Andy Murray hat noch nicht abgeschlossen

War es das für den Schotten? Nach dem emotionalen Aus am Australian Open klammert er sich an die letzte verzweifelte Hoffnung.

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Als nach seiner heroischen Fünfsatz-Niederlage gegen Roberto Bautista Agut auf dem Court die Video-Laudatien seiner Kollegen über ihn niederprasselten, war zu spüren: Nein, innerlich hat Andy Murray mit seiner Karriere noch immer nicht abgeschlossen. So sinnlos ein Weiterspielen auch erscheint, so sehr sträubt er sich immer noch gegen das Unvermeidliche. Das spiegelte sich auch in seiner Aussage zu den Fans: «Vielleicht sehen wir uns ja wieder».

Nach Mitternacht, im Interviewraum, legte er seine Gefühlswelt dann offen. «Ich habe grundsätzlich zwei Möglichkeiten. Eine ist, viereinhalb Monate zu pausieren und mich dann auf Wimbledon vorzubereiten. Die andere ist eine erneute Operation.» Als er weitersprach, wurde immer mehr klar, dass er zur zweiten Variante tendiert. Faktisch ist Murray auch schon lange kein Spitzensportler mehr, sondern vielmehr ein Sportinvalider, der sich schwertut, alltägliche Dinge zu erledigen, wie den Hund auszuführen oder die Schuhe anzuziehen.

Der letzte Stohhalm

«Momentan kann ich kaum mehr gehen, und es war heute auch nicht angenehm mit der Hüfte», gab er zu. «Aber zu wissen, dass ich nun lange nicht mehr spiele, half.» Selbst eine Pause bis Wimbledon würde seine Situation nicht gross verbessern, ist er sich bewusst. «Auch dann würde ich kaum gehen können und täglich Schmerzen haben.» Was hindert ihn denn noch daran, sich zur nächsten Operation durchzuringen? «Es gibt absolut keine Garantie, dass ich danach fähig wäre, noch einmal zu spielen. Ich bin mir bewusst, dass das eine wirklich grosse Operation wäre.»


Video: Andy Murray spricht unter Tränen vom Rücktritt

Der dreifache Grand-Slam-Champion geht davon aus, dass er bald aufhören muss. Video: Reuters.


Der Grundlinienstratege, der das Tennis ähnlich liebt wie Roger Federer, klammert sich an den letzten Strohhalm, die letzte Hoffnung. «Es gibt Leute, die nach einer solchen Operation ein Comeback geschafft haben. Bob Bryan macht genau das jetzt (im Doppel, Red.), andere Athleten haben es auch versucht.» Er steht vor einem Dilemma: Entweder verlängert er seine Leiden für vielleicht einen einzigen zusätzlichen Match um Monate – oder riskiert, dass Melbourne sein Schwanengesang war.

Den Entscheid werde er in den nächsten Tagen fällen, sagte der 31-jährige frühere Weltranglistenerste, zweifache Olympia- und dreifache Grand-Slam-Sieger. Innerlich dürfte er ihn aber bereits getroffen haben. Die Aussicht, seine Lebensqualität zu verbessern und die Schmerzen zu lindern, dürfte den Ausschlag geben. Kommt dazu, dass sein Auftritt in Melbourne alle Ingredienzen eines würdigen Abschieds beinhaltete.

«Die Atmosphäre war fantastisch»

Murray kämpfte sich gegen Bautista Agut nach einem 0:2-Satzrückstand in den fünften Satz, gegen einen der formstärksten Spieler der Saison. Dies spielt in seinen Überlegungen auch mit. «Sollte das der letzte Match gewesen sein, war es eine brillante Art aufzuhören. Die Atmosphäre war fantastisch, ich gab alles, das ich hatte und zeigte eine viel stärkere Leistung, als ich angesichts meines Trainingsaufwands hätte zeigen sollen. Ich konnte es geniessen.» Es sei der emotionalste Match gewesen, den er je in Australien gespielt habe. Und immerhin stand er fünfmal im Endspiel von Melbourne (verlor aber alle).

Wie hin- und hergerissen der zweifache Vater ist, machte wenig später seine Antwort auf die Frage klar, wie er seinen Mädchen einmal erklären werde, was er einst gemacht habe. «Ich werde ihnen sagen, ich sei ein Sportler gewesen. Es war zwar ein Traum von mir, vor ihren Augen einen Tennismatch zu spielen, bevor ich zurücktrete. Aber ich bin mir bewusst, dass das wahrscheinlich nun nicht mehr geschehen wird, und das stimmt mich traurig.»

Auch wenn er sich gegen den Rücktritt stemmt, bewegen ihn die vielen netten Aussagen und Videobotschaften seiner Kollegen. «Das ist etwas, worauf ich gerne zurückschauen werde: Obwohl wir extreme Wettkampftypen waren und viele grosse Partien gegeneinander austrugen, war da immer ein echter Respekt unter uns. Wir schickten uns Nachrichten und gratulierten uns gegenseitig. Ich bin überzeugt, dass wir Freunde bleiben werden, und auch das zählt.»


Video: Die emotionale Botschaft der Tennis-Stars

So zollten die Stars der ATP-Tour Andy Murray Respekt. Video: Twitter/Australian Open.


Aber Murray blickt auch mit zwiespältigen Gefühle auf seine Karriere zurück. «Es wäre wohl besser gewesen, etwas weniger zu spielen und mir etwas mehr Pausen zu gönnen. Das frustriert mich angesichts der Situation, in der ich mich nun befinde. Es war wahrscheinlich ein Fehler, so hart gearbeitet zu haben. Ich hätte besser manchmal nein gesagt als einfach zu tun, was mir gesagt wurde.» Eine Erkenntnis, die ihm zu spät kam und wofür er nun einen hohen Preis zahlen muss.

Erstellt: 15.01.2019, 03:13 Uhr

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