In Wimbledon verschmelzen Tradition und Moderne

Das zeitlose Äussere des ehrwürdigen All England Club täuscht. Mit Liebe zum Detail wird Wimbledon permanent erneuert und vergrössert.

Die Tennisanlage in Wimbledon hat ihren eigenen Charakter. (Bild: Shaun Botterill/Getty Images)

Die Tennisanlage in Wimbledon hat ihren eigenen Charakter. (Bild: Shaun Botterill/Getty Images)

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Undurchdringliche Hecken, hoch in den Himmel schiessende Bäume, Herrschaftshäuser: In Wimbledon ist die Welt zeitlos, nobel, auf Understatement getrimmt. Nachts spazieren Füchse durch die Strassen, morgens werden falsch parkierte Autos mit dem Lastwagenkran abtransportiert.

Zeitlos liegt auch der All England Lawn Tennis & Croquet Club in dieser privilegierten Wohngegend im Südwesten Londons, umgeben von Parks mit Golfplätzen und Spazierwegen. «Wer hierherkommt, hat das Gefühl, dass die Anlage immer so war», sagt Heinz Günthardt, der schon als 14-Jähriger 1973 im Juniorenturnier mitspielte. «Aber alles ist viel grösser und besser als damals. Überhaupt kein Vergleich.»

«Die schlimmsten Kabinen weltweit»

Stilistisch blieb sich die 1922 entstandene Anlage über all die Jahre treu, und doch verwandelte sie sich stets. Zur räumlichen Ausdehnung kommt die Modernisierung, die von innen nach aussen stattfand. «Der grösste Unterschied zu früher ist der Komfort, der den Spielern heute geboten wird», sagt Boris Becker. «Zu unserer Zeit gab es nicht einmal Sonnenschirme auf dem Court, keine Kühlboxen. Wir sassen auf Plastikstühlen, und die Umkleidekabinen waren klein.» Günthardt bezeichnet diese sogar als «die schlimmsten, die ich weltweit gesehen hatte. Rohre hingen aus der Wand, und irgendwo standen Toiletten herum.»

Der Unterschied zu heute könnte nicht grösser sein. Die eben erneuerten Garderoben im Centre Court sind gemäss Stan Wawrinkas Coach Magnus Norman «einfach unglaublich, bis ins Detail perfekt, mit Sauna und allem». Clubangestellte erzählten ihm, dass selbst die Mitglieder des Privatclubs inzwischen hier viel mehr Zeit verbrächten als früher. «Männer rufen ihre Frauen an und sagen, sie hätten ein Businessmeeting – damit sie länger dort bleiben können.» Er würde am liebsten dort einziehen, schrieb Norman über Twitter.

Noch 2016 hatte Viktorija Golubic in Wimbledon einen kleinen Kulturschock erlebt. «Da kam ich in Wimbledon an, und alles war so schön und royal. Ich fühlte mich wie eine Prinzessin, und dann kam ich in die Garderobe und dachte: Das kann nicht wahr sein. Ich fand sie echt eklig, sie war mit einem uralten Teppich ausgestattet. 2017 wurde alles renoviert.»

Massiv verbessert haben sich für die Spieler auch die Trainingsmöglichkeiten. «Offiziell konnte man hier früher gar nicht trainieren», sagt Günthardt. «Die Spieler wurden in die umliegenden Clubs verteilt. Mit Björn Borg trainierte ich gelegentlich weit im Norden, in Swiss Cottage in Cumberland.»

Bencic fühlt sich in der neuen Aufwärmzone «wie im Zoo»

Das Trainingsgelände im Norden der Anlage war damals der private «Neuseeland Club». Gemäss Günthardt war sein Zustand miserabel gewesen, bis ihn der All England Club übernahm. Von seiner Vergangenheit zeugt heute noch der neuseeländische Name Aorangi. Auch diese Trainingsanlage wird permanent verbessert. Dieses Jahr wurden zwei Plätze in eine Aufwärm- und Fitnesszone umgewandelt. Hier sieht man Jo-Wilfried Tsonga beim Dehnen und Petra Kvitova beim Fussballspielen mit ihren Coachs. Belinda Bencic ist nur halbwegs begeistert: «Ich fühle mich dort ein wenig wie im Zoo, weil dir alle zuschauen.»

