«Ich spürte, wie ernst es Belinda und Ivan ist»

Marcel Niederer, Manager und Förderer von Belinda Bencic, erzählt, wie er in Russland dank Kaffee zu Geld kam und wieso er auf die damals Sechsjährige setzte.

«Ich war schon immer ein Tennisfan.» Marcel Niederer (links) auf der Tribüne am US Open, wo Belinda Bencic (vorne) im Fokus der Kameras stand. Foto: David Lobel (EQ Images)

«Ich war schon immer ein Tennisfan.» Marcel Niederer (links) auf der Tribüne am US Open, wo Belinda Bencic (vorne) im Fokus der Kameras stand. Foto: David Lobel (EQ Images)

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Die Geschichte von Belinda Bencic und ihrer Tenniskarriere ist auch die ­Geschichte von Marcel Niederer. Der 55-jährige frühere Eishockeyprofi und zwei­fache Meister mit dem EHC Biel (1981/1983) kennt Vater Ivan Bencic seit ­Jugendjahren. Erstmals erzählt Niederer ausführlich, wie er nach Russland kam, dort ­privat und geschäftlich sein Glück fand und sich entschloss, in die sportliche Laufbahn eines damals erst sechsjährigen Mädchens zu investieren, das nun daran ist, die Tenniswelt zu erobern. Mit 18 stürmte Bencic in dieser Saison bis auf Rang 12. Ihr Vorstoss in die Top 10 ist, nachdem sie in Peking wegen einer Handverletzung für ihr Zweitrundenspiel Forfait geben musste, einstweilen aufgeschoben. Dass sie es schafft, ist aber nur eine Frage der Zeit.

Wie kam es damals dazu, dass Sie eine Million Franken in die Karriere von Belinda Bencic investierten?
Korrekt war meine erste Aussage zu ­diesem Thema, und die war, dass es sich um mehrere Hunderttausend Franken handelte. Daraus wurde dann in der Schlagzeile einer Lokalzeitung rasch eine Million. Heute bin ich nicht mehr so naiv und spreche über genaue Zahlen.

Auf jeden Fall war es ein riskantes Geschäft. Spürten Sie damals: Sie wird eine Topspielerin? Oder wollten Sie einfach Ihrem Eishockey­kollegen eine Freude machen?
Ich spürte, wie ernst es Ivan und Belinda ist, und dachte: Das könnte klappen. Ich verdiente damals in Russland gerade ­relativ viel Geld. Und ich bin einer, der sich gern an Projekten beteiligt. 2003 machten wir einen Vertrag. Wir sagten: Ivan soll möglichst viel mit Belinda he­rumreisen, damit sie in einem behüteten, guten Umfeld aufwachsen kann, auf Courts nicht stets von Fremden betreut wird. Wir machten ab, dass ich acht Jahre für seinen Lohnausfall aufkomme.

Wieso acht Jahre?
Damals erhielten Topspielerinnen wie Maria Scharapowa schon mit 10, 12 Jahren Verträge. Wir sagten, wir planen mal, bis sie 14 ist. Als sie dann so alt war, hatten wir zwar noch keine grossen Verträge, aber eine breitere Sponsoren­basis, die mich zum grössten Teil ersetzte. Und man darf auch nicht vergessen, dass die Familie Bencic ihr ganzes Vermögen in dieses Projekt investierte.

Und was war Ihr möglicher Return?
Wir machten ab, dass ich zu einem gewissen Teil an den Einnahmen beteiligt werden würde, sollte das Projekt erfolgreich sein, sie einmal Geld verdienen. ­Alles war sehr langfristig ausgelegt.

Und? Sind diese Investitionen ­inzwischen zurückgeflossen?
Noch nicht ganz. Aber wenn ich auf diese 12 Jahre blicke, muss ich sagen: Es war eine Investition, die mir Freude machte, auch als noch kein Geld reinkam. Es war stets interessant, ein Abenteuer . . ., wie sie ihren langen Weg ging, von den Junioren an die Weltspitze. Und man sagt ja auch: Der Weg ist das Ziel.

Wurde Ihr Vertrag erneuert?
Nein. Was wir am ersten Tag abgemacht haben, gilt immer noch.

