«Irgendwann hat man es auch gesehen»

Martina Hingis blickt auf ihre grosse Karriere zurück. Das mit viel Reiserei verbundene Tourleben wird sie nicht vermissen. Vielmehr freut sie sich auf mehr Zeit mit ihren Pferden.

Zeit für Neues neben dem Tennisspielen: Martina Hingis mit der Seiligumpi. Foto: MediaPunch

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Sie konnten immer an tollen Orten spielen, in wunderbaren Städten und vor begeisterten Zuschauern. Werden Sie etwas davon vermissen?
Nein. Ich konnte in den letzten drei ­Jahren so leben, wie ich wollte. Als ich früher Einzel und Doppel spielte, war das viel intensiver, jetzt konnte ich es ­geniessen und so richtig erleben. Ich konnte die Erinnerungen an früher auffrischen und hatte mehr Zeit für mich.

Was werden Sie gar nicht vermissen?
Das Reisen. Fliegen und vor allem das Herumhängen an den Flughäfen, dass es überall so viele Leute hat. Wenn ich ­einmal vor Ort bin, ist es kein Problem, aber das Reisen an sich ist doch sehr ­anstrengend. Es war unglaublich, all diese Länder und Menschen kennen zu lernen. Ich bin sicher kein Stuben­hocker, aber es war in den letzten Jahren sehr intensiv. Wenn ich nach China fliege, habe ich einfach drei, vier Tage Jetlag, ich bin auch nicht mehr 17. Nein, die Flight Attendants beneide ich nicht um ihren Job, für den Körper ist das nicht gesund.

Hatten Sie regelmässig Beschwerden?
Immer wieder Migräne. In diesem Jahr war es aber etwas besser, nur noch etwa einmal im Monat.

Wenn die Turniere künftig also alle in Feusisberg stattfänden, würden Sie weiterspielen?
Ja, oder in der Halle der Mama in Woller­­­au, dort bin ich fast ungeschlagen. Es wäre etwas ganz anderes, aber ich habe es gerade in den letzten zwei Jahren genossen, im November und Dezember zu Hause zu sein, mit meinen Pferden auszureiten. Es tut einfach gut, hier einen Rhythmus zu haben. Im letzten Jahr war ich innert zweier Monate dreimal in Asien und einmal in Australien, irgendwann hat man es auch gesehen.

Wenn Sie aufhören, wird das ­Frauentennis wieder grauer, also langweiliger.
Nett, dass Sie das sagen.

Vor allem ist es wahr. Wieso hat sich, was das Spielerisch-Kreative angeht, nicht viel getan, seit Sie damals an die Spitze kamen?
Nun, das Tennis wurde schneller, vor ­allem wegen des Materials. Ich bin zwar Yonex-Spielerin, aber Babolat hat damals den Materialsektor enorm ver­ändert, diese Rackets erlaubten viel mehr Beschleunigung. Aber man verliess sich auch sehr stark aufs Physische, aber das begann schon vor 20 Jahren, als ich gegen die Williams-Schwestern und Davenport spielte oder auch gegen Capriati und Pierce. Heute ist aber ­alles viel inkonstanter. Wenn eine drei super Wochen im Jahr hat, ist sie schon fast eine Kandidatin für die Nummer 1, das gab es früher nicht.

Sie sind offen, gehen auf die Leute zu. Haben Sie gemerkt, wie der Altersunterschied grösser wird?
Nicht unbedingt, viele sind noch dabei, gegen die ich früher auch Einzel spielte, letztes Jahr war in den Top Ten etwa die Hälfte über dreissig. Nein, ich habe mich nicht alt gefühlt. In den letzten zwei, drei Jahren merkte ich aber, wie es mit der Regeneration schwieriger wurde. Als ich das erste Mal gegen Belinda (Bencic, Jahrgang 1997) spielte, dachte ich schon, dass sie noch nicht einmal geboren war, als ich meine grössten Erfolge feierte.