Bis 1979 hatte der Centre Court mit dem noch eng angebauten Court 1 die nördliche Grenze des Clubs gebildet. Rund um die Plätze südlich davon war kaum ein Durchkommen, so dicht standen die Fans. Auch für diese – maximal 42 000 dürfen auf einmal hinein – hat sich die Situation stark verbessert. Der nächste Erweiterungsschritt ist mit dem Kauf des anliegenden Wimbledon Park Golf Club bereits eingeleitet. Bis Ende 2021 kann auf dem 48,5 Hektaren grossen Gelände im Osten der Church Road noch gegolft werden. Zurzeit wird ein Masterplan erarbeitet mit dem Ziel, die Qualifikation hier auszutragen. In der turnierlosen Zeit sollen auch die Anwohner profitieren.

Die Gentlemen vom Club werden es verstehen, den zusätzlichen Platz sanft in ihr Reich zu integrieren. «Obwohl sie immer mit der Zeit gegangen sind, haben sie ihre Historie und Tradition nicht verloren oder sich verkauft», sagt Boris Becker. «Das sieht man auch daran, dass sie ihre Sponsoren nur sehr diskret präsentieren. Wimbledon verliert seine Kultur und seine Ehre nicht, das haben sie gut hingekriegt.»

Federer: Der erneuerte Court 1 ist fast wie der Centre Court

Das findet auch Günthardt: «Die Kunst ist ja, dass man nicht sieht, dass etwas hinzugebaut wurde. Der grosse Rahmen wurde immer beibehalten, mit der Farbgebung, dem Holz, den Blumen und dem Efeu.» Wer durch den Club geht, spürt die Liebe zum Detail bis zum hintersten Quadratzentimeter der Anlage, die von einer halben Armee an Mitarbeitern gepflegt wird.

Sichtbarstes Zeichen der jüngsten Innovationen ist das schliessbare Dach über Court 1, für dessen Erneuerung während dreier Jahre monatlich im Schnitt 80 000 Arbeitsstunden nötig waren. Mit 12 345 Zuschauern ist er zwar immer noch kleiner als der Centre Court (14 979), laut Roger Federer spürt man als Spieler aber kaum mehr einen Unterschied.

Das ist aber nur die Spitze des Eisbergs. Allein für diese Championships wurden 40 Projekte umgesetzt. Dazu gehören zwei bepflanzte Wandteile («living walls») aussen an Court 1, beide über 120 Quadratmeter gross. 14 344 Pflanzen 15 verschiedener Arten wurden verwendet, alles in den Wimbledon-Farben (das Muster soll eine Welle darstellen). Gemäss Chefgärtner Martyn Falconer werden die Pflanzen viermal täglich kurz bewässert. «Wenn es mit der Bewässerung nicht klappt, meldet uns ein elektronisches Warnsystem, welche Düsen defekt sind.»

Unterirdische Tunnel für Lastwagen

So altmodisch Wimbledon wirkt, befindet es sich doch im steten Wandel und ist permanent auf dem neusten Stand der Technologie. Der All England Club ist auch in die Tiefe gewachsen, inzwischen unterhöhlt wie ein Fuchsbau, mit unterirdischen Tunneln, worin auch Lastwagen Platz finden.

Die Initiativen zielen aber nicht nur auf infrastrukturelle Verbesserungen. Für dieses Jahr wurde auch in die Nachhaltigkeit und Umweltfreundlichkeit investiert mit den vier Kerngebieten Energie, Transport, Verpflegung und Abfall. Dazu gehört die Verwendung von vollständig rezyklierten und rezyklierbaren Wasserflaschen sowie die Abfalltrennung.

Aber selbst beim Angebot für die Zuschauer werden Trends berücksichtigt, ohne dabei jeder Modeströmung zu folgen. Gemäss Anthony Davies, Chef Verpflegung, wird das Angebot jährlich angepasst. Und weil in den vergangenen zwölf Monaten in Grossbritannien der Markt für Veganismus stark gewachsen ist, wird nun erstmals auch veganer Rahm angeboten. «Damit alle unsere Kultspeise, Erdbeeren mit Rahm, geniessen können.»


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Erstellt: 07.07.2019, 16:03 Uhr

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