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Proben die Tennisspieler jetzt den Aufstand?

Das Australian Open setzt die Gesundheit der Tenniscracks aufs Spiel. Der Franzose Lucas Pouille fordert, sie sollten sich weigern, auf den Court zu gehen.

Kurz vor 17 Uhr entluden sich in Melbourne heftige Gewitter mit Hagel,  die Feinstoffbelastung der Luft sank dadurch ...
Kurz vor 17 Uhr entluden sich in Melbourne heftige Gewitter mit Hagel, die Feinstoffbelastung der Luft sank dadurch ...
EPA/SCOTT BARBOUR
... und fegte die Melbourner Luft sauber.
... und fegte die Melbourner Luft sauber.
Darrian Traynor/Getty Images
Die Skyline Melbournes war im Hintergrund der Tennisanlage nur noch schwer zu erkennen.
Die Skyline Melbournes war im Hintergrund der Tennisanlage nur noch schwer zu erkennen.
Reuters/Michael Dodge
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Die Stadt Melbourne riet ihren Bürgern per Twitter, wegen der miserablen Luftqualität aufgrund der Buschfeuer möglichst drinnen zu bleiben, die Fenster und Türen zu schliessen und die Haustiere nicht nach draussen zu lassen. Die öffentlichen Strandbäder waren geschlossen. Doch Tennis auf höchstem Niveau, das forderte Craig Tiley, der Turnierchef des Australian Open.

Tiley dachte wohl, die gut trainierten Spieler seien sich ja hohe Belastungen gewöhnt und würden auch diesen standhalten. Fast bekam er recht. 63 von 64 Qualifikationsmatches wurden fertig gespielt, nur eine Spielerin gab auf: die Slowenin Dalila Jakupovic. Nachdem sie einen Winner geschlagen hatte, beugte sie sich nach vorne, ging auf die Knie, schnappte nach Luft und wurde schliesslich weinend vom Court geführt. Beim Stand von 6:4, 5:6 und Vorteil aus Sicht von Jakupovic gegen die Schweizerin Stefanie Vögele.

Dalila Jakupovic muss wegen gesundheitlicher Beschwerden aufgeben. (Video: Tamedia)

«Ich hatte Angst, ich würde zusammenbrechen», sagte sie später. «Ich hatte noch nie Atemprobleme, spiele eigentlich gerne in der Hitze. Aber ich bekam einfach keine Luft mehr.» Viele Spieler drückten ihr Mitgefühl und ihr Entsetzen aus. Auch andere sagten, sie hätten grosse Mühe gehabt unter diesen Bedingungen. Bekannt als der progressivste Grand Slam, leistete sich das Australian Open diesmal eine fatale Fehleinschätzung.

«Das ist unentschuldbar»

Als schärfster Kritiker trat der Amerikaner Noah Rubin auf, der mit seinem Projekt «Behind the Racquet» die Schattenseiten des Tennis aufdeckt. «Das Australian Open ist nicht das Leben eines Menschen wert», sagte er gegenüber «L’Equipe». Er bezweifle, dass der Gesundheit der Spieler die höchste Priorität eingeräumt werde. «Ich verstehe, dass das Turnier unter Druck ist. Aber das ist unentschuldbar. Hätten sie die gleiche Entscheidung getroffen, wenn kein Dollar im Spiel wäre? Ich denke nicht. Ein Teil unserer Menschlichkeit ist verloren gegangen.»

Das sind klare Worte des Amerikaners, der auch in der Qualifikation eingeschrieben ist. Gemäss Programm sollen am Mittwoch 64 Partien auf 13 Courts gespielt werden. Man nehme Tag für Tag, beobachte die Situation genau und verlasse sich auf die Experten, sagte Tiley. Es gibt am Australian Open klare Regeln, was zu tun ist bei extremer Hitze und bei Regen, aber nicht bei schlechter Luftqualität. Das war bisher noch nie ein Problem.

Zweiklassengesellschaft droht

Was viele auch stört: Die Qualifikation wird nur auf den Aussenplätzen ausgetragen und nicht in den drei grössten Arenen mit schliessbarem Dach. Diese sind fürs Training der Cracks reserviert, die schon fürs Hauptfeld qualifiziert sind. Er fühle sich behandelt wie ein Mensch zweiter Klasse, sagte der Engländer Liam Broady gegenüber dem «Daily Mail». Hält die schlechte Luftqualität an, wird es auch im Hauptfeld eine Zweiklassengesellschaft geben mit jenen, die bei geschlossenem Dach in klimatisierter Atmosphäre spielen, und den anderen.

Als Schutz vor Regen gedacht: Das Dach auf dem Center Court von Melbourne soll nun gegen die miserable Luftqualität helfen. (Bild: James D. Morgan/Getty Images)
Als Schutz vor Regen gedacht: Das Dach auf dem Center Court von Melbourne soll nun gegen die miserable Luftqualität helfen. (Bild: James D. Morgan/Getty Images)

Wie sich die Lage langfristig entwickelt, ist noch nicht abzusehen. Gemäss den Wetterstationen ist die Luftqualität am Mittwoch nochmals bedenklich, ehe sie am Donnerstag und Freitag besser wird und sich aufs Wochenende hin wieder etwas verschlechtert. Notfalls könnte das Turnier versuchen, die Partien in den drei grossen Arenen und den acht Indoors-Courts austragen zu lassen. Aber dann müsste in den ersten Tagen des Hauptturniers fast rund um die Uhr gespielt werden. Und natürlich wären die Einbussen an Zuschauern und Einnahmen beträchtlich. Das möchte Tiley, der sich 2019 über den Rekordaufmarsch von 796'435 Besuchern freuen durfte, tunlichst vermeiden.

Ein Franzose ruft zum Streik auf

Er verstehe nicht, wieso sich die Spieler nicht einfach weigerten, bei solchen Bedingungen auf den Court zu gehen, twitterte der letztjährige Halbfinalist Lucas Pouille, der das Turnier verletzungsbedingt verpasst. Er habe leicht reden als Millionär, gab einer seiner Follower zurück. Der Franzose stellte darauf klar, dass er sich einen Boykott der Spieler wünschen würde. Dann hätten die Organisatoren gar keine andere Wahl, als sich zu fügen. Doch von den Stars – und ohne sie geht es nicht – hat sich noch keiner in diese Richtung geäussert. Novak Djokovic sagte vor einigen Tagen nur, man könnte das Turnier ja nach hinten verschieben.

Fragt sich noch, ob es ethisch vertretbar ist, Tennis zu spielen, derweil die Wälder Australiens abbrennen, schon 27 Leute und unzählige Tiere in den Flammen umkamen. Die Tenniscracks haben immerhin schon viel Geld gesammelt für die Bekämpfung der Brände. Vielleicht sind die aktuellen Probleme ja einfach ein Abbild der heutigen Klimarealität, der sich der Sport auch nicht entziehen kann.

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