Stimmt es, dass Sie Manager auf Lebzeiten sind?
Juristisch kann man keine Verträge auf Lebzeiten abschliessen. Es braucht eine vernünftige Zeitdauer, und eine solche haben wir auch abgemacht. Aber die verrate ich nicht.

Schrieben Sie Ihr Geld innerlich ab, als Sie den Vertrag eingingen?
Das nicht. Aber es wäre nie ein Problem gewesen, wenn sie aufgehört hätte. Das hatten wir so abgemacht: dass Belinda jederzeit aufhören kann, falls sie nicht mehr will. Meine Haupteinnahme­quellen sind ja die Immobilienbranche und mein Ersatzteilhandel für Lebensmittelmaschinen in Russland.

Wie stehen Sie selber zum Tennis?
Ich war immer ein Fan. US Open und Wimbledon besuchte ich, bevor Belinda auf der Welt war. Speziell Boris Becker faszinierte mich, wie souverän er mit dem immensen Druck umging, den das ganze Land auf ihn ausübte. Wir spielten früher im Sommer selbst stundenlang auf Plastikbelägen in den Eisstadien.

Wieso haben Sie Ihre Eishockey-­karriere in der NLA bereits mit 25 Jahren abgebrochen?
Ich war schon als Eishockeyspieler sehr interessiert an geschäftlichen Dingen, konnte mich daher nie voll nur aufs Eishockey konzentrieren. In Biel spielte ich lange in einer Linie mit Gosselin und Bärtschi. Das war wunderbar. Ein Genuss! Das waren auch die zwei Jahre, in denen wir Meister wurden. Aber die ­anderen Jahre waren weniger spannend: Immer die gleichen Gegner, ähnliche Trainings . . . Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, würde ich die Karriere mit 23 beenden, nach dem Ende meines Studiums an der HWV, wie die Fachhochschule damals hiess. Ich hätte meine ­geschäftlichen Möglichkeiten früher ausnützen sollen. Was ich in Russland alles erlebte, war so interessant und abenteuerlich. Das fasziniert mich heute noch.

Wie kamen Sie nach Russland?
Nach dem Eishockey begann ich im Raum St. Gallen, mit dem Geld von ­Investoren Häuser zu kaufen und umzubauen. Dann kam die Immobilienkrise, und ich suchte Alternativen. Ich lernte jemanden kennen, der Mandarinen von Spanien nach Westeuropa verkaufte. Wir kamen zusammen und beschlossen, diese in Deutschland gegen Bananen zu tauschen. Die verkauften wir dann ­einige Jahre lastwagenweise im Gebiet der früheren DDR, wo ich auch zum ersten Mal in Kontakt mit russischen Soldaten kam. Die halfen uns, unsere Früchte von den Eisenbahnwagen auf Last­wagen umzuladen. Nachdem uns die westdeutschen Grosshändler verdrängt hatten, überlegte ich mir: Wo kann man gute Geschäfte machen und Abenteuer erleben? Und ich dachte: in Russland.

Und Sie gingen nach Russland?
Ich wollte erst in St. Gallen Russisch lernen bei einer Russin, aber das funktionierte nicht. Deshalb bat ich sie, mir einen Sprachaufenthalt zu organisieren in ihrer Heimatstadt Wladiwostok. Kaum war ich dort, rief mich meine Ex-Freundin an, eine Stewardess: Sie habe auf dem Flug von Zürich nach Genf einige Nestlé-Manager getroffen, die in Wladiwostok jemanden finden müssten, um für sie ein Verkaufsbüro zu eröffnen. Ich sagte: «Gib ihnen bitte sofort meine ­Telefonnummer.» Zwei Wochen später hatte ich den Arbeitsvertrag. Ich musste für Nestlé den russischen Fernen Osten bearbeiten, ein Riesengebiet, grösser als Westeuropa. So kam ich zum Kaffee.

Wie lange blieben Sie dort?
Dreieinhalb Jahre. Schon bald lernte ich Ludmilla kennen, meine spätere Frau und grosse Liebe. Sie arbeitete an der ­Réception des Hotels, in dem ich wohnte und wo ich das Nestlé-Büro installierte. Wir heirateten, und ich adoptierte ihre zwei Mädchen, Anja und Olessia, als sie sieben und neun waren. Zusammen ­haben wir noch eine Tochter, Christina. Sie ist etwa gleich alt wie Belinda, die beiden verbrachten viel Zeit zusammen.

