Nick Kyrgios: Tennis-Lümmel oder Bereicherung?

Der launische Australier spaltet durch sein Verhalten die Tennisszene. Am Donnerstag spielt er gegen Rafael Nadal.

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Die Reaktion spricht Bände. Die Frage ist noch nicht fertig formuliert, aber der Name Nick Kyrgios schon gefallen, da sagt der Spanier Roberto Bautista Agut sofort: «Ich werde nicht antworten.» Umgehend wendet er sich ab von den Journalisten. Es gibt im Männertennis keine Figur, die so polarisiert wie Kyrgios. Der 24-Jährige aus Canberra teilt die Tennisgemeinde in zwei Lager: Für die einen ist er ein respektloser Lümmel, der verbannt gehört, für die anderen macht er ihren Lieblingssport aufregend.

Worin sich alle einig sind: Kyrgios ist speziell, ja einzigartig. Das zeigt sich auch während seiner Partie in Wimbledon gegen Landsmann Jordan Thompson. Beim Einspielen versucht Kyrgios erst einmal, den Ball zwischen den Beinen hindurch zu schlagen, und dann geht es erst richtig los: Er produziert viele unkonventionelle Schläge, wehrt mit einem 210 km/h schnellen zweiten Service einen Satzball ab, legt sich mit dem Schiedsrichter und einer Zuschauerin an, schenkt den vierten Durchgang ab, wirft sich in clownesker ­Manier auf den Rasen, schlägt von unten auf, bezeichnet sich selber als verrückt und feiert einen Punktgewinn mit einer ­Ehrenrunde. «Ich werde mich nie ändern», sagt Kyrgios. Er gehe auf den Platz und habe Spass.

Ohne Filter

Das Spektakel dauert fast dreieinhalb Stunden, aber fast alle Zuschauer bleiben sitzen, selbst wenn die Blase drückt. Niemand will es verpassen, wenn der extrovertierte Australier in seine ­geräumige Trickkiste greift. Oder ausrastet. In Down Under überträgt Channel 7 nicht etwa Ashleigh Bartys erste Partie als Nummer 1 live, sondern Kyrgios gegen Thompson. Die Einschaltquoten geben den Verantwortlichen recht; sie sind höher als beim Wimbledon-Final 2018. Auch weil er viel Aufmerksamkeit generiert, schrieb Patrick Mouratoglou, der Coach von Serena Williams, im März auf Twitter, Kyrgios sei «fantastisch fürs ­Tennis. Er ist der einzige Spieler, der nicht zweimal darüber nachdenkt, bevor er etwas sagen oder tun wird.»

Wie wahr: Kürzlich nannte Kyrgios in einem viel beachteten Interview Rafael Nadal einen schlechten Verlierer und bezeichnete die Jubelgeste Novak Djokovics als hochnotpeinlich. Das dürfte Mouratoglou gefallen haben. Gegenüber der britischen Zeitung «Metro» hielt der Franzose nämlich fest, Tennis brauche Emotionen und Kontroversen. «Nur wenn die Leute Spieler mögen oder eben nicht mögen, finden sie die Show spannend. Wenn sich alle gleich benehmen, ist es langweilig.»

Langweilig ist Kyrgios bestimmt nicht. Nach dem Titelgewinn in Acapulco gab er zu, dass er jeweils bis tief in die Nacht an Partys geweilt hatte. Das und gelegentliche Schiedsrichterbeleidigungen würden ihm wohl auch konservative Anhänger noch nachsehen, zumal frühere Helden wie Ilie Nastase, John McEnroe und Jimmy Connors auch keine frommen Lämmer waren. Heinz Günthardt sagt, einige der Ehemaligen seien mit den Schiedsrichtern nicht besser umgegangen, «aber es gibt einen gewaltigen Unterschied: Connors hat in jedem Match alles gegeben, um jeden Punkt zu gewinnen. Das haben die Besucher im Stadion gespürt.»

Federers Vorbehalt

Roger Federer, der sich im Mai nach Kyrgios’ Ausraster in Rom gegen eine Sperre aussprach, sieht eine ähnliche Problematik: «Wenn er nicht das Beste gibt, kann ihn niemand in Schutz nehmen. Wichtig ist auch, dass die Jungen nicht seinen Blödsinn nachmachen.» Für Günthardt ist der Australier «nicht das Vorbild, das Jugendliche brauchen, die vorhaben, Tennis als Beruf auszuüben». Viktorija Golubic ist ebenfalls gespalten. «Er hat schon ­einige Aktionen geboten, die respektlos sind. Doch er hat auch eine lässige Seite: Er repräsentiert die Spielfreude und nicht nur das disziplinierte Arbeiten.»

Heute fordert Kyrgios Nadal heraus. Und gegen die Besten ist der hochbegabte Rechtshänder jeweils sehr motiviert und daher gefährlich. Gegen Federer hat er einmal, gegen Djokovic beide Matchs und gegen Nadal drei von sechs Duellen gewonnen. «Wenn ich viel Energie habe, spiele ich gut. Bin ich ruhig, spiele ich weniger unberechenbar und bin weniger unterhaltend», bemerkt Kyrgios.

«Viele Leute sagen, dass ich nicht auf die richtige Art spiele oder mir die Klasse für diesen Sport fehlt, doch wahrscheinlich werden sie doch zuschauen.» Kyrgios schmunzelt, als er das sagt. Auch Federer dürfte sich nach seinem Auftritt vor dem Fernseher die Begegnung dieser doch so gegensätzlichen Konkurrenten anschauen. Der Superstar glaubt, Kyrgios sei «eher positiv fürs Tennis, aber er bewegt sich auf einem schmalen Grat».

Resultate und News zum Turnier in Wimbledon finden Sie im Liveticker.

Erstellt: 04.07.2019, 08:21 Uhr

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