Federer setzt jetzt voll auf Wimbledon

Warum der Schweizer Tennis-König Turniere ohne Busse auslassen kann.

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Das Geheimnis für die Langlebigkeit Roger Federers als Siegspieler hat nicht nur mit seiner Gabe zu tun, Partien schnell und mit relativ wenig Aufwand zu gewinnen – weshalb er viel weniger Verschleisserscheinungen aufweist als etwa Rafael Nadal. Ein anderer wichtiger Faktor ist, dass er seit Jahren weitsichtig plant, sich nicht übernimmt oder von kurzfristigen Zielen in die Irre führen lässt, sondern kompromisslos seiner Langzeitplanung vertraut.

Vor diesem Hintergrund macht auch sein Entscheid Sinn, die Sandsaison 2017 praktisch links liegen zu lassen. Obwohl sich ihm in dieser die Chance bieten würde, seinen Aufstieg in der Weltrangliste fortzusetzen und seine klare Führung im Jahresklassement («Race to London») nach drei Monaten und drei grossen Titeln aktiv zu verteidigen. Doch nein, er überlässt Sand­turniere wie Monte Carlo, Rom und Madrid kampflos den Gegnern.

Video – Federer fegt im Miami-Final Nadal vom Platz:

Federer ist in seiner Spielplangestaltung frei, weil er auf der ATP-Tour von einem Erfolgs- und Altersbonus profitiert: Während im Prinzip alle qualifizierten Topspieler die Masters-1000- Turniere bestreiten müssen, kann er entscheiden, ob und welche dieser neun Topturniere er in sein Programm aufnimmt – ohne gebüsst zu werden. Diesen Bonus hat er erhalten, weil er über 600 Partien gespielt hat, mehr als 12 Jahre dabei und über 30-jährig ist.

Wimbledon über alles

Selbst die hervorragenden Aussichten, nochmals die Nummer 1 zu werden, verdrehen dem 35-Jährigen nicht den Kopf. Denn er hat klare Prioritäten, und am Sonntag benannte er sie: Das grösste mittelfristige Ziel sei Wimbledon, danach die amerikanischen Hartplatzturniere mit dem US Open, schliesslich die World Tour Finals. Das French Open ist 2017 für ihn bedeutungsloser denn je – er wird vorerst sogar auf Hartplätzen weitertrainieren. Er hoffe und gehe davon aus, in Roland Garros anzutreten, werde aber schauen, wie die nächsten Wochen verlaufen und frühestens 14 Tage vor Paris auf Sand wechseln.

So eigenartig es töne – für ihn beginne die Saison eigentlich erst richtig im Sommer, sagte der Miami-Sieger sogar. Dass Paris für ihn keine hohe Priorität geniesst, hat auch mit seiner Vorsicht zu tun: 2016 habe sein Knie auf Sand schlecht reagiert, sein Fitnesstrainer Pierre Paganini und sein Physiotherapeut Daniel Troxler hätten ihm deshalb auch geraten, die Sandsaison zu verkürzen. Nach dem letzten Jahr ist ihm die Gesundheit wichtiger denn je – und sie wird immer noch wichtiger.

Fotos – Superstar Federer lässt sich in Miami feiern:

Das heisst nun nicht, dass ihn die Nummer 1 gar nicht mehr interessiert. Federer ist aber auch hier nicht bereit, Kompromisse einzugehen, die nicht in die Planung passen, die er und sein Team als optimal erachten. Dazu passt, dass er auch nicht mehrere kleine Turniere bestreiten wird, um möglichst bald die Zahl von 100 Turniersiegen zu erreichen. Momentan steht er bei 91. 50 davon holte er an Masters-1000-­Turnieren (26), Grand Slams (18) und den Tour-Finals (6).

Und Federer hat nach seiner ­sechsmonatigen Pause klarer denn je erkannt, dass die Erfolge fast von alleine kommen, wenn er sich optimal vorbereitet hat, gesund, frisch und motiviert ist. Diese Erfahrung wird ihn darin bestärken, sich noch mehr oder öfter Pausen zu gönnen – es müssen ja nicht immer gleich sechs Monate sein.

Zweifellos tut die neue Nummer 4 gut daran, Rang 1 keine allzu hohe Wichtigkeit einzuräumen. Ob er diese Position 302 oder 350 Wochen besetzt hat, wenn er einst abtritt, ist relativ bedeutungslos – bedeutungsloser jedenfalls, als ob er noch den 8. Wimbledon- oder 6. US-Open-Titel erringt, 18, 19 oder 20 Majors sammelt.

Nummer-1-Chance im Herbst

Um die Weltrangliste anzuführen, die über 52 Wochen berechnet wird, sind im Normalfall rund 12'000 Punkte nötig. Federer wird erst im Herbst eine realistische Chance haben, in diesen Bereich vorzustossen, da er in der zweiten Jahreshälfte 2016 pausierte. Einen Drittel davon hat er in den ersten drei Monaten schon gesammelt. Sollte Nadal die Sandsaison dominieren, könnte ihn der Spanier nach Paris in der Jahreswertung überholt haben.

Federer selber liess sich von Zahlen oder Rechenspielen aber noch nie verrückt machen. Er weiss: Spielt er so weiter, kann er 2017 noch weitere Major­titel und andere grosse Turniere gewinnen. Dann käme die Nummer 1 wohl wie nebenbei, als Zugabe.

Erstellt: 04.04.2017, 06:55 Uhr

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