Mit einer «halben» Japanerin gegen den Rassismus

US-Open-Siegerin Naomi Osaka soll in Japan einen gesellschaftlichen Wandel auslösen. Doch wehe, sie verliert! 

Naomi Osaka gilt in Japan als «hafu». Heisst übersetzt: «halber Mensch». Foto: Toru Hanai (Reuters)

Naomi Osaka gilt in Japan als «hafu». Heisst übersetzt: «halber Mensch». Foto: Toru Hanai (Reuters)

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Naomi Osaka verdreht den Japanern den Kopf. Mit ihrem Sieg am US Open hat die 20-Jährige ganz Nippon zu Tennisfans gemacht. Premierminister Shinzo Abe dankte ihr per Twitter, sie habe Japan «in diesen schweren Zeiten einen Schub der Inspiration geschenkt».

Als sie vorletzte Woche in Tokio eintraf, um am Pan-Pacific-Open teilzunehmen, begleitete das Fernsehen sie den ganzen Tag live. In ihrem wackeligen Kinder-Japanisch grüsste sie die Fans, bedankte sich artig und deutete Verbeugungen an.

Sie sei müde vom Jetlag, sie lächelte matt. Später verkündete sie strahlend, nun sei sie nicht mehr müde. Wollte sie etwas Komplizierteres sagen, hielt sie nach ihrem Übersetzer Ausschau und verfiel ins Englische. Und trotzdem konnten Japans Fernsehmacher nicht genug von ihr kriegen. Sie feierten Naomi als neue Prinzessin.

Osaka soll das Gesicht der Olympischen Spiele von Tokio 2020 werden, heisst es – ausgerechnet Osaka, die nicht nur kaum Japanisch spricht, sondern als Tochter einer Japanerin und eines Vaters aus Haiti auch nicht japanisch aussieht. Das ist von Bedeutung in Japan, das sich noch immer an die Fiktion klammert, es sei eine ethnisch homogene Nation. Wer einen nicht japanischen Elternteil hat, wird hier «hafu» genannt, von «half» – «halber Mensch».

Die Zeitung «New York Times» jubelte, sie werde die Japaner dahin führen, das Konzept ihrer nationalen Identität zu überdenken und ihre Gesellschaft zu öffnen. Ähnlich klang es, als Yu Darvish, dessen Vater aus dem Iran stammt, zum Baseballstar wurde. Oder beim Sprinter Asuka Cambridge mit einem Vater aus Jamaica.

Der Schwimmbad-Zwist

Auch Japans erfolgreichste Missen sind «hafu». Der Vater der Miss World 2016, Priyanka Yoshikawa, kommt aus Bangladesh. Ariana Miyamoto, eine Miss-Universum-Finalistin, ist die Tochter eines schwarzen US-Soldaten. Beide wurden beschimpft, als nicht reine Japanerinnen hätten sie kein Recht, Nippon zu vertreten. Miyamoto erzählte von Mitschülern, die nicht im gleichen Schwimmbecken baden wollten wie sie. Sie wolle ihre ­Bekanntheit nutzen, verkündete sie, um die Haltung der Japaner zu beeinflussen. Verändert hat sie kaum etwas.

Naomi Osaka ist in Japan geboren. Als sie drei war, zogen ihre Eltern mit den beiden Töchtern in die USA, um sich solchen Diskriminierungen zu entziehen. Naomis Grossvater hatte Tamaki Osaka, ihre Mutter, verstossen, als er von deren Beziehung zu Naomis schwarzem Vater erfuhr. Nun sei er stolz – nach Naomis New Yorker Coup habe er vor Glück geweint, so Japans Medien.

Naomis Vater bereitete seine Töchter in Florida nach dem Vorbild der Williams-Schwestern gezielt auf eine Tenniskarriere vor – ihre zwei Jahre ältere Schwester Mari wurde aber nicht so erfolgreich. Als Naomi zehn war, entschied der Vater, sie ­spiele für Japan. Mit 15 wurde sie Profi. Sie hat einen japanischen und einen amerikanischen Pass.

Eine illegale Doppelbürgerin

Nach Japans Gesetzen durfte sie als Jugendliche zwei Staatsbürgerschaften haben, als Erwachsene nicht mehr. Die Regierung setzt das Verbot nicht durch, sie bestraft Doppelbürger nicht, sondern ermahnt sie nur, einen der beiden Pässe abzugeben. Doch ist das auch im Falle eines Stars möglich, über den jedes Detail an die Öffentlichkeit gezerrt wird? Und was passiert, wenn dieser in Ungnade fallen sollte?

Denn Japan kann gnadenlos sein mit seinen Sportlern. Der Tennisspieler Kei Nishikori, zeitweise die Nummer 4 der Weltrangliste, hat dem Boom um Osaka den Weg geebnet. Zeitweise standen viele Japaner, auch solche, die sich sonst kaum für Tennis interessieren, mitten in der Nacht auf, um Nishikori in Europa oder in den USA live spielen zu sehen. Heute schlägt ihm eher Verachtung entgegen. Er ­gewinne ja nie, klagt eine Nachbarin. Und für einen Tennis-Champion sei er zu klein.

Manche Athleten zerbrechen am Druck, der auf «hafus» noch schwerer lastet. Scheitern sie, heisst es, sie seien keine richtigen Japaner. Osaka macht den Medienzirkus geduldig lächelnd mit, mit Witz und Charme. Sie wird Japans Darling bleiben, solange sie sich benimmt. Und solange sie für Japan gewinnt.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 25.09.2018, 23:00 Uhr

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