«Okay, das Leben geht weiter»

Roger Federer gab sich nach dem verlorenen Final gefasst. Er wähnt sich auf dem richtigen Weg.

Abmarsch mit ungeliebter Trophäe: Nach seinem zehnten Wimbledonfinal ist Roger Federer zum dritten Mal der Verlierer. Foto: Mike Egerton (Keystone)

Abmarsch mit ungeliebter Trophäe: Nach seinem zehnten Wimbledonfinal ist Roger Federer zum dritten Mal der Verlierer. Foto: Mike Egerton (Keystone)

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Wie entscheidend war die Phase nach dem epischen Tiebreak des zweiten Satzes?
Es wäre schön gewesen, zu Beginn des dritten Satzes ein Break zu schaffen oder wenigstens mit Djokovic Schritt zu halten. Schade, schaffte ich es nicht, vom Momentum zu profitieren. Ich wehrte zwei Breakbälle ab, hatte dann selbst eine Chance bei seinem Aufschlag. Und dann bekam ich das Break, weil ich eine Vorhand verschlug, die ich nie hätte verschlagen dürfen. Während des Tiebreaks war die Atmosphäre grossartig gewesen. Die Zuschauer waren voll dabei. Dann war es wieder ruhiger, mussten wir wieder die richtigen Emotionen finden. Die ersten Games im dritten Satz waren eng. Dass Djokovic da das Break schaffte, könnte der Schlüssel gewesen sein.

Wie gingen Sie mit der Pause um?
Der Regen kam für mich zur falschen Zeit. Er hätte entweder etwas früher oder später fallen sollen. Die Pause war nur kurz. Ich versuchte, mit meinem Team zu reden, kurz zu entspannen, aber warm zu bleiben. Sie sagten uns, wir würden bald weiterspielen. Leider konnte ich von der Pause nicht profitieren. Aber ich fand es gut, dass sie das Dach nicht schlossen, dass wir unter freiem Himmel fertig spielen konnten.

Das Publikum stand fast geschlossen hinter Ihnen. Wie war das?
Wunderbar. Es ist schön, überall, wo ich hingehe, so viel Unterstützung zu erfahren. Vor allem hier in Wimbledon, dem heiligen Gral des Tennis. Das fühlt sich fast an wie ein Sieg.

War es möglicherweise ein Nachteil, dass Sie gegen Andy Murray schon einen Halbfinal gespielt hatten, der sich wie ein Final anfühlte?
Nein. Ich war mir sehr wohl bewusst, dass es gegen Murray nicht der Final gewesen war. Und als ich 2012 gewann, war es ja umgekehrt gewesen, hatte ich zuerst gegen Djokovic, dann gegen Murray gespielt. Ich fand, der Murray-Match war eine gute Vorbereitung für den Final. Er gab mir viel Selbstvertrauen. Und manchmal entscheidet das Selbstvertrauen, ob man gewinnt oder verliert.

Was hätten Sie anders tun können?
Ich habe alles gegeben, was ich konnte. Aber ich habe das Gefühl, in wichtigen Momenten zu oft falsche Entscheidungen getroffen zu haben. Wo ich hinservieren soll, ob ich Aufschlag-Volley spiele oder nicht. Und ich hätte bei entscheidenden Punkten sicher noch besser aufschlagen können.

Wie gut war Djokovic in diesem Final? So gut wie noch nie?
Schwer zu sagen. Ich empfand ihn beispielsweise in Rom (im Mai) schon sehr stark. Ich hatte dort Probleme mit dem Return. Aber von der Grundlinie aus spielte er wirklich sehr gut. Er spielt anders gegen mich als gegen die anderen, mit mehr Aggressivität. Er weiss, dass es gegen mich nicht genügt, den Ball im Spiel zu halten und möglichst viele Bälle zu erlaufen. Das ist immerhin eine Genugtuung für mich. Aber ich finde es unglaublich, dass er in vier Sätzen im Wimbledon-Final nie Aufschlag-Volley spielt und gewinnt. Nicht einmal. Vielleicht wäre das noch eine Option für ihn, um sich zu verbessern.

Djokovic hat bereits seinen neunten Major-Titel gewonnen. Wo sehen Sie seinen Platz in der Tennishistorie?
Er ist auf dem Weg nach oben. Aber wo er landen wird, wissen wir noch nicht. Er macht sich einen grossen Namen. Er hat schon so viele Titel gewonnen, spielt nun schon lange extrem konstant. Er hat sicher noch viele gute Jahre vor sich, wenn er verletzungsfrei bleibt.

Sie traten in Wimbledon an mit der Ansage, gewinnen zu wollen. Können Sie nun trotzdem zufrieden sein mit sich?
Ich spielte sogar ein bisschen besser, als ich erwartet hatte. Vom Anfang bis zum Schluss war ich sehr solide. Und ich machte es auch Djokovic schwer, mich zu schlagen. Klar bin ich nicht happy, dass ich den Final verloren habe. Aber übers Gesamte darf ich mit mir zufrieden sein. Ich habe lange kein Break zugelassen, sehr offensiv gespielt. Auf diesem Weg gilt es weiterzufahren.

Wie weh tut diese Niederlage?
Es macht nie Spass zu verlieren. Manche Matches sind einfacher zu verdauen als andere. Ich glaube, das dürfte auch bei diesem Final der Fall sein. Der erste Moment nach dem Spiel war seltsam. Wir mussten vom Platz, weil sie das Dach schlossen. Ich dachte: Lasst uns doch die Zeremonie hinter uns bringen. Aber dann gingen wir halt raus, ich nahm eine Dusche und hatte ein wenig Zeit, Abstand zu nehmen. Es erinnerte mich an den Olympiafinal, als ich auch total enttäuscht war und warten musste bis zur Zeremonie. Man kommt zurück auf den Court und denkt: Okay, das Leben geht weiter. Ich glaube nicht, dass die Enttäuschung die nächsten Tage noch grösser wird.

Mit welchem Gefühl reisen Sie ab?
Ich finde, ich habe ein gutes Turnier gespielt. Man kann ein gutes Turnier spielen, ohne es zu gewinnen. Ich gewann sechs Matches, verlor einen. Die Quote ist ziemlich gut. Trotzdem laufe ich mit leeren Händen davon. Die Trophäe für den Finalverlierer ist nicht das Gleiche. Das weiss jeder. Zum Glück habe ich hier schon ein paarmal gewonnen, habe ich deshalb nicht das Gefühl, ich müsste dem Titel hier nachrennen. Aber natürlich hätte ich extrem gerne gewonnen. Ich reise schon mit gemischten Gefühlen ab. Der Weg in den Final wird nächstes Jahr wieder lang sein.

Wie geht es jetzt weiter für Sie?
Jetzt werde ich erst einmal zurücklehnen, in die Ferien verreisen und in zehn, zwölf Tagen entscheiden, wie es weitergeht. Auch, ob ich im September im Davis-Cup spiele. Ich sehe schon ziemlich klar, was ich will. Aber ich brauche noch ein paar Antworten.

Erstellt: 13.07.2015, 04:26 Uhr

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