich mehr Chancen herausspielen und hat deshalb verdient gewonnen.


Video: Zverev wird ausgepfiffen

Nach seinem Sieg über Roger Federer zeigt sich das Publikum in London gnadenlos. Video: Tamedia/SRF


Woran werden Sie in der Off-Season arbeiten?
Was das Tennis betrifft, möchte wieder öfter den Weg ans Netz suchen. Und natürlich möchte ich die Vorhand wieder richtig durchpeitschen. Dazu kommt das Konditionstraining mit Pierre (Paganini). Sicher hat die Entscheidung, ob ich Sand spiele oder nicht, einen Einfluss aufs Trainingsprogramm.

Wie verlaufen für Sie die verbleibenden Wochen bis zum Jahresende?
Wir sind bis Anfang Dezember in den Ferien. Dann kommen wir zurück, und für mich beginnt die Vorbereitung in Dubai. Dann fliege ich Ende Jahr nach Perth und bereite mich da auf den Hopman-Cup vor. Mein erster Match ist am 30. gegen Grossbritannien.

Ist es nicht nur körperlich, sondern auch mental wichtig, dass Sie nicht mehr oft spielen wie früher? Um so richtig motiviert zu sein für Ihre Matches?
Es ist sehr wichtig, dass ich mein Leben von allen Winkeln durchleuchte. Von dem meiner Frau, der Familie, meiner Mannschaft, dem Physio, dem Konditionstrainer. Um zu entscheiden: Wieviel Zeit wende ich wofür auf? Ich würde am liebsten nur Zeit meiner Familie und dem Tennisspielen widmen. Aber der Physio, der Coach, der Konditionstrainer und viele andere wollen auch etwas von mir. Ich habe kein Problem damit zu trainieren, ob das auf oder neben dem Platz ist. Aber manchmal ist es auch besser, mehr zu spielen. In Shanghai hatte ich extrem Muskelkater. Hier in London ging es mir körperlich am besten. Das heisst, ich muss auch genug spielen, um im Rhythmus zu sein. Und ich muss im Training ans absolute Limit gehen, oder darüber hinaus. Denn der Stress des Spiels fällt da ja weg.

Erleben Sie die Matches bewusster als vor zehn Jahren, im Wissen darum, dass Sie in zehn Jahren wohl nicht mehr hier spielen werden?
Ja gut, man weiss sowieso nie, ob man das nächste Jahr am ATP-Finale noch dabei ist. Für dieses Turnier gibt es keine Wildcard. Aber es ist so, dass man mit dem Alter mehr Distanz hat. Die Niederlagen schmerzen nicht mehr so sehr und nicht mehr so lange. Mit der Familie komme ich schneller darüber hinweg.

Erstellt: 17.11.2018, 20:09 Uhr

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