Dank Nestlé wurden Sie vermögend?
In den zwei Jahren, in denen ich für die Firma arbeitete, merkte ich, dass ich viel mehr bewegen kann, wenn ich mit ­Nescafé auf eigene Rechnung handle. So müsste ich nicht immer Vevey über meine Verkaufstaktik informieren. Zu meinem Glück wurde die Russlandkrise 1998. Nestlé hörte in Moskau teilweise auf, und ich hatte viele Direktkontakte und machte Parallelimporte. Ich erhielt aus Südkorea eine Offerte, einen Restposten für etwa 1,3 Millionen Dollar aufzukaufen. In Moskau fand ich einen Investor, der mir im Juli 1998 diese Summe überwies, ohne Vertrag, per Handschlag. Kurz darauf fiel der Rubel zusammen, dann auch der südkoreanische Won. So hatte ich 30 Prozent Rabatt, ehe ich ­begann, den Kaffee zu verkaufen. Es war ein Riesenglück und das erste Mal, dass ich richtig Geld verdiente.

Und mit diesem Geld halfen Sie der Familie Bencic?
Ja, das ist die Ironie der Geschichte: 1968 mussten Belindas Grosseltern vor den Russen aus der Tschechoslowakei in die Schweiz flüchten. Und das Geld, das ich in Russland einnahm, investierte ich in ihre Karriere. Es gibt auch noch eine ­andere Verbindung zu Russland.

Nämlich?
Als Belinda etwa 10 oder 11 war, vermittelte ich einen russischen Investor an Urs Peter Koller, der der Eigentümer der HRS war, des grössten Generalunternehmens der Schweiz. Es ging um ein grösseres Geschäftshaus. Als das Geschäft stand, fragte ich ihn: «Haben Sie schon ­von Belinda Bencic gehört? Wir haben da noch eine Lücke im Budget für nächstes Jahr, könnten Sie nicht ein Drittel übernehmen?» Er war gerade gut gelaunt und sagte: «Ich übernehme die ganze Lücke.» Er war danach jahrelang dabei, ein sehr grosszügiger Sponsor.

Der Kaffeebranche blieben Sie treu?
Nein. Ich eröffnete acht Boutiquen in Russland für die deutsche Modefirma MCM. Weil die Umstände immer schlechter wurden, zogen wir dann um in die Schweiz. Manchmal hatte der Staat nicht einmal Geld, um die Schule zu heizen. Aber ich bin noch jetzt jede zweite ­Woche in Moskau. Wir verkaufen Ersatzteile für Nahrungsmittelmaschinen.

Es scheint, dass Sie immer an die richtigen Leute geraten sind.
Das kann man sagen. Immer. Auch bei Ivan. Und als einmal eines meiner Geschäfte bachab ging – eine Fruchtsaft­fabrik in Südrussland, für die wir keinen Eisenbahnanschluss erhalten konnten –, kam mein russischer Partner und sagte: «Marcel, du hast an mich geglaubt und einige Hunderttausend Dollar investiert. Du bist nicht schuld, dass es nicht funktioniert hat, deshalb sollst du auch kein Geld verlieren.» Er hat mir alles zurückbezahlt. In der Schweiz ist mir so etwas noch nie passiert. Wenn man mit Russen ein gutes Verhältnis hat, sind sie die fairsten und besten Geschäftspartner.

Wie hat sich Ihr Verhältnis mit Ivan Bencic über all die Jahre entwickelt?
Wir kennen uns nach 45 Jahren in- und auswendig, können nett miteinander sein oder uns auch mal anbrüllen. Aber weil ich mich nicht ins Sportliche ein­mische, haben wir auch keine Konfliktpunkte. Er ist etwas emotionaler als ich, und meistens haben wir es sehr lustig zusammen. Ivan hat einen sehr guten Humor. Gegenüber den Medien ist er ­zurückhaltender als ich. Aber er hat das alles mit Belinda toll gemacht. Es war schon eine brutale Arbeit.

