«Ich hatte sogar Mühe aufzustehen»

Timea Bacsinszky hat einen erstaunlichen Weg an die Spitze hinter sich. Dafür hat sich die 26-Jährige neu entdecken müssen.

Timea Bacsinszky beim Posieren in ihrer Heimatstadt Lausanne: «Roger Federer hat mit 34 einen neuen Schlag erfunden. Ich habe also noch acht Jahre Zeit, um Dinge dazuzulernen.» Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

Timea Bacsinszky beim Posieren in ihrer Heimatstadt Lausanne: «Roger Federer hat mit 34 einen neuen Schlag erfunden. Ich habe also noch acht Jahre Zeit, um Dinge dazuzulernen.» Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

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2013 wollten Sie mit dem Tennis aufhören, in diesem Jahr spielten Sie sich erstmals in die Top 10. Welche Botschaft steckt hinter Ihrem Weg? Dass alles möglich ist?
Es gibt mehrere Botschaften. Eine lautet: Es ist nie zu spät. Oder: Man muss an seine Träume glauben. Und an seine Möglichkeiten. Aber natürlich muss man auch gute Menschen haben, die einen unterstützen. Ohne sie hätte ich es nie geschafft. Sie halfen mir, eine ziemlich ausgeglichene Frau zu werden. ­Etwas, das ich früher nicht war (lacht). Was mir auch eine wichtige Botschaft scheint: ­Jeder hat seinen eigenen Weg. Ich bin nicht die zweite xy. Sondern die erste Ich. Und auch die letzte. Man hat oft die Tendenz zu vergleichen. Darunter habe ich in meiner Kindheit lange gelitten.

Wie zeigte sich das?
Es wurde schon früh sehr viel von mir ­erwartet. Nicht nur von den Medien, ­sondern vor allem von meinem Vater, der unbedingt wollte, dass ich ­einem gewissen Bild entspreche. Was er nicht ­verstand: Jeder Mensch ist anders, man kann nicht alle ins gleiche Schema pressen. Es gibt solche, die sind schon von früh auf sehr fokussiert. Dann gibt es andere wie mich, die sich zuerst entdecken, ihr Gleichgewicht finden müssen. Die ­gewisse Freiheiten brauchen. Man muss jeden Menschen anders behandeln. Man sagt viel zu oft: Der oder die hat dies und das schon gewonnen in ­jenem Alter, also musst du dich beeilen! Nein. Jeder hat seinen eigenen Weg. Ich möchte den anderen Athleten sagen: Lebt eure ­Karriere! Sie gehört euch! Und versucht nicht, ­jemanden nachzuahmen! Ich habe keine Lust, die Karriere von ­jemand anderem zu haben. Ausser vielleicht die von Roger (Federer). (Lacht) Nein, nicht einmal die. Ich möchte nicht so berühmt sein wie er. Das muss manchmal extrem nervig sein.

Pardon, aber ein Vergleich, der sich aufdrängt, ist der zwischen Belinda Bencic und Ihnen. Sie beide hatten 2015 einen rasanten Aufstieg.
Wie gesagt: Ich finde nicht, dass dieser Vergleich etwas bringt. Unsere Geschichten sind ganz anders. Sie ist 18, hat noch diese jugendliche Frische. Ich bin 26, habe schon viel mehr erlebt. Aber ich finde es gut, dass wir zwei Schweize­rinnen sind, die vorne mitspielen. Wie bei den Männern Roger und Stan ­(Wawrinka). Das gibt einen gesunden Konkurrenzkampf. Wenn ­Belinda gewinnt, freue ich mich für sie.

Im Frühling 2013 absolvierten Sie ein Praktikum in einem Hotel, spielten kaum mehr. Hätten Sie da gedacht, dass Sie noch einmal so weit kommen würden im Tennis?
Nie im Leben! Wenn mir jemand gesagt hätte, ich würde einmal den Halbfinal ­eines Grand Slam erreichen, hätte ich entgegnet: Ja, ja, rede du nur. Als ich in ­Acapulco (im Februar) das erste Turnier seit meiner Rückkehr gewann, hätte ich das nie für möglich gehalten. Ich setzte mir ja nie Ziele. Stellen Sie sich vor: Als ich im Sommer 2013 die Qualifikation für das French Open bestritt, war ich ­total ausser Form. Ich hatte fünf Monate nicht mehr gespielt, war eine Null. Aber dank meiner grossen Freude, wieder einmal zu spielen, lieferte ich einen ­ordentlichen Match ab. Zwei Jahre ­später stand ich am Turnier meiner Träume im Halbfinal.

«In Nordamerika war ich platt. Ich hatte sogar Mühe aufzustehen. Dann fand ich heraus, dass ich Eisenmangel habe.»

Was war der Schlüssel zum Erfolg? Die innere Ausgeglichenheit, die Sie erwähnt haben?
Es begann ja schon weit vor jenem ­berüchtigten Qualifikationsspiel in ­Paris. Ich hatte eine Psychotherapeutin aufgesucht, weil ich begreifen wollte, was in mir vorgeht. Ich war damals sehr unglücklich. Es ging nicht einmal mehr ums Tennis. Das hatte ich ohnehin abgehakt. Ich wollte einfach erreichen, dass meine Tage wieder etwas angenehmer sind. Wenn man davon spricht, man gehe zur Psychologin, denken viele: Oh, ist sie jetzt vielleicht verrückt? ­Dabei würde es vielen guttun. Bei jedem ­kommen früher oder später Dinge hoch, die in der Kindheit passiert sind. Es gibt Menschen, die besser damit umgehen können. Mich holte mit 23 plötzlich alles ein. Und da war es höchste Zeit, dass ich mit jener Frau an mir zu ­arbeiten begann.

