Mit ungezügeltem Ehrgeiz

US-Open-Champion Stan Wawrinka fühlt sich bereit, das vierte Jahr in Folge einen Majortitel zu holen. Vor seinem Start in Melbourne ist klar: Er will noch aggressiver spielen.

Dieses Jahr ist Wawrinka fürs Australian Open fit und optimal akklimatisiert. Foto: Julian Smith (Keystone)

Dieses Jahr ist Wawrinka fürs Australian Open fit und optimal akklimatisiert. Foto: Julian Smith (Keystone)

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Er ist von Grund auf bescheiden, kein Mann der grossen Worte. Das hat auch dazu geführt, dass die Medien ihn weitgehend in Ruhe lassen und seine Medienkonferenzen für einen Top-5-Spieler erstaunlich wenig Beachtung finden, sofern er nicht gerade ein Turnier gewonnen hat. Umso bemerkenswerter ist, welches Selbstvertrauen Stan Wawrinka in Melbourne am Wochenende vor dem Australian Open für einmal ausstrahlt. Am Samstag sagt er im Interviewraum der Rod-Laver-Arena: «Ich bin wirklich zufrieden mit meinem aktuellen Niveau. Ich weiss, dass das grosse Resultat kommen wird, wenn ich die Saison voll durchziehen kann.»

Das grosse Resultat – das kann für den ab März 32-Jährigen nur einen weiteren Grand-Slam-Titel bedeuten. Drei der letzten zwölf gingen an ihn, 2014 in Melbourne, 2015 in Paris, 2016 in New York. Inzwischen gehört er zu den Grossen seiner Sportart. Dank den Erfolgen ist auch sein Selbstbild gewachsen und sein Ehrgeiz nun ungebremst – nachdem er jahrelang der Überzeugung war, Majortitel seien für andere da.

Wawrinkas Ausgangslage präsentiert sich in Melbourne deutlich besser als vor zwölf Monaten. Damals war er gesundheitlich angeschlagen, schaffte es aber immerhin noch in die Achtelfinals, wo er Milos Raonic unterlag. Da er nun für einmal seine Saison nicht in Indien, sondern in Brisbane eröffnet hat, weilt er schon fast drei Wochen in Australien. Er ist optimal akklimatisiert, trainiert teilweise sogar mit nacktem Oberkörper. «Brisbane war grossartig, ich genoss das Turnier, die Stadt, die Fans. Ich hatte drei gute Matches, es war für mich der perfekte Saisonstart», sagt er, trotz seiner Halbfinalniederlage gegen Kei Nishikori.

«Alles wird von mir abhängen»

Wawrinka ist auch überzeugt, das Jahresende gut genutzt zu haben. Nach ein paar Tagen Ferien konnte er im Dezember in der Schweiz plangemäss trainieren. «Die Trainings verliefen sehr gut, und nun fühle ich mich bereit, das neue Jahr zu attackieren.» Einmal mehr sei es auch kein Problem gewesen, dass er sich mit Roger Federer Konditionstrainer Pierre Paganini teilt. «Ich hatte drei Blöcke mit ihm, die Abstimmung funktionierte gut.» Wawrinka profitierte zudem davon, dass auf seine Initiative im Geneva Country Club inzwischen ein Rebound-Hartplatz verlegt wurde, der fast identische Spieleigenschaften aufweist wie die Plexicushion-Beläge in Melbourne.

Das Australian Open ist auch das einzige Majorturnier, an dem er noch keine Startniederlage erlitten hat. Entsprechend gelassen blickt er seinem zwölften Anlauf entgegen, der am Montag (ab 9 Uhr MEZ) gegen den Slowaken Martin Klizan beginnt. Der 27-jährige Linkshänder gewann vergangene Saison die Titel in Rotterdam und Hamburg und ist deshalb als Nummer 34 gut klassiert. Wawrinka ist aber auch nicht entgangen, dass der für sein lockeres Mundwerk bekannte Mann aus Bratislava seit August acht Startniederlagen aneinandergereiht hat. «Alles wird von mir abhängen», sagt er. «Dank meiner Rückhand habe ich üblicherweise auch keine Probleme mit Linkshändern.»

Sättigungserscheinungen sind bei Wawrinka keine auszumachen. «Es gibt Aspekte, die ich verbessern kann, und daran arbeite ich weiter konsequent», sagt er. In welche Richtung die Reise mit seinen Coaches Magus Norman und Yannick Fattebert gehen soll, ist klar: Er will die Gegner noch mehr unter Druck setzen, noch aggressiver spielen und retournieren, noch öfter ans Netz vorstossen. Alles mit dem Ziel, weitere grosse Titel zu gewinnen, wie er in der «Tribune de Genève» im Dezember sagte. Am liebsten schon in Melbourne, wo er vor drei Jahren zum Kreis der Grand-Slam-Sieger gestossen ist.

2017 wird sehr interessant

Dass er selbst als aktueller US-Open-Sieger medial im Schatten von Spielern wie Djokovic, Murray, Nadal, Federer und Kyrgios steht, stört ihn nicht. «Ich bin froh, dass Federer wieder da ist», hielt er fest. «Alle freuen sich, ihn wieder zu sehen – wegen allem, was er erreicht hat und der Art, wie er spielt.» Es dürfte ein sehr interessantes Jahr werden, so Wawrinka – «mit Federer, der auf Rang 17 zurückgefallen ist, mit Murray, der als Nummer 1 mehr Vertrauen hat denn je zuvor, mit Djokovic, der alles tun wird, um jedes Turnier zu gewinnen. Mit Nadal, der es nochmals wissen will und Jungen wie Zverev und Kyrgios, die immer stärker werden.» Wer dieses Jahr die Grand-Slam-Titel gewinnen werde, wisse er allerdings auch nicht, fügte er an. Was er aber weiss: Sein Name könnte einmal mehr darunter sein.

Erstellt: 15.01.2017, 18:45 Uhr

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