«Rafael war der perfekte Schüler»

Nicht mehr sein Trainer, aber weiterhin wichtig für ihn: Toni Nadal erklärt im Interview, was seinen Neffen Rafael ausmacht.

Toni Nadal führte seinen Neffen mit harter Hand: «Wenn man jemandem etwas vorgaukelt, ihn stets lobt, hilft man ihm nicht. Man muss ehrlich sein. Auch wenn es wehtut.»

Toni Nadal führte seinen Neffen mit harter Hand: «Wenn man jemandem etwas vorgaukelt, ihn stets lobt, hilft man ihm nicht. Man muss ehrlich sein. Auch wenn es wehtut.» Bild: Getty Images

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Bekannt für ihre Kunstperlen, hat die zweitgrösste Stadt der Ferieninsel Mallorca seit drei Jahren eine Perle der anderen Art: die Rafael-Nadal-Akademie am Rande Manacors. Der moderne Sportkomplex, der im Oktober 2016 im Beisein Roger Federers ­eröffnet wurde, kontrastiert zur schmucklosen Umgebung und lockt Tennisfans, Hobbyspieler, ambitionierte Junioren wie Profis an. Geführt wird die Akademie von Toni Nadal, der seinen Neffen Rafael zu 16 seiner 17 Grand-Slam-Titel coachte. Ihre Zusammenarbeit endete im November 2017 – ihr Kontakt bleibt aber rege.

Toni Nadal, ist Ihr Leben ruhiger geworden, seit Sie mit Ihrem Neffen Rafael nicht mehr die Welt umrunden?
Nein, hektischer! Vorher reiste ich zwar viel herum, aber stets nach einem bestimmten Rhythmus. Ich wusste: Jetzt gehen wir nach Australien, nach Wimbledon, nach New York. Und dann war ich ­jeweils zwei, drei Wochen dort. Gut, während der Spiele von Rafael war ich nicht ruhig, die kosteten schon Nerven. Aber heute ist mein Leben hektischer, weil ich mehr verschiedene Dinge tue. Ich leite die Akademie, halte viele Vorträge. Ich muss mehr arbeiten, ja auch mehr reisen als früher.

In Monte Carlo und Rom trainierten Sie wieder ein paar Tage mit Rafael Nadal. Sprangen Sie ein, um ihn wieder auf Kurs zu bringen?
In Monte Carlo trainierte ich nicht mit ihm. Ich war nur dort, um mit der Familie das Turnier zu schauen. In Rom war ich auf dem Court mit ihm, um ein bisschen an den Schlägen zu arbeiten. Und natürlich unterhalten wir uns immer mal wieder. Das ist normal. Ich bin schliesslich sein Onkel.

Ruft er Sie oft an, wenn er Rat braucht?
Ich war so lange unterwegs mit ihm, natürlich ist noch eine grosse Verbundenheit da. Aber ich bin jetzt nicht mehr sein Trainer, sondern Carlos Moya. Sagen wir es so: Wenn alles gut geht, reden wir nicht so oft miteinander. Aber die letzte Zeit haben wir uns öfter unterhalten. Nicht über technische Dinge, dafür hat er seinen Coach. Aber über Dinge wie Motivation.

Schauen Sie aus der Ferne alle seine Matchs?
Nicht alle. Wenn es spät ist, gehe ich schlafen. Aber ich liebe das Tennis, und natürlich interessiert es mich, Rafaels Matchs zu verfolgen. Deshalb schaue ich schon, dass ich es mir einrichten kann. Zumal es mir ja auch hilft, im Tennis auf dem Laufenden zu bleiben.

Wie wichtig war für ihn der Rom-Titel?
Sehr wichtig. Und dass er erst noch so gute Spieler schlagen konnte wie Tsitsipas oder Djokovic, zeigt, wie gut er spielte. In Monte Carlo, Barcelona und Madrid hatte er ja noch etwas Mühe gehabt. In Rom hat er sein bestes Niveau wieder gefunden. Auch das zählt, nicht nur der Sieg. Gegen Djokovic waren der erste und der dritte Satz brillant. Den zweiten hätte er auch gewinnen können. Und natürlich ist der Titel für ihn umso wertvoller, weil nun das French Open folgt.

Federer, Nadal und Djokovic haben die letzten neun Grand Slams geholt, obschon sie 37 respektive 32 Jahre alt sind. Wieso schaffen es die Jungen nicht, grosse Titel zu gewinnen?
Grand Slams haben sie noch nicht gewonnen. Aber Zverev hat schon einige Titel an Masters-1000-Turnieren geholt. Die Jungen sind noch nicht ganz so weit. Aber sie werden kommen. Zverev, Tsitsipas, Felix (Auger Aliassime), Shapovalov. Und Thiem war letztes Jahr ja schon im Final von Roland Garros. Er muss diesmal sicher zu den Favoriten gezählt werden. Tsitsipas wird immer stärker, auch auf Sand. Er war im Final von Madrid, im Halbfinal von Rom. Bei Zverev muss man schauen, wann er seine Form wieder findet. Klar: Momentan sind Federer, Djokovic und Rafael den anderen immer noch etwas ­voraus. Aber sie sind auch drei ­absolute Ausnahmespieler.

