Plötzlich läuft es wieder von allein

Belinda Bencic geht gestärkt in ihr erstes Grand-Slam-Turnier seit einem Jahr. Ein wenig auch dank Federer.

Hoch hinaus will Belinda Bencic nach dem gelungenen Jahresauftakt: Beim Australian Open ist wieder mit ihr zu rechnen. Foto: Paul Kane (Getty Images)

Hoch hinaus will Belinda Bencic nach dem gelungenen Jahresauftakt: Beim Australian Open ist wieder mit ihr zu rechnen. Foto: Paul Kane (Getty Images)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wer sagt denn, es müsse immer um Preisgeld und Punkte gehen? So glücklich, wie Belinda Bencic während des Hopman-Cup in Perth wirkte, glaubte man es der Ostschweizerin sofort, als sie sagte: «Ich bin vor allem happy, zurück zu sein und vor so vielen Leuten spielen zu können. Das ist viel besser, als frustriert und verletzt zu Hause zu sein. Ich spiele ja auch Tennis, um es zu geniessen, nicht wegen des Geldes oder der Ranglisten. Das möchte ich so halten und, vor allem, gesund bleiben.» Sie wolle inskünftig auch entspannter sein, sich nicht so stark unter Druck setzen.

Es sind Worte, die an Roger Federer erinnern, und das ist kaum ein Zufall. Der 19-fache Majorsieger bemüht sich, der Junioren-Weltmeisterin von 2013 und Newcomerin des Jahres 2014 zu helfen, sie von seinen Erfahrungen profitieren zu lassen. Er meldete sich bei ihr auch mit aufbauenden Worten, als sie von April bis September vergangenen Jahres nach der Operation des linken Handgelenks fünf Monate pausieren musste, die Grand-Slam-Turniere in ­Paris, Wimbledon und New York verpasste und bis auf Rang 318 zurückfiel.

Infografik: Bencic in der Weltrangliste Grafik vergrössern

«Ich wollte für sie ein guter Partner sein und ihr als Mentor helfen, damit sie noch stärker wird», bekannte Federer nach dem Hopman-Cup. «Sie ist enorm motiviert und hat einen schönen Weg vor sich. Und sie spielt aus den richtigen Gründen Tennis.» Bencic nahm seinen Support dankend an. «Jeder Turniersieg ist emotionell. Aber dies war eine sehr spezielle Woche, wegen Roger», sagte sie. «Es war grossartig, mit ihm zu sein, mit ihm zu trainieren, von seiner Erfahrung profitieren zu können, ihn spielen zu sehen. Ich muss alles mitnehmen, was ich von ihm lernen kann.»

Alles richtig gemacht

Für Bencic, die in Perth mit Schweizer Kreuzen auf den Nägeln beider Ringfinger antrat, markiert der Januar 2018 die Rückkehr auf die grosse Bühne. Sie hat sich diese hart verdient, erduldet, ­erkämpft. Zwar möchte sie selber nicht von einem Neuanfang sprechen, und doch ist vieles anders als bei ihrem ersten, raketenhaften Aufstieg, der sie 2014 in die Viertelfinals des US Open, 2015 zu Titeln in Eastbourne und Toronto, wo sie Serena Williams schlug, und im Jahr danach bis auf Rang 7 geführt hatte.

Bencic hat ihre Karriere nun in die eigenen Hände genommen, sich vom ­Vater und von Melanie Molitor gelöst. Sie wirkt geläutert und gibt zu, Fehler gemacht und daraus gelernt zu haben – vor allem jenen, zu viele Turniere gespielt zu haben. Unter ihrem walisischen Trainer Iain Hughes hat sie in den vergangenen Monaten alles richtig gemacht. Dass sie darauf verzichtete, ein geschütztes Ranking zu beanspruchen und sofort wieder grosse Turniere zu bestreiten, erwies sich als kluge Entscheidung. So konnte sie in Ruhe an kleinen Anlässen ihr Spiel und ihr Selbstvertrauen neu aufbauen. 2017 beendete sie nach 3 ­Titeln und 15 Siegen in Folge in Hua Hin, Taiwan und Dubai schon wieder auf Rang 74. In Perth schlug sie mit Osaka (WTA 68), Pawljutschenkowa (15) und Vandeweghe (10) drei besser klassierte Spielerinnen, ehe sie Kerber unterlag.

Federer baute sie nach jener Niederlage für das alles entscheidende Mixeddoppel im Final rasch wieder auf, und in diesem wurde sie sogar zur Matchwinnerin. «Es ist ein fantastisches Gefühl, Roger zu helfen, nach 17 Jahren wieder diesen Titel zu gewinnen», freute sie sich. Zu ihren Lehren gehört auch, dass sie nicht mehr von Turnier zu Turnier hetzen will. So verzichtet sie im Gegensatz zu anderen Jahren vor dem Australian Open auf einen Start in Sydney. Stattdessen reiste sie direkt nach Melbourne, wo sie sich an der Kooyong Classic an die Bedingungen gewöhnen kann. An diesem lockeren Schauturnier, an dem auch Nadal und Djokovic antreten, spielt sie morgen gegen Wang Xinyu.

Im erweiterten Favoritenkreis

Bencic spielt bereits zum fünften Mal in Melbourne, wo sie 2014 als Qualifikantin an ihrem ersten Grand Slam in die zweite Hauptrunde vorstiess und zwei Jahre später erst im Achtelfinal gegen Scharapowa ausschied – wo sie aber auch schon zwei Startniederlagen aufweist, gegen Görges und zuletzt Serena Williams. Nachdem 2017 bis zum letzten Turnier unsicher war, ob ihr Ranking ausreichen würde, um in Melbourne im Hauptturnier starten zu dürfen, wird Bencic nun schon wieder dem erweiterten Kreis der Favoritinnen zugerechnet. Die britischen Buchmacher sehen sie als eine der zwanzig gefährlichsten Spielerinnen, etwa auf gleicher Höhe mit Vorjahresfinalistin Venus Williams. Plötzlich scheint für Bencic wieder alles wie von allein zu gehen.

Erstellt: 09.01.2018, 00:12 Uhr

Artikel zum Thema

Bencic und Federer krönen sich

Video Die Schweiz gewinnt zum dritten Mal nach 1992 und 2001 den Hopman Cup – dank eines Spektakels gegen Deutschland. Mehr...

«Wir wollen auch mal etwas gewinnen»

Video Alexander Zverev bringt Roger Federer nach dem Hopman-Cup-Endspiel zum Lachen. Für Belinda Bencic gibts ein ganz dickes Lob. Mehr...

Der nächste Akt im Bencic-Drama

Die frühere Top-10-Spielerin ist bei ihrem Schweizer WTA-Debüt in Biel erst chancen- und danach ratlos. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sie wollen täglich die besten Beiträge aus der Redaktion?
Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter «Der Morgen».

Die Welt in Bildern

Feuerschweif: Eine Spezialeinheit demonstriert am Indian Navy Day in Mumbai ihr Können. (4. Dezember 2019)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...