Wawrinkas Medienschelte: «Ihr seid viel zu verwöhnt»

Wie und weshalb der dreifache Grand-Slam-Champion an den Swiss Indoors in Basel zu einem Befreiungsschlag ansetzte.

Stan Wawrinka ist nicht zufrieden mit der medialen Beurteilung seiner Leistung. (Bild: freshfocus)

Stan Wawrinka ist nicht zufrieden mit der medialen Beurteilung seiner Leistung. (Bild: freshfocus)

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Wird Stan Wawrinka in der Schweiz gering geschätzt? Realisieren die Medien nicht, wie stark der 34-Jährige nach seiner Knieverletzung zurückgekommen ist und was es alles brauchte, um nach dieser seine Karriere bedrohenden Operation wieder in die Top 20 zu kommen? Genau dies behauptete der Westschweizer in der Pressekonferenz an den Swiss Indoors, nachdem er mit einer überzeugenden Leistung gegen Pablo Cuevas die Achtelfinals erreicht hatte, wo er am Donnerstag auf den Amerikaner Frances Tiafoe trifft.

Zum zweiten Mal innerhalb von zwei Tagen gefragt, was ihm denn noch fehle, um zu seinem besten Niveau zurückzufinden, setzte er zu einem bemerkenswerten Monolog an, der zu einer Medienschelte ausartete. Und das ist, was er sagte:

«Hier herrscht der Eindruck, in diesem Saal und der Schweiz, dass ich kein gutes Jahr habe. Ich übertreibe, aber dieses Gefühl habe ich und ich sage es ehrlich: Ich habe die Freude verloren, mit den Medien in der Schweiz zu sprechen. Ich bin der 15. im Race, könnte mich theoretisch noch für das ATP-Finale qualifizieren. Und man fragt mich: Was fehlt dir, um dein bestes Niveau wieder zu finden? Wer hat denn in den vergangenen Jahren Grand-Slam-Turniere gewonnen? Ich bin der einzige ausserhalb der Big 4, der drei davon gewonnen hat. Das darf man nicht vergessen. Zudem komme ich von einer schweren Verletzung zurück, bin 15. im Race, war nach dem US Open einen Monat verletzt und habe eben einen Final erreicht (in Antwerpen). Und ich bin einer der wenigen, die Novak (Djokovic) schlagen konnten, auch wenn er im dritten Satz aufgeben musste (am US Open). Und man fragt mich, was fehlt, um wieder einen Grand-Slam-Titel zu gewinnen? Vielleicht muss man die Etappen vorher nehmen. Nach der Verletzung, die ich hatte, braucht es mehr Zeit, da kann man nicht nur von aussen eine Partie schauen und sagen: Hmm, wieso spielt er nicht besser und gewinnt nicht wieder Grand Slams? Man sieht, dass er sich gut bewegt und gut spielt, dass es ihm besser geht. Aber es braucht Zeit.»

«Alles, was ich dieses Jahr gemacht habe, macht es zu einem sehr guten Jahr. Ich habe mein Vertrauen wieder gefunden, habe wieder die Allerbesten geschlagen zu bestimmten Zeiten. Sicher, ich habe kein Grand-Slam-Turnier gewonnen, aber wer hat diese denn gewonnen (Nadal und Djokovic, die Red.)? Merci, okay. Voilà. Ich bin wieder in einer Position, wo ich weiss, wozu ich nächstes Jahr fähig sein werde. Und das war mein Ziel für 2019. Wäre ich dieses Jahr gerne in den Top 10 gelandet? Ja. Hätte ich gerne einen Grand-Slam-Titel gewonnen? Ja. Aber man muss auch Realist sein. Man schnippt nicht einfach mit dem Finger, um auf dem Niveau zu sein, auf dem ich vor der Verletzung war. Vor allem, wenn man sieht, was mit Roger, Novak oder Rafa passiert ist, wie sie das Niveau in den letzten Jahren noch einmal steigern konnten.»

Auf Nachfragen fährt er im gleichen Stil fort: «Wer weiss, vielleicht gewinne ich nächstes Jahr einen Grand-Slam-Titel? Meine Karriere verlief immer in Etappen. Ich weiss, wo ich jetzt stehe. Ich spiele weiterhin, um Titel zu gewinnen und die Besten zu schlagen. Ich hatte eine unglaubliche Karriere und gewann fast alles, was möglich ist für einen Tennisspieler. Ich hätte kein grosses Interesse weiterzuspielen, wenn ich nicht weiter Turniere gewinnen könnte. Ich finde, ich habe das Beste aus meiner Karriere herausgeholt. Es ist einfach, immer das Negative herauszupicken aus dem, was ich mache, wenn ich eine Party besuche oder wenn etwas Negatives läuft in meinem Privatleben oder auf dem Platz, wenn ich verletzt bin. Ich finde: Ihr seid viel zu verwöhnt. 15. in der Welt zu sein, ist viel schwieriger, als ihr denkt. Ganz einfach. Ihr habt die Chance, Belinda (Bencic) am Masters zu haben, und alles. Aber in einigen Jahren wird es viel weniger Schweizer haben an den Grand Slams, vor allem bei den Männern. Und vielleicht werdet Ihr merken, dass der 15. der Welt nicht so schlecht ist.»

Wawrinkas Befreiungsschlag und Anklage scheint zu sitzen. Allerdings gilt es einige Anmerkungen zu berücksichtigen. Erstens: In der Frage, was der Nummer 17 der Welt zu seinem besten Niveau fehle, schwingt nicht fehlender Respekt mit, sondern die Annahme, dass er wieder zu noch Grösserem fähig ist als Rang 15 im «Race To London». Zweitens: Gemäss Insidern wurde seine Rage vor allem durch in der Westschweiz erschienene Berichte ausgelöst, die seine Niederlage in Antwerpen gegen Murray in Zusammenhang mit einem Video von einer ausgelassenen Party in Südfrankreich brachten. Drittens: Wawrinka selber stellte in letzter Zeit etliche Beiträge in die Netzwerke, die ihn beim Konsum von Alkohol oder Fast Food und beim Easy Living zeigten.

Erstellt: 24.10.2019, 08:21 Uhr

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