Mister Effizienz

Was zeichnet Novak Djokovic aus? Und weshalb ist er nicht beliebter?

Und am Ende hält fast immer er die Trophäe in der Hand: Auch vergangene Woche in Paris-Bercy hiess der Sieger Novak Djokovic.

Und am Ende hält fast immer er die Trophäe in der Hand: Auch vergangene Woche in Paris-Bercy hiess der Sieger Novak Djokovic. Bild: Keystone

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Novak Djokovic reagiert rasch auf die Terroranschläge in Paris. «Geschockt, traurig, entsetzt, sprachlos. Ich bete für alle Familien und Opfer», twittert er am Samstagmorgen aus London, wo die Sicherheitsvorkehrungen an den heute beginnenden ATP World Tour Finals inzwischen verschärft wurden. Auch so ist er, der aktuelle Dominator der Tenniswelt: fürsorglich, Anteil nehmend, aufmerksam, respektvoll. Umso mehr stellt sich die Frage: Wieso hat es der 28-jährige Serbe nur so schwer, Sympathien zu gewinnen?

Die «New York Times» betitelte ein Porträt über ihn während des US Open so: «Ob Sie es mögen oder nicht: Er ist die Nummer 1.» In der Onlineversion war die Überschrift noch deutlicher: «Der ungeliebte Champion». Wo er auch antritt, immer taucht einer hinter dem Netz auf, den das Publikum lieber gewinnen sehen würde als ihn. Im Final von Flushing Meadows ging es so weit, dass Djokovic sich mit einer aggressiven Geste gegen die 23 000 Leute wendete, von denen eine Übermacht mit allen Mitteln versuchte, Roger Federer noch zum Sieg zu treiben.

Ein Jahr der Rekorde mit 14 Endspielen in Folge

Warum also haben viele Mühe, Djokovic mehr als Respekt und Anerkennung für seine Leistungen entgegenzubringen? An denen kann es nicht liegen: Vier der letzten sechs Grand-Slam-Turniere hat er gewonnen, er stand dazu in den letzten beiden Endspielen von Roland Garros, zum zweiten Mal nach 2011 gewann er drei der vier Majorturniere. In der Weltrangliste ist er in einsame Höhen entschwunden, als erster Spieler gewann er sechs Masters-Turniere in einem Jahr.

Dabei übertrifft 2015 sein erstes Ausnahmejahr sogar noch, zumal er damals im Herbst deutlich nachliess: Seit einer Viertelfinalniederlage gegen Ivo Karlovic in Doha zu Jahresbeginn erreichte der in Monte Carlo wohnhafte Grundlinienspezialist stets das Endspiel, 14-mal in Folge, und er gewann zehn davon. Bezwungen wurde er einzig von Federer in Dubai und Cincinnati, von Wawrinka in Paris und Andy Murray in Montreal.

Djokovics Leistungen sind umso höher einzuschätzen, als er sie in einer Ära erbringt, in der mit Federer und Rafael Nadal zwei der grössten Spieler der Geschichte aktiv sind. Der Baselbieter, der gegen ihn dieses Jahr die Endspiele in Indian Wells, Rom, Wimbledon und New York verlor, gibt zu, dass ihn die Entwicklung Djokovics überrascht hat. «Ich hätte nie gedacht, dass er einmal so gut wird, dass er Rafa und mich überholt und davonzieht», sagt er am Freitag in London. «Ich dachte einst, er sei ein talentierter Junge. Aber nicht, dass ihm noch ein Quantensprung gelingt, dass er sogar einmal einen wie Stefan Edberg übertrifft, nachdem er lange die Nummer 3 oder 4 war.» Djokovic habe sein Spiel darauf noch einmal hinterfragt und reagiert. «Sein Aufschlag ist heute souverän, er bewegt sich besser denn je, seine Vorhand, die früher manchmal suspekt war, ist viel stärker geworden.» Und das vielleicht Wichtigste: «Selbstvertrauen hatte er schon immer viel, und damit spielt er super, da ist er einer der Besten, die es je gab.»

Dass sich viele mit dem Serben schwertun, hat wohl gerade auch damit zu tun: dass er so selbstsicher wirkt. Und dass er, aller Voraussicht nach, die Ära von Federer und Nadal beendet hat, von zwei der charismatischsten Siegspielern, die das Tennis je hatte. Hier der elegante, virtuose Schweizer, dort die mächtige und doch bescheidene Schlagmaschine aus Mallorca. Die beiden boten sich viele denkwürdige Duelle, und beiden flogen die Sympathien weltweit zu. Und dann kam er, Djokovic.

