Profitour mit einer künstlichen Hüfte? Mission Impossible

Hüftspezialist Hannes Rüdiger hält es für unmöglich, dass Andy Murray nach seiner Operation wieder zurückkehren kann. Und erklärt, warum.

Der Griff an die rechte Hüfte: Jahrelang plagte sich Andy Murray mit Schmerzen, nun hat er ein künstliches Hüftgelenk. Foto: Julian Smith (Keystone)

Der Griff an die rechte Hüfte: Jahrelang plagte sich Andy Murray mit Schmerzen, nun hat er ein künstliches Hüftgelenk. Foto: Julian Smith (Keystone)

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Einen eisernen Willen hatte Andy Murray schon immer. Jetzt hat er auch eine eiserne Hüfte. Die rechte. Das ist gut zu erkennen auf dem Röntgenbild, das der Schotte am Dienstag via Instagram verbreitete. Nach Jahren der Schmerzen rang er sich dazu durch, sich Anfang Woche in London ein künstliches Hüft­gelenk einsetzen zu lassen.

Doch er entschied sich nicht für die konventionelle Methode eines Totalersatzes, wie sie in der Schweiz üblich ist, sondern für einen Oberflächenersatz. ­Dabei wird der Hüftkopf nicht entfernt, sondern abgeschliffen und mit einer Metallkappe überzogen – entsprechend der Gelenkpfanne.

Darin bestärkt, diese Variante zu wählen, wurde er durch den US-Doppelspieler Bob Bryan. Der 40-Jährige unterzog sich Anfang August 2018 in London dieser Operation und arbeitete sich in rekordverdächtigem Tempo in den Tennissport zurück. Nach drei Wochen schlug er bereits wieder Bälle, Anfang Januar gab er an der Seite von Zwillingsbruder Mike sein Comeback – nach nur fünf Monaten.

«Mit dem Stop-and-go ist Tennis heikel. Grösser kann die Belastung für das Gelenk kaum sein.»Hannes Rüdiger, Hüftspezialist Schulthess-Klinik

Am Australian Open erreichten die Bryans den Viertelfinal. Eine Rückkehr mit einer künstlichen Hüfte – das hatte noch keiner geschafft. Ist die Medizin also schon so weit, dass man mit ­Ersatzteilen im Körper weiter Profisport betreiben kann?

Hannes Rüdiger, stellvertretender Chefarzt Hüftchirurgie an der Zürcher Schulthess-Klinik, ist da nicht so optimistisch. Er sieht keine bahnbrechenden Neuerungen, die dies ermöglichen würden. «Was sich in den letzten Jahren markant verbessert hat, ist die chirurgische Technik», sagt Rüdiger. «Minimalinvasive Eingriffe sind viel schonender, es werden keine Muskeln und Sehnen verletzt. Und man kann heute präziser operieren. Aber bei den Implantaten gab es keine ­Revolution. Sie sind langlebiger geworden, doch kurz- und mittelfristig bringen sie keine markanten Vorteile.»

In den USA gilt der New Yorker Chirurge Edwin Su als Spezialist für Hüftoperationen bei Profisportlern. Bob Bryan legte sich bei ihm unters Messer. Im April 2013 hatte dies schon NHL-Verteidiger Ed Jovanovski getan. Der 100-Kilo-Brocken gab Anfang 2014 mit 37 sein Comeback bei Florida – als erster NHL-Crack mit künstlicher Hüfte. Jovanovski wurde gefeiert als «Mann aus Stahl» (ESPN), nach 37 Partien schickten ihn die Panthers aber trotz weiterlaufenden Vertrags in Rente. Auch der Baseballer Colby Lewis und der russische Fechter Artur Achmatchusin kehrten mit einer künstlichen Hüfte in ihre Sportarten zurück. Allerdings ebenfalls nicht für allzu lange.