Was genau?
Tagtäglich mit der Tochter unterwegs zu sein, irgendwo in der Provinz. Und weil wir billige Flüge buchten, die nicht umbuchbar waren, hingen sie immer wieder einige Tage irgendwo fest, wenn Belinda früh verloren hatte. Zusammen mit Juniorinnen und deren Müttern, unter denen vielfach Zickenkrieg herrscht. Da brauchst du schon ­Geduld. Ich hätte das nicht gekonnt. Man kann schon sagen: Ivan war und ist die Idealbesetzung als Coach von ­Belinda. Man darf aber auch nicht vergessen, was für einen tollen Job Belindas Mutter Dana in all den Jahren gemacht hat. Sie war oft am Training ausserhalb der Tenniscourts aktiv beteiligt und für ein funktionierendes Familienleben ­unersetzlich.

Erstellt: 07.10.2015, 00:04 Uhr

Das Management von Belinda Bencic

Familienunternehmen und Agentur

Marcel Niederer hat seine Geschäfte in verschiedenen Aktiengesellschaften mit Sitz in Rorschacherberg gebündelt, wo er auch wohnt. Zu diesen gehört das Management von Belinda Bencic, das zweigeteilt ist: Er ist zuständig für die Schweiz sowie für Schweizer Firmen, die weltweit ­tätig sind. Die ameri­kanische Agentur Octagon betreut das weltweite Management und inter­nationale Sponsoren.

Für die Spielerin sei er wohl so etwas «wie der Onkel», der alles Administrative erledige, sagt Niederer. Was das Sponsoring betreffe, lasse sie ihm und ihrem Vater weitgehend freie Hand. «Sie ist ein 18-jähriges Mädchen, das in das Tennis verliebt und sehr sportorientiert ist. Da kann sie sich nicht auch noch ausgiebig mit dem Geschäftlichen beschäftigen. Ich spüre, dass sie Vertrauen hat in uns.» Ihm sei noch nicht aufgefallen, dass Geld speziell wichtig für sie wäre. «Aber natürlich möchte sie gelegentlich ein schönes Kleid, eine Tasche, Schuhe. Wie alle 18-Jährigen.»

Zwölf Sponsoren-Tage pro Jahr

Niederer legt Wert darauf, dass die Sponsoring-Aktivitäten nicht zu viel Zeit in Anspruch nehmen: «Insgesamt sollten es nicht mehr als zwölf Arbeitstage sein im Jahr. Denn sie braucht ja irgendwann auch noch Ferien, und zehn Monate ist sie unterwegs.» Er selber reist nur an ausgewählte Turniere: Miami, Paris, London, New York. Etwa ein ­Drittel seiner Arbeitszeit verwende er für das Tennis, sagt er. Der Rummel um die weltbeste 18-Jährige habe dieses Jahr noch einmal zugenommen. «Doch schon als sie die Nummer 200 war und zwei Grand-Slam-Turniere der Junio­rinnen ­gewonnen hatte, war das Interesse an ihr ziemlich gross.»

Klassischer Quereinsteiger

Dreh- und Angelpunkt für das Administrative ist Niederers Tochter Olessia (31), die in seinem Familienunternehmen mit fünf Angestellten den Innendienst leitet. Die gebürtige Russin steht täglich in Kontakt mit Ivan Bencic, kümmert sich um die Buchhaltung sowie zum Teil um die Bedürfnisse der Sponsoren, Medien und Fans. «Lediglich etwa fünf Prozent der anfallenden Arbeiten sind Chefsache, wie zum Beispiel Vertragsverhandlungen», sagt Niederer. Momentan ist er daran, einen weiteren grossen Sponsor zu verpflichten; die Verhandlungen ziehen sich etwas in die Länge.

Niederer ist ein klassischer Quer­einsteiger im Tennis-Management. Doch er sieht sich deswegen nicht im Nachteil. «Einerseits haben wir mit ­Octagon einen erfahrenen Partner, wenn wir Know-how benötigen. Anderseits war ich selber schon in verschie­denen ­Branchen tätig, und Vertragsverhandlungen spielen sich doch überall etwa gleich ab.» Er habe immer wieder festgestellt: «Die besten Geschäfte im Leben sind die einfachen. Und am ­erfolgreichsten ist der, der einen ge­sunden Menschenverstand hat.»

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