«Nur Federer kann alle vereinen»

Swiss-Tennis-Präsident René Stammbach (63) möchte die rivalisierenden Lager des Welttennis zusammenbringen.

Präsident des Schweizer Tennisverbandes: René Stammbach. (Bild: PD)

Präsident des Schweizer Tennisverbandes: René Stammbach. (Bild: PD)

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ATP-Final, Davis-Cup-Finalturnier, ATP-Cup: Auf den Tennisfan kommt in den nächsten acht Wochen eine geballte Ladung zu. Wie kann er sich da noch orientieren?
Die Erfahrung zeigt, dass man mitfiebert, wenn eigene Spieler und Topshots dabei sind. Aus Schweizer Sicht ist das mit Federer in London der Fall, beim Davis-Cup-Final und am ATP-Cup ist die Schweiz nicht dabei. Was der Fan tun soll? Er soll einfach Tennis konsumieren. (lacht)

Wird das nicht alles zu viel?
Natürlich ist es zu viel. Vor allem für die Spieler. Ich war am WTA-Finale in Shenzhen und sah, wie sich vier der neun Spielerinnen verletzt zurückzogen. Deshalb suchen wir auch einen früheren Termin für das Davis-Cup-Final­event. Im Sommer nächsten Jahres entscheiden wir, wo wir ab 2021 geografisch und datumsmässig hingehen.

Wie ist die Tendenz?
Es gibt verschiedene Modelle. Ich unterhielt mich vor zwei Monaten mit Federer in Horgen und sagte ihm: «Du spielst eine Rolle bei diesen Plänen. Du kannst einiges dazu beitragen, denn du hast mit dem Laver-Cup ja auch ein Turnier am Start.»

War sein Manager Tony Godsick auch dabei?
Nein. Wir treffen uns jeweils einmal pro Jahr unter vier Augen, um uns auszutauschen. Wir planen eine halbe Stunde, doch dann dauert es meistens zwei Stunden. Er muss ja ein Interesse an den Entwicklungen haben. Wenn etwa wir vom Internationalen Tennisverband (ITF) beschliessen sollten, mit dem Davis-Cup-Final in die Laver-Cup-Woche zu gehen, gäbe es wohl unüberbrückbare Differenzen.

Roger Federer und Rafael Nadal beim Laver Cup. (Bild: Keystone)

Sucht der ITF denn diese Konfrontation?
Dieses Szenario wollen wir vermeiden. Deshalb ist es essenziell, dass wir bald alle an einen Tisch sitzen. Federer, Godsick, David Haggerty (ITF-Präsident), ich und die ATP mit dem neuen Chairman Andrea Gaudenzi. Das war mein Appell an Federer. Er ist der Einzige, der uns vereinen und ultimativ sagen kann: «Guys, wir machen ein Meeting und brainstormen, wie wir den Turnierkalender so gestalten können, dass alle Platz haben.» Ich sagte zu ihm: «Meiner Meinung nach solltest du nicht zuschauen oder deinen Manager machen lassen. Denn du wärst ein kompetenter und authentischer Vermittler.»

Wusste Federer da schon, dass er in den Players’ Council der ATP zurückkehrt?
Ja. Eine gute Entwicklung, wie ich finde. Auch, dass Rafael Nadal zurück ist.

Was ist sein langfristiges Interesse? Den Laver-Cup sichern?
Ich denke schon. Wobei er eher ganzheitlich denkt, während sein Manager Tony Godsick primär Eigeninteressen vertritt.

«Wir im ITF tagen unter uns, von der ATP war noch nie jemand bei uns dabei.»

Sie sagten kürzlich in der NZZ: «Wir im Tennis machen öffentlich eine jämmerliche Figur. Wir zerfleischen uns gegenseitig.» Wer sträubt sich denn gegen eine Kooperation?
Fakt ist: Sie findet nicht statt. Wir im ITF tagen unter uns, von der ATP war noch nie jemand bei uns dabei. Und umgekehrt. Nicht einmal unser Präsident war eingeladen an ein Meeting der ATP. Bei den Frauen klappt es besser. Da ist der ITF-Präsident im WTA-Vorstand. Daher läuft es da auch so gut. Wir haben das neue Fed-Cup-Finalturnier in Budapest (ab 2020) gut hingekriegt, reden mit der Frauentour sogar über WTA-Punkte. Auch bei Olympia.

Könnte es sein, dass die WTA gesprächsbereiter ist, weil sie in einer schwächeren Position ist als die ATP, die mit Federer, Nadal und Djokovic eine goldene Zeit erlebt?
Blenden Sie acht, zehn Jahre zurück, da war die ATP kurz vor dem Konkurs. Es sind Wellen­bewegungen. Und was passiert, wenn die drei zurücktreten?

Sogar innerhalb des Tennis-Weltverbands gibt es Spaltungen. Wieso?
Die Wogen, die es wegen der Davis-Cup-Reform gab, haben sich geglättet. Das Problem ist, dass die Australier machen, was sie gerade wollen. Ohne Rücksicht auf Partnerschaften, Verluste und Mitgliedschaften.

Der Sieger des letzten ATP-Finales Alexander Zverev. (Bild: EPA)

Sie meinen den ATP-Cup?
Dieser ist ein Bruch in der Geschichte der Zuständigkeiten für die Wettbewerbe. Ursprünglich einigten wir uns darauf, dass der ITF die Teamwettbewerbe macht und die ATP und die WTA die Turniere. Die Australier planen nun auch schon ein Pendant zum ATP-Cup bei den Frauen. Sie wollen einfach ihre Daten zementieren. Diesen einseitigen Tendenzen muss der ITF definitiv entgegenwirken, indem er die Australier zurückbindet.