Das Röntgenbild von Murrays Hüfte. Foto: Instagram Andy Murray

Was Tennis betrifft, ist Chirurg Rüdiger besonders skeptisch. «Mit seinem Stop-and-go ist Tennis etwas vom Heikelsten. Viel grösser kann die Belastung für ein Hüftgelenk nicht sein.» Er habe Patienten, die mit einem künstlichen Hüftgelenk wieder hobbymässig Tennis spielen würden. «Aber täglich stundenlang mit hoher Intensität trainieren, ist etwas ganz anderes. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Murray ein ähnliches Niveau erreichen kann wie zuvor.» Einzel sei mit Doppel, wo der Aktionsradius deutlich geringer ist, kaum zu vergleichen.

Änderung der Mechanik

Aber wo liegt das Problem, wenn das künstliche Gelenk mechanisch gut funktioniert? «Wenn ein Gelenk implantiert wird, entsteht immer ein Flurschaden», erklärt Rüdiger. «Gewisse Muskelfasern gehen immer kaputt.» Und obschon man bestrebt sei, die vorherige Anatomie möglichst gut zu rekonstruieren, könne man kleine Änderungen der Mechanik nicht ganz vermeiden. «Der Körper muss lernen, mit dem Kunstgelenk zu funktionieren. Die Muskeln müssen entsprechend den neuen biomechanischen Gegebenheiten etwas anders arbeiten.»

Das sei für normale Patienten kein grosses Problem. Aber auf dem hohen Niveau, auf dem Murray Tennis gespielt habe, sehr wohl. Ein Comeback noch in diesem Sommer auf die Rasensaison, von der britische Turnierveranstalter und Tennisfans träumen, schliesst Rüdiger ohnehin aus. «Der Muskelaufbau und das Wiedererlangen der Koordination brauchen Zeit. Die Saison ist für Murray sicher vorbei.»

«In der Schweiz macht das praktisch niemand mehr. Denn die Vorteile wiegen die Nachteile nicht auf.»Hannes Rüdiger, Hüftspezialist Schulthess-Klinik

Die Frage ist auch: Geht der 31-Jährige ein Risiko ein, wenn er es nochmals versucht? Die Datenlage ist dünn. Der Abrieb zwischen den künstlichen Gelenkflächen sei unter der extremen Belastung grösser, sagt Rüdiger. Und es erhöhe sich die Gefahr, dass sich die Prothese lockere.

Apropos Abrieb: Der erfahrene Hüftchirurg, der im Jahr rund 500 Operationen vornimmt, dabei etwa 350 Erstprothesen einsetzt, steht der Methode des Oberflächenersatzes, für die sich Murray entschied, kritisch gegenüber. Rüdiger sagt: «In der Schweiz macht das praktisch niemand mehr. Denn die Vorteile wiegen die Nachteile nicht auf.»

Metallkombination ist heikel

Von Vorteil sei, dass man etwas Knochen spare und die Prothese tendenziell weniger Gefahr birgt auszukugeln, weil der überkronte Hüftkopf grösser ist. Aus diesem Grund wurde diese Variante bei Sportlern und jüngeren, aktiven Patienten angewandt. Problematisch sei, dass zwei ­Metallflächen aneinanderreiben und Metallionen in den Körper gelangen. Daher werde oft früher eine Wechseloperation nötig «Vom Implantat her geht man bei der Hüftoperation wieder zurück auf Standarddesign, zumal man da Langzeiterfahrung hat.» Rüdiger rät zu einem Prothesenkopf aus ­Keramik in der Kombination mit einem Kunststoffeinsatz.

Comebacks mit einer künstlichen Hüfte schliesst der Arzt aber nicht kategorisch aus. In gelenkschonenden Sportarten wie Reiten oder Velofahren seien sie durchaus denkbar. Von Kontaktsport wie Fussball rät er aber nicht nur Profis ab, weil die Fremdeinwirkung nicht zu kalkulieren sei. Wandern, Schwimmen oder Velofahren seien ideal für Hüftpatienten, Tennis oder Joggen eher nicht. Es sei empfehlenswert, nach der Operation weiter Sport zu treiben, um fit zu bleiben. Doch es sei angebracht, den Ehrgeiz zu zügeln.

Vielleicht entscheidet sich Andy Murray ja für einen Kompromiss: für die Rückkehr als Doppelspieler an der Seite seines Bruders Jamie.

Erstellt: 02.02.2019, 13:38 Uhr

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