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«Federer ist mein Idol geblieben»

David Goffin, Belgiens erster Top-10-Tennisspieler, gefällt sich in Paris in der Rolle des gefährlichen Aussenseiters.

David Goffin ist einer der leichtesten Spieler auf dem Circuit: «Zu versuchen, ein zweiter Nadal zu werden, würde nicht funktionieren.» Foto: Eric Gaillard (Reuters)
David Goffin ist einer der leichtesten Spieler auf dem Circuit: «Zu versuchen, ein zweiter Nadal zu werden, würde nicht funktionieren.» Foto: Eric Gaillard (Reuters)

Mit 26 Jahren gehören Sie zur etwas vergessenen Generation, jene im Schatten der etablierten älteren Spitzenspieler und der aufstrebenden Jungen. Ist das frustrierend?

Ich finde daran nichts Besonderes. Ich kam 1990 zur Welt und hatte eine ziemlich lineare Karriere. Mit 20, 21 kam ich im Proficircuit an, als ich hier in Paris meine ersten Grand-Slam-Achtelfinals erreichte (und gegen Federer knapp verlor), und danach entwickelte ich mich Schritt für Schritt. Mit 26 beginnen für mich nun die schönsten Jahre, davon bin ich überzeugt. In diesem Alter fühlt man sich stark, hat Erfahrung und viele Matches hinter sich. Ich denke wirklich, dass jetzt meine beste Zeit kommt.

Fühlen Sie sich verbunden mit Spielern wie Raonic und Nishikori, die etwa gleich alt sind und auch noch keine Majortitel holten?

Ja. Wir sind gemeinsam hochgekommen, auch Dimitrov ist fast gleich alt wie ich. Wir sind alle in einer ähnlichen Lage. Das Männertennis ist im Moment schon sehr interessant. Die Jungen kommen sehr schnell hoch, wie Zverev, Thiem oder auch Pouille. Die etwa 30-Jährigen wie Wawrinka, Djokovic und Nadal sind immer da – und selbst ­Federer, der noch älter ist. Das ergibt eine spannende Mischung.

Die Spieler über 30 sind dominanter denn je und besetzen die Top 5. Empfinden Sie es als Pech, dass diese Generation so stark ist?

Nein, denn sie haben das Tennis lange getragen und das Niveau verbessert. Dass ich so weit gekommen bin, habe ich zweifellos auch Spielern wie Federer und Nadal zu verdanken. Sie verbessern sich seit Jahren immer noch weiter und treiben dich dazu, noch mehr zu arbeiten, um ihnen näher zu kommen.

Aber sie stehen den jüngeren auch immer noch vor grossen Titeln.

Das stimmt schon. Aber ich habe noch Zeit, und wenn ich sehe, dass Nishikori und Raonic schon Grand-Slam-Endspiele erreicht haben, sage ich mir: ­Warum nicht auch ich? Federer wird ja auch nicht spielen, bis er 50 ist . . .

Er war einst Ihr Idol. Hat sich dies geändert? Und was sagen Sie zu seinem Comeback?

Er ist mein Idol geblieben, dass ich ihm näher gekommen bin, spielt keine Rolle. Er bleibt ein unglaublicher Champion, ein aussergewöhnlicher Spieler und Mensch, auf und neben dem Court. Man sollte davon profitieren, dass er noch spielt. Wie er zurückkam, war schon eindrücklich – nach einem halben Jahr Pause gleich das Australian Open und zwei Masters-Turniere zu gewinnen... Ich denke, dass es auch der richtige Entscheid war, sich auf die Rasensaison zu konzentrieren und auf die Sandturniere zu verzichten, um seinen Körper, seinen Rücken und sein Knie zu schonen.

Sie kommen wie er aus einem kleinen Land. Welchen Status haben Sie in Belgien? Wo stehen Sie im Vergleich zu anderen Sportlern?

Radfahren und Fussball sind immer noch wichtiger als Tennis. Aber dass ich resultatmässig der bisher stärkste Spieler des Landes bin, hat das mediale Interesse geweckt. Die Erwartungen und der Rummel um mich sind gross. Das macht es für mich nicht einfach. Die Leute erwarten stets grosse Resultate. Alle stehen hinter mir, und ich habe irgendwie kein Recht mehr, Fehler zu machen. Mit diesem Druck umzugehen, ist nicht einfach. Aber mit der Erfahrung und dem Alter habe ich gelernt, besser damit umzugehen, jetzt fällt mir das leichter.