Der ITF und sein neuer Vertragspartner Kosmos von Gerard Piqué planen für 2021 einen Majesty-Cup für die Männer mit 10 Millionen Dollar für den Sieger. Das ist ja auch kein Teamwettbewerb.
Nein. Aber er findet in einer dem ITF zustehenden ehemaligen ­Davis-Cup-Woche statt. Und wir lassen uns auch nicht alles bieten.

Alle wollen sich ein Stück abschneiden vom Tenniskuchen. Aber ist das Ganze nicht irgendwann ausgereizt?
Bei den Sponsoren noch nicht. Schauen Sie, was beim Davis-Cup-Final in Madrid passiert ist: Wir hatten BNP Paribas als Titelsponsor mit einem tiefen zweistelligen Millionenbetrag jährlich. Der stieg aus. Diesen Betrag hat Kosmos locker verdoppelt, mit einem neuen Modell mit acht Sponsoren, die im Schnitt zwischen 3 und 4 Millionen ­bezahlen. Dann bist du auf 30 Millionen. Dazu kommen die Investoren: der chinesische Staatsfonds, Rakuten (ein Internetgigant) sowie Larry Ellison.

«Es bröckelt der Unterbau.»

Dafür stossen viele Spieler an ihre Grenzen.
Ja, bei den Spielern ist es sicher ausgereizt. Und es bröckelt der Unterbau. An den kleinen Turnieren, den 250ern, tritt kein Topspieler mehr an ohne eine erkleckliche Antrittsgage. Die ATP muss auf ihren Mittelbau aufpassen. Wenn die kleineren der etwa 70 ATP-Turniere defizitär sind, könnten 20 bis 30 davon verschwinden.

Kosmos garantiert dem ITF über 25 Jahre 3 Milliarden Dollar, das macht 120 Millionen pro Jahr. Schwimmt der Weltverband jetzt im Geld?
Es fliesst ja nicht das ganze Geld an uns. Unter anderem gehen jeweils 18 Millionen ins Preisgeld für das Davis-Cup-Finalturnier und rund 40 Millionen in die Organisation, dazu fliessen weitere Mittel an die Landesverbände.

Ist der Davis-Cup nicht doch zum Piqué-Cup geworden, wie einige befürchten? Was hat der ITF noch zu sagen?
Es ist immer noch der Davis-Cup. Renovieren mussten wir ihn ohnehin, ob mit oder ohne Piqué. Ich finde die neue Formel gut und verständlich. Zudem erhält nun auch jeder Landesverband massiv mehr Geld.

Kann Piqué entscheiden, dass das Finalturnier auf zwei Wochen und 24 Teams ausgedehnt wird, wovon er ja spricht?
Nein. Bei grundsätzlichen Dingen entscheidet der Steuerungsausschuss, wobei der ITF den Stichentscheid hat.

Fussballer Gerard Piqué und ITF-Präsident David Haggerty (r.) an der Auslosung des diesjährigen Davis-Cups. (Bild: Samuel de Roman/Getty Images)

Piqué ist als Profifussballer nicht unumstritten im Tennis. Wie stehen Sie zu ihm?
Er ist ein Guter. Denn erstens ist er ein Sportler, kein Investor, der nur das Tennis ausbeuten will. Er hat eine Vision. Zweitens hat er das richtige Beziehungsnetz, sonst hätte er das Geld nicht zusammengebracht. Ich handelte als Finanzchef des ITF mit unserem Präsidenten und ihm den Hauptvertrag aus, unterschrieb ihn auch. Ich finde seine Vision grossartig. Übrigens ist er mit dieser Investition ein grosses Risiko eingegangen. Er liebt das Tennis, auch wenn er mit Federer punktuell Meinungsverschiedenheiten hat.

Zwischen Piqué und Federer gab es von Anfang an Spannungen und Kommunikationsprobleme. Könnten Sie als Schweizer und ITF-Vizepräsident da nicht vermitteln?
In dieser Sache unternehme ich nichts. Das ist, wie wenn zwei meiner Freunde Streit haben. Da sage ich: Macht das miteinander aus, ihr seid erwachsen. Ich kann keinem befehlen: Bring ihm jetzt einen Rosenstrauss.

«Der Davis-Cup hat eine riesige Wandlung durchgemacht – zum Guten.»

Was erwarten Sie vom Davis-Cup-Finalturnier in Madrid? Der Vorverkauf soll nicht sehr gut laufen.
Der Davis-Cup hat eine riesige Wandlung durchgemacht – zum Guten. Wir verteilen in dieser Woche 18 Millionen und damit gleich viel, wie die Männer am French Open erhalten, im Einzel und im Doppel zusammen. Nur geht es bei uns an etwa 90 Spieler, am French Open an 300 bis 400. Und ausser Federer und Zverev sind alle dabei, die nicht verletzt sind. Ich bin gespannt, wie der Davis-Cup ankommt. Die Spiele der Spanier, die Halbfinals und der Final sind ausverkauft.

Sie waren eben am WTA-Finale. Dort hatte es zwar nicht viele Zuschauer, aber es gibt die nächsten zehn Jahre ein Rekordpreisgeld. Jemand sagte: Jetzt mästen uns die Chinesen, um uns nachher zu verspeisen. Ist diese Entwicklung nicht heikel?
Mich schmerzt es auch, wenn die Stadien halb leer sind. Egal, in welcher Sportart. Doch wenn das nur eine Aufbauphase ist und sie dazu führt, dass die Stadien in fünf, sechs Jahren voll sind und es dann weltweit viel mehr Tennisfans gibt? Die Zukunft muss dies weisen.

Erstellt: 08.11.2019, 07:00 Uhr

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