Sind Sie stolz, dass das Frauen­doppel auch dank Ihnen einen Aufschwung erlebte, und dass Ihre Spielkunst überall geschätzt wird?
Das war cool, gerade mit Sania Mirza und Leander Paes waren die Stadien voll – es gibt auch ziemlich viele Inder (lacht). Aber auch jetzt mit Jamie Murray in Wimbledon und in Asien mit Latisha Chan war es so. Wenn man überall die Unterstützung des Publikums so spürt, macht es viel mehr Spass. Es ist ein gutes Gefühl, wenn geschätzt wird, was man macht.

Wenn Sie ein Spiel noch einmal spielen könnten, welches wäre es? Der Paris-Final 1999 gegen Steffi Graf?
Nicht unbedingt. Aber es gab einige Partien: zum Beispiel den Australian-Open-Final gegen Capriati, den ich nach Matchbällen noch verlor, oder Finals in Indian Wells gegen Davenport oder Hantuchova. Es waren alles Spielerinnen, die viel Druck machten und dann plötzlich alles trafen. Ein wenig auch der ­Final gegen Majoli 1997 in Paris, der mich letztlich den Grand Slam kostete. Aber da war ich einfach fertig, das war der berühmte Match zu viel, ich war gerade erst wieder fit geworden nach dem Sturz vom Pferd, da hatte ich viel Energie verloren. Im Halbfinal schlug ich Seles 6:4 im dritten Satz, das war schon wie ein Final für mich. Aber ich habe in meiner Karriere auch viele Partien gewonnen, die ich nicht hätte gewinnen dürfen. Daher: No regrets.

Nach ihrem zweiten Rücktritt blieben Sie omnipräsent, spielten auf der ganzen Welt Exhibitions und nahmen generell viele Verpflichtungen wahr. Das wird sich in dieser Häufigkeit kaum wiederholen?
Das kommt auf die Anfragen an. Ich werde sicher das eine oder andere weitermachen und bin ja auch Botschafterin des Turniers in Lugano. Ich werde dem Tennis immer irgendwie verbunden bleiben, Tennis war ein wichtiger Teil meines Lebens und wird es immer bleiben. Es gibt ja auch die Tennisschule meiner Mutter, und sie dort zu unterstützen, macht mir grossen Spass.

Werden Sie in Lugano noch einmal als Spielerin antreten? Oder im Fed Cup? Die Anfrage von Captain Heinz Günthardt haben Sie ja offenbar schon bekommen.
Ja, am Tag nach der Ankündigung meines Rücktritts. Aber nein, spielen werde ich ganz sicher nicht mehr. Ansonsten lasse ich alles auf mich zukommen. Ich kann auch sagen: Jetzt mache ich einfach einmal sechs Monate gar nichts und nehme mir Zeit für mich.

Viele würden Sie gerne als Coach von Belinda Bencic sehen.
Ob ich wieder coachen werde, weiss ich noch nicht, das zählt zu den Dingen, die sich zeigen werden. Aber in den nächsten ein, zwei Jahren will ich sicher nicht mehr jede Woche irgendwo herum­jetten. Und Belinda hat jetzt sowieso wieder einen sehr guten Coach.

Für Sie als sehr internationale Person wird nun Feusisberg zum Lebensmittelpunkt?
Ja. Und ich freue mich darauf, mehr Zeit zu haben, um mit meinen Pferden auszureiten und meiner Mama zu helfen – nach Lust und Laune. Und daneben habe ich gewisse Kontakte aus der Tennisszene, die ich weiter pflegen werde.

Mit Ihrem Partner Harald Leemann scheinen Sie sehr glücklich. Läuten bald die Hochzeitsglocken?
Hochzeitsglocken? (lacht). Es war sehr schön, dass Harry im Sommer so häufig dabei sein konnte. Ja, wir sind sehr happy. Er war mir oft eine grosse Stütze, so auch vor Olympia, als innert kürzester Zeit Roger, Stan und Belinda absagten. Da war ich schon einige Tage down, und er hat mich immer wieder aufgerichtet und an mich geglaubt.

Wie sieht es mit Kindern aus?
Der Kinderwunsch ist auch da.

Erstellt: 27.10.2017, 23:59 Uhr

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