Wer sind nebst Thiem Ihre Favoriten fürs French Open? Da werden Sie Ihren Neffen ja sicher wieder dazuzählen.
Ja, durchaus. Als die drei grössten Favoriten sehe ich Thiem, Djokovic und Rafael. Danach sehe ich ­einige, die gefährlich werden könnten. Wie Tsitsipas, Del Potro oder Federer. Aber wenn ich Geld setzen müsste, dann auf die drei, die ich zuerst genannt habe.

Wie gut Nadal noch spielen kann, sah man in Rom. Doch zuletzt musste er oft Turniere absagen oder Forfait geben. Ist es seine grösste Challenge, nicht zu frustriert zu werden, wenn sein Körper nicht mitspielt?
Das ist nichts Neues für ihn. Rafael hat gelernt, damit umzugehen. Er denkt gar nicht mehr gross darüber nach. Er gibt einfach immer sein Bestes unter den Umständen. Natürlich hatte er viele Verletzungsprobleme. Aber Fakt ist: Er ist der Einzige, der in den letzten 14 Jahren nie aus den Top 10 fiel. Nie! So viele Male wurde er schon abgeschrieben, doch er ist immer noch da.

Sie sagten jüngst, Sie hätten seinen Charakter mehr geformt als seine Technik. Wie meinten Sie das?
Natürlich haben wir viel an seiner Technik gearbeitet. Aber schon, als Rafael sehr jung war, wusste ich, dass aus ihm ein sehr guter Spieler werden würde. Und ich wollte ihn auf die Zukunft vorbereiten, auf die grossen Herausforderungen an der Spitze in diesem Sport. Um diese zu meistern, braucht man einen starken Charakter. Aber ­Rafael hat es mir auch einfach gemacht.

Inwiefern?
Er hat immer zugehört, war immer bereit, an sich zu arbeiten. Man kann noch so viel sagen, wenn der Spieler nicht mitmacht, erreicht man nichts. Rafael war der perfekte Schüler. Er hat immer alles getan. Und es liegt in seiner Natur, dass er sich nie für etwas Besseres hielt. Dass er wusste: Ich bin ein Mensch wie alle anderen, denen es manchmal gut geht und manchmal weniger gut.

In der Akademie liessen Sie ein Zitat aufhängen: «Noch nie hat eine Entschuldigung einen Match gewonnen.» Umreisst das Ihre Philosophie?
Ich habe das zu Rafael oft gesagt. Wenn er mit den Bällen nicht zufrieden war, sich über dies oder das beklagt hat. Aber es gibt noch einen anderen Punkt, der mir sehr wichtig ist: dass man lernt, die Realität zu akzeptieren. Ich erinnere mich gut an Rafaels ersten Final in Monte Carlo gegen Federer (2006). Er fragte mich vorher: «Wie siehst du den Match?» Ich sagte: «Es wird kompliziert. Federers Vorhand ist besser als deine, seine Rückhand ist besser, sein Volley auch. Und sein Aufschlag sowieso.» Rafael schaute mich mit grossen Augen an und sagte: «Willst du mir helfen? Oder willst du mich entmutigen?» Ich entgegnete: «Natürlich will ich dir helfen! Aber zuerst musst du sehen, was die Realität ist.» Wenn man jemandem etwas vorgaukelt, ihn stets lobt, hilft man ihm nicht. Im Gegenteil. Ein solcher Umgang formt den Charakter nicht. Man muss ehrlich sein. Auch wenn es wehtut.

Könnten Sie auch Federer trainieren?
Ich? Wer weiss. Er hat sehr gute Coachs, er braucht mich nicht. Ich hätte ihn sicher anders angepackt als Rafael. Als Trainer muss man dem Spieler das geben, was er braucht. Das unterscheidet sich bei Rafael und bei Federer sicher.

«Federer spielt immer noch ausgezeichnet. Aber schafft er es, dieses Niveau über zwei Wochen zu bringen? Da habe ich meine Zweifel»

Ihr 2015 veröffentlichtes Buch hat den Titel: «Man kann alles trainieren». Aber hat Nadal nicht schon sehr viel Talent mitgebracht?
Natürlich. Aber das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist: Man muss arbeiten, um täglich besser zu werden. Ich trainierte Rafael nicht mit dem Ziel, damit er besser werden würde als Federer. Oder als Djokovic. Solche Dinge kann man nicht vorhersehen. Er trainierte, damit er ­jeden Tag weiterkam. Egal, welche ­Voraussetzungen man mitbringt, man kann immer besser werden.