Was hat er ihnen denn entgegenzusetzen, was zeichnet ihn als Nummer 1 aus? Jimmy Connors war der wilde Strassenkämpfer, John McEnroe der New Yorker Rebell mit einem messerscharfen Angriffsspiel, Björn Borg der schwedische Halbgott, Stefan Edberg der Flugballvirtuose, Boris Becker die deutsche Naturgewalt, Gustavo Kuerten der fröhliche Sambatänzer, Pete Sampras die unbarmherzige Aufschlag-/Vorhandmaschine, Andre Agassi der schillernde Peitscher mit fliegender Mähne aus Las Vegas, Ivan Lendl «der Schreckliche» aus dem Osten, Lleyton Hewitt der erbarmungslose Kämpfer und Konterspieler. Und Djokovic?

Das Problem ist, dass seine Stärken kaum erkennbar sind

Sein Hauptproblem ist, dass seine Stärken optisch wenig beeindrucken oder auf den ersten Blick gar nicht zu erkennen sind: Konzentrations- und Reaktionsfähigkeit, Präzision, Präsenz, Ballsicherheit, Athletik, Schnelligkeit, taktische Brillanz, Cleverness und Durchhaltevermögen. Dazu eine mentale Stärke und ein Selbstvertrauen, wie sie kaum zu übertreffen sind.

Das zeigt sich gerade in den Entscheidungssätzen, in denen er dieses Jahr eine 16:2-Bilanz schaffte – und achtmal kein oder nur ein Game abgab. Sogar Wawrinka und Murray, zwei seiner ersten Verfolger, mussten zweimal nach einem 0:6 zum Shakehands.

Viele verfügen über einen besseren Aufschlag und spektakulärere Grundlinienschläge als er. Sein Überkopfspiel ist fragil und seine Flugbälle höchstens Durchschnitt; am Netz wirkt er hölzern, auch wenn er sich unter seinem Coach Boris Becker auch dort verbessert hat. Es ist das Gesamtpaket, das Djokovic dermassen auszeichnet, vom Rest abhebt und die Gegner zermürbt. Er ist der Mister Effizienz des Tennis. Und schafft es dabei, seine Bestform über Wochen, Monate und Jahre auf höchster Stufe zu halten. Und speziell, wenn es Ernst gilt, läuft die Maschine auf Volltouren.

Dies ist auch die Folge davon, dass der aus einer Skifahrer-Familie stammende Serbe seiner Karriere alles unterordnet. In Paris, wo er vor acht Tagen im Final gegen Murray zum 22. Sieg in Serie kam, begründete er seine Dominanz so: «Körperlich und mental habe ich den Gipfel erreicht, auch was meine Erfahrung betrifft. Zudem gab es früher Perioden, in denen ich mehr an mir zweifelte, weniger erfolgreich war. Das war eine grosse Lektion, um besser zu werden. Nun kam alles zusammen. Ich bin ein verheirateter Mann, ein Vater. Ich habe eine schöne Balance und Klarheit in meinem Privatleben. Das beeinflusst auch mein Berufsleben – und umgekehrt.» «Wer Perfektion anstrebt, kann Exzellenz erreichen»

Dabei steht ausser Frage, dass Djokovic es auch der Klasse Federers und Nadals zu verdanken hat, so gut geworden zu sein – er war schliesslich dazu gezwungen, wollte er nicht weiter jahrelang in deren Schatten Brosamen sammeln. Er ist überzeugt, dass auch seine gesamtheitliche Lebensweise ein entscheidender Faktor ist. Dazu gehört seine glutenfreie Diät, der Verzicht auf alles, was ihm schaden könnte, die Beschäftigung mit Yoga, Meditation und Visualisierungen sowie spirituellen Weltanschauungen, die ihm helfen könnten, wie die des Kanadiers Eckhart Tolle («Leben im Jetzt»).

Djokovic sieht sich denn auch noch nicht am Ziel. «Ich bin immer noch gewillt, besser zu werden. Keiner kann perfekt sein, aber wenn du Perfektion anstrebst, kannst du Exzellenz erreichen», sagte er in Paris. «Ich versuche deshalb, aus jedem Tag etwas Spezielles herauszuholen.»

Vielleicht sind es auch solche Eigenschaften, die viele daran hindern, ihn uneingeschränkt zu mögen: Djokovic ist verbissen, ehrgeizig, streberhaft, berechnend, opportunistisch, kalkulierend, kompromisslos leistungs- und gewinnorientiert, ein alles verzehrender Kannibale, der aufbraust, wenn es nicht wie gewünscht läuft.

Noch nicht getilgt ist auch der zwiespältige Eindruck, den er in seinen frühen Jahren hinterlassen hat: ein etwas zu selbstbewusster Schnösel, der schon mit 20 Jahren allen die Tenniswelt erklären wollte, körperlich fragil war und rasch aufgab, wenn sich eine Niederlage anbahnte. Der sich beim Publikum anbiederte und sich mit Parodien anderer Spieler auf deren Kosten in den Mittelpunkt stellte.

Vor diesem Hintergrund ist nicht anzunehmen, dass Tweets wie derjenige aus London sein Image nachhaltig verbessern werden. Vielleicht muss er einfach ausharren, bis Federer und Nadal ganz verschwunden sind.

Erstellt: 15.11.2015, 10:36 Uhr

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