«Manchmal ist er zu ehrgeizig»

Keiner kennt Alexander Zverev so gut wie Mischa, Bruder des deutschen Gipfelstürmers. In Basel sagt er, was der Nummer 5 zum Grand-Slam-Champion noch fehlt.

Mit 21 schon neunfacher Turniersieger: Alexander Zverev. Foto: Georgios Kefalas (Keystone)

Mit 21 schon neunfacher Turniersieger: Alexander Zverev. Foto: Georgios Kefalas (Keystone)

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Mischa Zverev erinnert sich gut an den Tag, an dem er gegen ­seinen Bruder erstmals einen Trainingssatz verlor: Es war im Februar 2014 in Delray Beach, Florida. Er war damals 26-jährig und schon ein arrivierter Tennisprofi, Alexander zehn Jahre jünger. Inzwischen ist der ältere längst in den Schatten des jüngeren Bruders gerutscht, der als Kronprinz des Tennis gilt und inzwischen auch grösser ist – 198 gegenüber 191 Zentimetern.

Auch in Basel blieb die familieninterne Hierarchie gewahrt. Während Mischa in der Qualifikation verlor, erreichte Sascha, wie der Jüngere von allen genannt wird, mit einem 6:4, 7:5 über Robin Haase gestern Abend als Letzter die Achtelfinals. Mischa ist aber nicht (nur) als Fan seines Bruders in Basel geblieben; er steht an dessen Seite heute im Doppel in den Viertelfinals.

Stolz auf den kleinen Bruder

Wie ist es, wenn der jüngere Bruder den gleichen Beruf hat und darin erfolgreicher ist? Mischa Zverev zögert in der Players Lounge keinen Moment mit seiner Antwort, und seine Augen glänzen: «Ich finde es schön, mein Bruderstolz ist gross. Ich habe mich gefreut, als er mich überholte. Ich hatte darauf gewartet und es auch immer vorhergesagt. Denn ich wusste, dass ich selber wahrscheinlich nie die Top 5 erreichen würde – im Gegensatz zu ihm. Ich glaube auch schon lange, dass er die Nummer 1 werden kann.»

Hinter dem Linkshänder liegt eine durchzogene Saison, in der er von Rang 33 auf 72 abrutschte. «Schon im Januar war ich acht Tage krank, und es dauerte lange, bis ich den Rhythmus fand», sagt Mischa. Wenigstens habe er es geschafft, in den Top 100 zu bleiben. Im September wurde der Angriffsspieler erstmals Vater – sein Sohn heisst ebenfalls Mischa. Ein anderer Höhepunkt seiner Saison war das erste Duell gegen Sascha auf der ATP-Tour. «Davon hatten wir lange geträumt, es war ein sehr emotioneller Tag.»

Es war der Jüngere, der das Duell in Washington gewann (6:3, 7:5) – und danach auch den Titel holte, seinen dritten des Jahres und den neunten der Karriere. Für Mischa, der in Eastbourne dieses Jahr selber seinen ersten ATP-Titel feierte, kommen diese Erfolge nicht überraschend. «Ich hatte immer das Gefühl, dass Sascha weit kommen würde. Er hatte von Anfang an dieses Selbstvertrauen, das mir fehlte. Ich merkte auch früh, wie ehrgeizig er ist, welches Ballgefühl und Talent er hat.» Dieser Ehrgeiz zeige sich überall, auch an der Playstation. «Manchmal ist er zu ehrgeizig. Und er hat auch zu wenig Geduld.» Sein Bruder sei in seinem Schlepptau praktisch auf der Profitour aufgewachsen: «Schon als 4- oder 5-Jähriger kam er mit an Turniere wie das Australian Open. Er wollte da schon immer auf den grossen Courts trainieren. Als er dann selber dort spielen konnte, fühlte er sich wie zu Hause.»

Eine Frage der Erfahrung

Er bemühe sich, ein «guter Bruder und Freund» zu sein, mische sich aber nicht in die Karriere des 21-Jährigen ein, sagt Mischa Zverev. «Aber wenn er mich braucht, bin ich für ihn da. Wir trainieren auch oft zusammen.» Beide wohnen inzwischen in Monte Carlo, und beide werden weiterhin von ihrem Vater Alexander senior ­betreut, einem früheren Davis-Cup-Spieler der Sowjetunion.

Und was kann Ivan Lendl, der ehemalige Weltranglistenerste, seinem Bruder bringen? «Sascha hofft, dass er ihn zu Erfolgen und Siegen an Grand-Slam-Turnieren führt. Wir werden sehen, ob die Kombination funktioniert», sagt Mischa. Er sei überzeugt, dass der erste Grand-Slam-Titel nun jederzeit kommen könnte: «Sascha schlägt mit 220 Stundenkilometern auf, haut Vorhand und Rückhand rein, serviert und volleyiert immer besser und bewegt sich auch ganz okay für seine Grösse.»

Es sei wohl nur die Erfahrung, die ihm noch fehle im Vergleich zu den Seriensiegern Federer, Nadal und Djokovic. «Diese wissen genau, wie sie die grossen Turniere vorbereiten und ihre Kräfte einteilen müssen. Und sie sind auch im Kopf sehr stark.» Dabei sei Federer ein Mentor seines Bruders. «Er ist unglaublich nett und offen mit ihm, unterstützt ihn mit Tipps, gibt ihm seine Erfahrungen weiter und trainiert mit ihm.» Ratschläge allein würden aber oft nur wenig nützen: «Jeder muss selber entdecken, welches das letzte Quäntchen ist, das noch fehlt.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.10.2018, 16:50 Uhr

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