Was war für Sie der schönste Moment mit Rafael Nadal? Der Wimbledon-Final 2008?
Es gab viele schöne Momente. Ich erinnere mich gerne an die Zeit, als er begann, grosse Titel zu gewinnen. Den ersten in Monte Carlo, den ersten in ­Paris. Natürlich war auch der erste in Wimbledon speziell. Aber es gab auch viele andere wertvolle Momente, abseits des Scheinwerferlichts. Mit welchem Elan er zum Training kann, wie hartnäckig er an den Schlägen arbeitete.

Wie wichtig war es, dass er in den letzten Jahren seinen Stil verändert hat, nun aggressiver spielt?
Das war die logische Entwicklung. Wenn jemand älter wird und nicht mehr ganz so schnell ist, muss er andere Wege finden, um zu gewinnen – wie eben aggressiver zu spielen. Das hat Federer ja auch getan. Es war bei beiden nötig.

Wer wird, wenn alle drei ihre Karrieren beendet haben, von Federer, Nadal und Djokovic am meisten Grand-Slam-Titel haben?
Stand heute: Federer. Mit seinen 20 hat er drei Vorsprung auf Rafael und fünf auf Djokovic. Im Moment spricht also vieles für ihn. Jeder einzelne Grand-Slam-Titel ist ein hartes Stück Arbeit. Aber wer weiss, was noch passieren wird.

Sie gaben sich in Interviews Anfang Jahr indes sehr skeptisch, dass Federer nochmals ein Major-Turnier gewinnen könne. Wegen des Alters?
Ja. Er spielt immer noch ausgezeichnet. Das sahen wir in Indian Wells oder Miami. Die Frage ist für mich, ob er es mit 37 noch schafft, dieses Niveau zwei ­Wochen lang über drei Gewinnsätze zu bringen. Da habe ich meine Zweifel. Für Roland Garros ist er sicher nicht zu favorisieren, für Wimbledon sieht es schon wieder anders aus.

Was ist einfacher: das Tennis Nadals oder das von Federer zu lernen?
Was die Technik betrifft, ist Federer sehr nahe an der Perfektion. So zu spielen wie er, ist sehr, sehr schwierig. Dafür muss man viel mitbringen. Aber auch zu spielen wie Rafael oder wie Djokovic, ist nicht einfach. Es kommt auf den Spieler an, in welche Richtung man mit ihm geht. Ein guter Coach adaptiert sich, er schaut, was die Möglichkeiten sind.

Kann man die extreme Topspin-Vorhand Nadals überhaupt lernen?
Es ist sicher nicht so, dass ich von Anfang an den Schlag so zeigte, wie ihn Rafael heute spielt. Er hat schon sehr früh damit angefangen und ihn dann mit den Jahren mit immer mehr Drall versehen und variiert. Seine Technik auf der Vorhand ist wohl einzigartig.

Waren die Söhne Federers schon zum Training in Ihrer Akademie, wie dies Mirka Federer am Australian Open 2017 versprach?
(lacht) Nein, dafür sind sie doch noch zu jung! Wir werden sehen, sie wären natürlich willkommen. Aber in ihrem Vater haben sie ja schon jemanden, der ihnen zeigen kann, wie man es macht. Obschon: Es gibt sicher Einfacheres, als Federer zu imitieren.



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Erstellt: 26.05.2019, 12:25 Uhr

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Es gebe zwei Gründe, wieso er Rafael so lange trainiert habe, sagte Toni Nadal kürzlich in einem Vortrag augenzwinkernd: «Erstens bin ich sein Onkel, und es ist immer schwieriger, einen Familienangehörigen zu entlassen. Zweitens war ich lange der günstigste Coach auf der Tour.» Und, nebenbei erwähnt, hatten die beiden auch noch Erfolg: 75 Profi­titel errang Rafael mit Toni, darunter 16 an Grand Slams. Das macht diesen zum erfolgreichsten Tenniscoach. Seine Idee, Rechtshänder Rafael das Racket schon früh in die linke Hand zu drücken, erwies sich als visionär. Toni coachte mit harter Hand, zog die Kritik meist dem Lob vor. «Ich habe es Rafael nie einfach gemacht», schrieb er im «Abschiedsbrief» im November 2017, der im «El País» veröffentlicht wurde. Nach 27 Jahren hörte Toni auf als Trainer Rafaels, um sich auf die Leitung dessen Akademie in Manacor zu konzentrieren. Dort kann man sogar eine Trainingswoche mit dem Chef persönlich buchen. Inzwischen ist der 58-Jährige auch sehr gefragt als Redner. Er hat selber drei Kinder und lebt wie sein Neffe in der schmucken Küstenstadt Porto Cristo, mit dem Auto eine Viertelstunde von Manacor entfernt. (sg)

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