Mister Perfect

Einem Geheimnis auf der Spur: Wie hat es Roger Federer geschafft, dass ihn alle lieben und bewundern?

Ein Schatten, aber keine Schattenseiten? Roger Federer in Basel.

Ein Schatten, aber keine Schattenseiten? Roger Federer in Basel. Bild: Christian Merz/Keystone

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Ich habe stets den exzellenten Männergeschmack meiner Frau bewundert. Aber es irritierte mich leicht, als ich ihr erzählte, ich würde am Dienstagabend erstmals Roger Federer live bei einem Spiel erleben. «Schau, dass du ihn mit nach Hause bringst», sagte sie. Und ich fragte mich, als ich die Wohnung verliess: Was hat dieser Mann, dass er bei so vielen so viel Liebe, Zuneigung und Bewunderung auslöst?

Nur wenige Athleten schaffen es, über ihre Sportarten hinaus zu strahlen. Roger (er sollte den Nachnamen loswerden, nur noch als Roger auftreten) hat es sogar geschafft, in andere ­Lebensbereiche vorzustossen. Für mich ist der einzige Athlet ähnlichen Formats, auf wie neben dem Sportplatz, der Golfer Jack Nicklaus. Mit 18 Major-Titeln und seinem Ruf, so golden wie sein Haar, war seine Karriere ähnlich perfekt wie die von Roger.

Es gab viele begabte Athleten, die ihren Sport beherrschten, aber nicht ihr Leben. Tiger Woods konnte seine Hosen nicht zu lassen. Wayne Gretzky konnte der Flasche nicht widerstehen und Maradona seine Nase nicht von den Drogen fernhalten. Es scheint, als habe jeder Ausnahmeathlet eine ­Leiche in seinem Keller.

Eine der witzigsten Storys, die ich hörte, ereignete sich an einem meiner Spiele in Toronto. Unser bester Spieler Bub Munro war wie gewohnt über­ragend, und ein Zuschauer schwärmte: «Wow, dieser Munro kann einfach alles!» Dessen Frau sass eine Reihe davor, wandte sich um und sagte: «Ja, alles – ausser den Müll hinausbringen.» Wie ich Roger zuschaue, frage ich mich: Bringt er den Müll hinaus? Hat er wirklich keine dunklen Seiten?

Sogar beim Einspielen gefeiert

Die Atmosphäre in der Basler St.-Jakobs-Halle ist elektrisierend. Es fühlt sich nicht an, als stehe ein Tennismatch an, sondern eine Beifallskundgebung. Sogar beim Einspielen wird Rogers Schlägen applaudiert. Frances Tiafoe, das arme Opfer, wird höflich empfangen – und dann ignoriert. Er tut mir leid. Wenn er zur Seite blickt, sieht er Tausende Gesichter von Menschen, die ihn verlieren sehen wollen. Er scheint schnell zu begreifen, dass er dem Löwen zum Frass vorgeworfen worden ist. Schon beim Warm-up wirkt er zögerlich, als überlege er sich: «Wie hätte es Roger gerne? Soll ich ihm auf die Vor- oder die Rückhand spielen? Und wie hart?» Roger hat noch keinen Punkt, aber er hat schon gewonnen.

Er stürmt zu einem schnellen 4:0. Tiafoe wird darauf reduziert, bei jedem Gewinnschlag seines Bezwingers den Kopf zu schütteln. Die Halle bleibt die meiste Zeit ruhig. Es scheint, als ­genüge es dem Publikum, Zeuge der Grösse Rogers zu sein. Nachdem der junge Amerikaner dann doch ein paarmal den Aufschlag durchgebracht hat (durchbringen durfte?), entscheidet sich Roger, nach Hause zu gehen. Er schlägt Winner links und rechts, wie es ihm beliebt. Natürlich ist seine Lehrstunde faszinierend. Aber wie jeder Sport braucht auch Tennis ein bisschen Konkurrenz, um richtig packend zu sein. Ich verlasse die Halle ein bisschen enttäuscht.

Aber zum Glück habe ich noch die Chance, Roger an der Pressekonferenz aus der Nähe zu erleben. So muss es sein, wenn jemandem eine Audienz im Königshaus gewährt wird. Alle sitzen andächtig da, und er hat den Raum vollkommen im Griff. Ich nehme meinen Mut zusammen und stelle eine Frage. Nicht, dass ich nervös wäre, mich an Roger zu wenden. Aber es ist mir ein Anliegen, intelligent zu klingen. Ich führe meine Frage ein, indem ich sage: «Hallo Roger, ich bin ein ehe­maliger Eishockeycoach», und er sagt sofort: «Ja, ich weiss, wer du bist.» Ich juble innerlich, bleibe aber natürlich cool. Ich frage ihn nach der mentalen Vorbereitung auf einen Match, den er auch mit 85 Prozent gewinnt. Und ich ziehe den Vergleich zu seinem Lieblingsteam SC Bern, dem 85 Prozent ebenfalls meist reichen. «Natürlich ist man nicht immer bei 100 Prozent», sagt er. «Aber das kann gefährlich sein. Man muss offensiv bleiben, darf den Fokus nicht verlieren und muss nicht versuchen, perfekt zu sein.»

Wie Roger während 30 Minuten in drei verschiedenen Sprachen plaudert, auf eine warme, freundliche Weise, fasziniert mich. Ich frage mich, wie er es geschafft hat, sich zu dem Mann zu entwickeln, der er heute ist. Dafür muss es doch ein Rezept geben.

Das Golfspiel mit den Eltern

Es ist gut zehn Jahre her, als ich mit seinen Eltern Golf gespielt habe an einem Turnier in der Nähe von Basel. Sie waren entzückend, aber ganz normal, durchschnittliche Schweizer. Ich glaube nicht, dass sie mehr mit ihrem Sohn vorhatten als andere. Aber vielleicht ist ja gerade dies das Geheimnis. Vielleicht ist er gerade deshalb ein solch grossartiger Botschafter auf der ganzen Welt geworden. Er ist eine Schweizer Erfolgsstory.

Hillary Clinton schrieb vor ihrer Präsidentschaftskandidatur in einem Buch, es brauche «ein Dorf», um gute Menschen hervorzubringen. Die Schweiz bietet genau dieses Umfeld. Könnten Sie sich vorstellen, dass John McEnroe, Jimmy Connors oder Ilie Nastase in einer Schweizer Gemeinde aufgewachsen wären? Nein? Eben. Natürlich ist hier auch nicht alles perfekt. Aber die Betonung von Demut und Gemeinschaftssinn ist der Nähr­boden, um einen Charakter wie jenen von Roger ­wachsen zu lassen.

Jeder liebt ihn. Seine Kombination von sportlicher Eleganz und Persönlichkeit sind unwiderstehlich. Und ich würde sogar wetten, er bringt den Müll hinaus.

Nein, das wäre zu schön, um wahr zu sein.

Erstellt: 26.10.2017, 00:16 Uhr

Kent Ruhnke (65) führte als Eishockeycoach Biel (1983), die ZSC Lions (00) und Bern (04) zum Titel. Als es seine Knie noch zuliessen, betrieb er auch den Tennissport mit einem gewissen Ehrgeiz. (Bild: Keystone Peter Klaunzer)

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