«Ja, ich wollte Nadal voll auf der Brust treffen»

Unterarm-Serve von Kyrgios, Schiedsrichterbeleidigung und ein abgeschossener Nadal: Die Partie zwischen den beiden Streithähnen hatte es in sich.

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Gegen Ende des dritten Satzes brach alles aus ihm heraus. Rafael Nadal jubelte, schrie seine Erleichterung in Richtung des frenetischen Publikums. Das war noch bevor sich der Spanier im Tiebreak durchsetzte und 2:1 nach Sätzen in Führung ging. Einen solchen Gefühlsausbruch hat man bei Nadal noch selten gesehen – insbesondere in der 2. Runde. Doch die Partie gegen Nick Kyrgios war eben mehr als ein normaler Zweitrunden-Match von Wimbledon.

Es war ein Duell zwischen Feinden, die sich zuletzt gegenseitig aus der Distanz immer wieder massregelten (Kyrgios nannte Nadals Onkel Tony gar «Idiot»), und vor allem war es die schwerstmögliche Aufgabe für Nadal zu diesem Zeitpunkt des Turniers. Sportlich, weil Kyrgios mit etwas (mehr) Trainingsfleiss ein Top-Ten-Spieler wäre. Und emotional aufgrund der Vorgeschichte. Und die Affiche hielt, was sie versprach.

Da konnte Nadal nur noch lachen

Die beiden lieferten sich ein elektrisierendes Duell, den ersten Satz gewann der Spanier – Kyrgios sorgte allerdings mit einem Unterarm-Service für das Highlight. Ausgerechnet mit jenem Schlag, den Nadal zuletzt als «respektlos» betitelte, gelang dem Australier ein Ass. Nadal blieb nur ein ironisches Lachen.

Kyrgios’ provokativer Service. Video: SRF

Kyrgios kam bald darauf, dass er etwas mehr machen könnte, als sehr gutes Tennis zu spielen. So begann er sich mit Schiedsrichter (und Gegner) anzulegen. Der 24-Jährige enervierte sich mal darüber, dass sich sein Gegner bei dessen Service immer so viel Zeit lässt (einmal spielte er sogar demonstrativ mit seinem Racket, um die Zeit zu überbrücken), mal beklagte er sich, dass Nadal nicht bereit sei, als er aufschlagen wollte. Richtig sauer wurde er jedoch, als der Schiedsrichter den Punkt nicht wiederholen liess, als ein Ruf aus dem Publikum zu hören war. «Das entscheide ich», antwortete der Umpire, worauf Kyrgios zurück ätzte: «Wow, so mächtig. Wie fühlt es sich an, dort oben zu sitzen, mit einer solchen Macht? Sieh dich an, du bist so mächtig.» Kurz darauf sah sich der Unparteiische gezwungen, den Australier zu verwarnen. Wieso? Er murmelte vor sich hin, weiterhin genervt vom Schiedsrichter: «Du bist ein Niemand. Denkst, du wärst wichtig. Du bist eine Schande!» Und Nadal? Schüttelte nur mit dem Kopf. Da war aus seiner Sicht ja noch alles gut.

Jetzt wirds hitzig

Doch spätestens nach Kyrgios’ Satzausgleich wurde die Partie hitziger. Im dritten Satz führte Nadal beim Stand von 4:4 bei eigenem Aufschlag 40:15, stiess ans Netz vor und wollte dort das Game klarmachen. Da witterte Kyrgios offenbar seine Chance – und schoss mit voller Wucht auf den Körper des Gegners. Nadal brachte gerade noch den Schläger vor seine Leisten, sonst wäre es wohl sehr schmerzhaft geworden. Kyrgios holte sich den Punkt, und Nadal warf einen Blick rüber, der hätte töten können. «Wieso soll ich mich dafür entschuldigen?», fragte Kyrgios nach der Partie rhetorisch. Seine Erklärung war dann auch ziemlich einfach: «Ich meine, wie viele Grand Slams hat er? Wie viele Millionen auf dem Konto? Ich denke, der kann einen Schuss auf die Brust schon ertragen.» Und um auch gleich die letzten möglichen Unklarheiten zu beseitigen: «Ja, ich wollte ihn voll auf der Brust treffen. Aber er hat gute Hände.» Nadal sagte dazu: «Gemäss Reglement darf er das, meiner Ansicht nach ist es jedoch ethisch nicht korrekt. Aber vielleicht ist es das für ihn.»

Kyrgios schiesst Nadal ab. Video: SRF

Im Match reagierte Nadal auf seine Weise: Im Tiebreak gewann er den dritten Satz. Er feierte mit einem Luftsprung, der geballten Faust und Schreien, die wohl mehr enthielten als nur «vamos!». Und weil Nadal auch den vierten Satz 7:6 gewann, durfte der Mallorquiner nach drei Stunden und vier Minuten Spielzeit sagen: «Es ist ein wichtiger Sieg für mich. Ich war unter Druck und musste vieles richtig machen.» Die Mätzchen seines Gegners wollte er weitgehend unkommentiert lassen. Aber: «Ich wusste die ganze Zeit, was er abzieht. Es ist unfassbar, wie er das alles auf dem Court ausblenden kann.»

Sogar noch ein Kompliment von Nadal

An der Medienkonferenz sagte er einem spanischen Journalisten: «Ich weiss nicht, wie gut es ist, wenn wir dauernd über ihn sprechen. Auch wie die ATP mit ihm wirbt ... das motiviert ihn nur weiter.» Doch im Moment des Erfolges fand Nadal auch noch nette Worte für den Mann, für den er sonst nicht viel Positives übrig hat: «Mit seinem Talent und seinem Aufschlag kann er ein Grand-Slam-Turnier gewinnen.»

Ein Kompliment, das Kyrgios so nicht ganz unterschreiben würde: «Momentan bin ich sicher kein Grand-Slam-Anwärter.» Wieso, das liegt auf der Hand: «Ich kenne mein Potenzial, aber ich bin nicht der professionellste Typ. Ich trainiere nicht jeden Tag, ich muss noch vieles verbessern, wenn ich auf das Level von Rafa, Novak oder Roger kommen möchte.» Es komme darauf an, wie sehr er es möchte. Hier sind sich die beiden Streithähne einig, wie Nadal bestätigte: «Er hat viele gute Zutaten, doch eine sehr wichtige fehlt ihm: die Liebe und Leidenschaft für diesen Sport.»

Was Kyrgios kann, wenn er denn will, das hat er gegen Nadal eindrücklich gezeigt. Oder wie es der Spanier formulierte: «Wenn er Lust hat, ist er einer der härtesten Gegner.» Allzu viel leichter wird es für Nadal übrigens nicht. In der 3. Runde wartet der Franzose Jo-Wilfried Tsonga. (fas)

Erstellt: 05.07.2019, 10:46 Uhr

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