Was hat es Ihnen konkret ­gebracht?
Primär, dass mein Dasein angenehmer ist. Und dann bin ich auch viel angenehmer im Umgang mit meiner Entourage, mit anderen Menschen. Mit meiner Familie. Ich verstehe nun viel besser, was in mir vorgeht. Und ich kann auch extreme Reaktionen anderer viel besser verstehen und annehmen. Ohne diese Therapie hätte ich das alles nie geschafft. Aber der Prozess ist nie abgeschlossen. Wenn wir einmal ­beginnen, in uns hineinzuhorchen, ­merken wir schnell, wie viel unter der Oberfläche brodelt. Am Anfang denkt man: Okay, jetzt löse ich dieses Problem, und dann ist es gut. Aber voilà, schon kommt das nächste. Indem ich mich dem gestellt habe, bin ich viel ausgeglichener geworden.

Sie sprachen von Paris. War dies für Sie das sportliche Highlight 2015?
Ja, das liegt auf der Hand. Aber ich möchte keine Erfahrung missen. Auch nicht die negativen. Es war auch wichtig für mich, im Herbst in Nordamerika viermal in der ersten Runde zu verlieren. Ich kam nach Hause, fühlte mich platt und fand heraus, dass ich Eisenmangel habe. Ich hatte so sehr meine ­Reserven angezapft, dass ich in den USA total müde war. Ich hatte sogar Mühe, morgens aufzustehen. Oder mich auf­zuwärmen. Ich fragte mich: Habe ich ­innere Widerstände? Muss ich mein ­Leben wieder hinterfragen? Ist es wirklich das, was ich tun möchte? Das war mir eine Lehre. Jetzt weiss ich: Ich sollte alle zwei, drei ­Monate einen medizinischen Check ­machen. Ich muss noch mehr auf meine Ernährung achten. Und wenn ich mich schlecht fühle, sollte ich das nicht ­negieren. Ich bin nicht Superwoman.

«Ich bin keine, die sich mit teurem Schmuck belohnt. Oder einer Villa. Mir geht es gut in meiner kleinen Wohnung.»

Als Sie am US Open sahen, wie Roberta Vinci gegen Serena ­Williams gewann, kam bei Ihnen ­nochmals Ihr Halbfinal von Paris hoch? Dachten Sie nicht: Das hätte ich auch gekonnt?
Nein. Überhaupt nicht. Jeder Match ist anders. Vielleicht hatte sich Vinci ja von meinem Match inspirieren lassen. Keine Ahnung. Ich bin jedenfalls nie neidisch auf andere. Ich gönne es ihnen, wenn sie gewinnen. Wie Belinda in Toronto gegen Serena Williams. Oder Vinci. Ich schaffte es in Paris nicht. Und das kann ich nicht mehr ändern. Aber ich bin ja erst 26 und habe noch viele, viele Jahre im Tennis vor mir und noch viel zu lernen.

Sie sagen immer, Sie würden sich keine Ziele setzen. Aber was schwebt Ihnen vor für 2016?
Meine Philosophie, mir keine Ziele zu setzen, hat Früchte getragen. Deshalb gibt es keinen Grund, sie zu ändern. Ich erwarte von mir, dass ich wieder so ­konsequent und professionell bin wie in ­diesem Jahr. Und dass ich noch viel lerne. Nicht nur, was das Tennis betrifft. Sondern auch in anderen Bereichen. Im Umgang mit den Medien. Oder mit den Sponsoren. Es ist mir wichtig, dass ich ein gutes Bild abgebe. Das ist nicht ­immer einfach. Ich musste nach Paris in sehr kurzer Zeit sehr viel lernen. Es prasselte unglaublich viel auf mich ein. Ich nehme mir auch vor, mein Spiel weiterzuentwickeln, neue taktische Varianten einzubauen. Roger hat mit 34 einen neuen Schlag erfunden, den Sabr. Ich habe also noch acht Jahre Zeit, um Dinge dazuzulernen (lacht).

Wie haben Sie sich belohnt nach der Saison?
Ich war fünf Tage in Budapest mit meinem Freund Andreas. Danach waren wir noch drei Tage in Zermatt. Wir wollten nicht irgendwohin auf eine Insel, ich bin sehr verbunden mit der Schweiz. Ich habe zwar einen fürchterlich fremd­ländischen Namen, aber ich habe einen ausgeprägten Waadtländer Akzent und liebe Fondue und Raclette (lacht). Natürlich interessieren mich aber auch meine Wurzeln. Ich spreche sehr gut Ungarisch, meine Eltern sind Ungarn, aber ich war noch nie als Touristin in Budapest, sondern nur wegen des Tennis. Deshalb wollte ich mit meinem Freund unbedingt einmal Budapest anschauen. Ich sagte: Ich bin die beste Stadtführerin, ich beherrsche sogar die Sprache!

Und, wie war es?
Wir verbrachten fünf wunderbare Tage. Ohne grossen Luxus. Ich brauche kein Fünfsternhotel, wir waren nicht in den teuersten Restaurants, sondern in typischen ungarischen Kneipen, wo man keinen Touristen antrifft. Ich bin keine, die sich mit teurem Schmuck belohnt. Oder die sich eine Villa kauft. Mir geht es gut in meiner kleinen Wohnung in Lausanne. Für mich ist es wichtiger, Zeit mit meiner Familie zu verbringen. Und mit meinen Freunden. So habe ich mich belohnt: indem ich Zeit verbracht habe mit meinen Nächsten. Das ist unbezahlbar.

Erstellt: 09.12.2015, 21:12 Uhr

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