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Genug der Federer-Huldigungen

Der Wimbledon-Champion macht nichts falsch und das meiste richtig. Aber das ist kein Grund, ihn zu den Überirdischen zu zählen.

Die Bescheidenheit in Person: Roger Federer signiert ein Spezialracket zum 8. Wimbledonsieg. Foto: Clive Brunskill (Getty Images, Wilson)
Die Bescheidenheit in Person: Roger Federer signiert ein Spezialracket zum 8. Wimbledonsieg. Foto: Clive Brunskill (Getty Images, Wilson)

Gehören Sie auch zu den Menschen mit Federer-Überdruss? Haben Sie Federer-Schlagzeilen satt? Genug von Federer-Huldigungen (von Starlets und Bundesratsmitgliedern)? Von Federer-Ovationen (auf Titelseiten statt im Sportteil) und Federer-Vergleichen (mit Zauberern, Göttern, seinem jüngeren Selbst)? Keine Angst: Lesen Sie weiter. Dieser Text wird Ihnen Entspannung bringen.

Sein Erfolg basiert auf Methodik, nicht auf Metaphysik.

So richtig ins Überirdische überhöht hat ihn zuerst David Foster Wallace. Vor elf Jahren publizierte der gefeierte US-Schriftsteller den Essay «Roger Federer als religiöse Erfahrung». Sein Titel sagt alles. Die Aussage eines Pressebus-Fahrers («Federer spielen zu sehen, ist eine verdammte beinahe-religiöse Erfahrung») und seine eigene Ergriffenheit machten Wallace auf dem «heiligen Rasen» Wimbledons zu einem Konvertiten des Metaphysischen. Das ist wörtlich zu nehmen. Um Federer zu beschreiben, schrieb Wallace, komme Metaphysik der Wahrheit am nächsten: «Federer ist einer jener seltenen, übernatürlichen Athleten, für die bestimmte physikalische Gesetze nicht zu gelten scheinen.»

Vermeintliches Lob

Das ist fulminant geschrieben, auf den ersten Blick clever und wird seither bis zum Überdruss zitiert. Aber es ist natürlich Blödsinn. Vor allem aber mindert das vermeintliche Lob im Grunde Federers Leistung. Wenn für ihn die Gesetze der Physik nicht gelten würden, wäre es für ihn ein Kinderspiel, auch den schwersten Match gegen den überlegensten Gegner zu gewinnen.

Die Wahrheit ist viel banaler. Nicht nur Tennis, jeder Spitzensport auf diesem Niveau ist harte Arbeit. Dafür braucht ein Athlet: Training, Training, Training. Ausserdem: Selbstdisziplin, Fokus, Durchhaltewillen. Dazu kommt bei Federer eine höchst ungewöhnliche Kombination charakterlicher Fähigkeiten: sich zwar selbst unbedingt zu vertrauen, gleichzeitig aber auf andere zu hören. Das alles ist Methodik, nicht Metaphysik.

Dazu ist Federer detailversessen im Umgang mit allem, was ihn zur öffentlichen Figur macht. Ein bezeichnendes Beispiel: Als Federers Status es nicht mehr zuliess, dass er jederzeit und überall in Jeans und Poloshirts auftrat, übte er sogar das Anzugtragen systematisch. Darum sieht er heute auch in Blazer und Bügelfalten aus, als sei er darin aufgewachsen. Nicht wie die verkleideten Lausbuben unserer Nationalmannschaft vor dem Abflug zum Länderspiel.

Federer selbst, das darf man sagen, tut alles, um den metaphysischen Heiligenschein abzustreifen. Er ist die Bescheidenheit in Person. Die emotionalen Ausbrüche, die ihn als Jugendlichen am Aufstieg hinderten, hat er abgelegt. Auf und neben dem Platz zeigt er formvollendete Höflichkeit, lobt sein Team und seine Gegner. In Interviews ist er nach wie vor glaubhaft als Musterschwiegersohn von nebenan.

Sorgfältig gepflegtes Image

Dank dem sorgfältig gepflegten Image verzeiht ihm die sonst so neidversessene Öffentlichkeit sein geschätztes Jahreseinkommen von 68 Millionen Franken und ein Vermögen, das vom Wirtschaftsblatt «Bilanz» auf 425 Millionen beziffert wird. Die palastartigen Häuser, der Steuersitz in Wollerau: Wäre Federer ein Banker, er würde dafür verdammt. Federer verhilft sogar Bankern zur Imagepolitur – wenn er sich nach seinem achten Wimbledon-Sieg von Tidjane Thiam gratulieren lässt, dem Chef seines Sponsors CS.

Die frühen Siege, die Konstanz an der Spitze, die vorgelebte Würde in Niederlagen, das von den wenigsten für möglich gehaltene Comeback, der Wimbledon-Rekord und der anscheinend makellose Privatmann: Das alles in einer Person vereinigt zu sehen, ist aussergewöhnlich, aber kein Grund, um Roger Federer herumzutanzen wie ums Goldene Kalb. Als Halbgott, der physikalischen Gesetzen trotzt, könnte er kein Vorbild sein. Es wäre ihm ja alles geschenkt. Als ganz normaler Mensch, der seine Talente mit Fleiss und Charakterstärke optimiert, ist er ein Massstab, nach dem man sich richten kann.

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