«Niemand spielt von A bis Z perfekt»

Boris Becker über die Dominanz der Big 4, die speziellen Bedingungen in New York und warum er mit Alexander Zverev mitleidet.

Boris Becker glaubt, dass Novak Djokovic noch nicht auf seinem Topniveau ist. Foto: Imago

Boris Becker glaubt, dass Novak Djokovic noch nicht auf seinem Topniveau ist. Foto: Imago

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Boris Becker ist in New York ein viel beschäftigter Mann; einerseits ist er am US Open als Eurosport-Experte tätig, anderseits beobachtet er in seiner Rolle als Chef des deutschen Männertennis seine Landsleute. Interviews gibt er nur selten, schon gar nicht zu seiner persönlichen Situation. Via einen Kommunikationsmanager von Eurosport willigte der Gewinner von sechs Grand-Slam-Titeln ein, schriftlich gestellte Fragen zu beantworten – in Englisch. Seine Aussagen wurden als Tondatei geliefert.

Wie stufen Sie Roger Federers Auftritt gegen Nick Kyrgios ein?
Mich überrascht bei Roger nichts mehr, er hat so viele Turniere ­gewonnen. Er ist immer noch die Nummer 2 der Welt, und so hat er gespielt.

Ab dem zweiten Satz spielte er fantastisch, doch anfänglich hatte er verletzlich gewirkt. Muss man sich aus Schweizer Sicht Sorgen machen?
Es handelte sich um einen Best-of-5-Match, niemand spielt von A bis Z perfekt. Es stimmt, Kyrgios hatte früh ein paar Breakchancen, doch das ist nichts ­Ungewöhnliches. Als Federer den ersten Satz gewann, wechselte das Momentum. Danach war ­Federer mindestens eine Klasse besser als Kyrgios.

Obwohl Federer in Melbourne triumphierte, spielt er 2018 nicht ganz auf dem Niveau von 2017.
Da bin ich einverstanden. Er begann das Jahr zwar stark, holte auch in Rotterdam den Titel, doch dann waren die Resultate nicht mehr ganz so gut: Er verlor in ­Indian Wells einen schwierigen Final gegen Juan Martin Del Potro und konnte in Wimbledon den Titel nicht verteidigen. Trotzdem: Sein Niveau ist immer noch sehr, sehr hoch.

Es sieht nach einem Viertelfinal gegen Novak Djokovic aus. Was ist zu erwarten?
Es handelt sich um einen erneuerten Djokovic, und wenn Novak bei 100 Prozent ist, spielt er gern gegen Roger, speziell auf Hartplatz. Es wird bestimmt ein grossartiger Match.

Die Bedingungen sind langsamer als in anderen Jahren. Wäre das für Federer gegen Djokovic und Rafael Nadal ein grosser Nachteil?
Ich denke nicht, dass die Bedingungen wirklich langsam sind. Rafa ist der Beste auf Sand, also ist es grundsätzlich so: Je langsamer sich der Platz spielt, desto besser ist es für ihn. Aber meiner Meinung nach ist die Unterlage mittelschnell und daher fair für alle.

«Einmal ein Champion, immer ein Champion.»

Sind Sie überrascht, dass Djokovic nach monatelangen Problemen in Wimbledon und Cincinnati triumphierte?
Einmal ein Champion, immer ein Champion. Es stimmt, er bekundete am Anfang Mühe, nach seinem Time-out und seiner Verletzung den Rhythmus zu finden. Doch als er bereit war, die nötigen Trainingsstunden zu investieren und Wettkampfpraxis zu sammeln, war es nur eine Frage der Zeit, bis er wieder zurück an der Spitze sein würde.

Ist er schon wieder auf ­demselben Niveau wie damals als Nummer 1?
Noch nicht ganz. Ich denke, bis er wieder ganz der Alte ist, braucht er noch ein paar Monate. Er ist schon wieder nahe an seinem besten Niveau, doch ich erwarte ihn erst am Australian Open in absoluter Topform.

Nadal wurde gegen Karen Chatschanow stark gefordert. Zudem fiel auf, dass der Spanier keine Asse schlug. Ist er nicht in guter Verfassung?
Mir gefiel der Match hervorragend, Rafa spielte sehr clever. Chatschanow ist einer der künftigen Superstars. Manchmal konzentriert sich Rafa auf die Platzierung seines Aufschlags, statt direkte Punkte zu suchen. Die Art des Aufschlagens war Teil der Strategie.

Alexander Zverev ist früh gescheitert. Was fehlt ihm noch, damit er auch auf Grand-Slam-Stufe den Durchbruch schafft?
Als Chef des deutschen Männertennis, das können Sie mir glauben, bin ich genauso frustriert wie Sascha. Klar, er war Favorit und hätte nicht ausscheiden dürfen, doch ich muss Philipp Kohlschreiber Kredit geben: Er spielte schlicht besser. Doch Sascha ist noch sehr jung, er entwickelt sich noch, er experimentiert mit seinem Spiel. Wir müssen Geduld haben.

Stan Wawrinka hat eine harte Zeit hinter sich, in den letzten Wochen aber Aufwärtstendenz gezeigt. Wird er 2019 an den Grand-Slam-Turnieren wieder zu den Titelanwärtern gehören?
Ich hoffe es, er ist ein Klassemann. Er macht einen fitten Eindruck, spielt schon wieder ganz gut, doch er braucht noch ein paar Matches. Stan muss geduldig bleiben. Wenn er so weitermacht, kann er hoffentlich zu Beginn des nächsten Jahres wieder sein bestes Tennis zeigen.

Erstellt: 03.09.2018, 06:54 Uhr

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