Sie wohnen ja nun auch in Monaco.

Ja, und ich versuche, möglichst oft dort zu sein. Ich trainiere auch in der Nähe.

Sie haben Anfang Jahr als erster Belgier die Top 10 erreicht. Was bedeutet Ihnen das?

Sehr viel. Wenn man zu den zehn besten Spielern der Welt gehört, sagt das einiges aus. Die Top 10 sind wie ein geschlossener Zirkel. Dass ich einmal sagen kann, dass ich selber auch dazu gehörte, ist schon unglaublich.

Finden Sie, dass Sie ausserhalb von Belgien die Anerkennung erhalten, die Ihnen gebührt?

Bei den Spielern und Experten schon. Das grosse Publikum kennt mich vielleicht noch nicht genug, aber das ist nicht schlimm. Ich gebe einfach mein Maximum und werde immer stärker.

Mit 69 Kilogramm sind Sie einer der leichtesten Spieler im Circuit, gehören einer eigenen Gewichtsklasse an. Empfinden Sie dies als Nachteil?

Natürlich kann ich den Ball nicht schlagen wie ein Nadal. Aber weil ich leichter bin, bewege ich mich schneller und nehme den Ball früher. Das ist meine Stärke, darauf basiert mein Spiel. Zu versuchen, ein zweiter Nadal zu werden, würde nicht funktionieren.

Was fehlt Ihnen denn noch, um grosse Titel zu gewinnen?

Ich muss einfach so weitermachen, besser werden, abwarten und geduldig bleiben. Ich werde sicher zu meiner Chance kommen. Es fehlt nicht viel, und ich versuche, einen Weg zu finden. Wie es Wawrinka vorgemacht hat. Warum sollte es nicht klappen? Das Tennis bietet dir immer neue Chancen, du musst sie einfach packen können.

Nachdem Sie in Monte Carlo Djokovic schlugen, gelten Sie in Paris als einer der gefährlichsten Aussen­seiter. Sehen Sie das auch so?

Diese Rolle gefällt mir. Ich bin in Form, gesund, spiele gut und hoffe wirklich, dass ich weit komme.

Haben Sie einen Traum im Tennis?

Der ultimative Traum ist ein Grand-Slam-Sieg, am liebsten Wimbledon. Das ist das klassischste, traditionellste und schönste Turnier. Aber ich würde jeden der vier Titel nehmen. Und ich kann ja auch auf allen Belägen gut spielen. Vor allem auf Sand läuft es mir momentan sehr gut, wie schon letztes Jahr.

Sie gelten als zurückhaltend, ernst und bescheiden. Stimmt dieses Bild?

Ich war schon immer eher introvertiert, ruhig und schüchtern. Ich habe auch wenig Lust, mein Schneckenhaus zu verlassen, auch wenn ich mich inzwischen wohler fühle in der Öffentlichkeit. Richtig gehen lassen kann ich mich aber nur unter Leuten, die ich schon lange kenne.

Könnten diese Eigenschaften im Profisport hinderlich sein?

Wichtig ist nur, dass ich den Spass am Tennis behalten kann, wie es jetzt der Fall ist. Denn manchmal kann es schon zur Tortur werden, zum Beispiel, wenn man auf dem Court auch noch körperlich leidet. Aber auch in solchen Momenten muss man Spass haben. Sonst wird es schwierig.

Letzte Frage: Welche Spieler erwarten Sie Ende Jahr in den Top 5?

Eine gute Frage. Federer ist super gestartet und dürfte auch auf Rasen stark sein, auch Nadal ist in Topform und hat fast keine Punkte zu verteidigen. Ob Djokovic und Murray wieder zurückkommen, werden wir sehen. Auch Wawrinka gehört in die Top 5, wenn er in Form und motiviert ist. Und dann sind da noch die Jungen, wie Zverev und Thiem. Es wird auf jeden Fall ein interessantes Jahr.

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