«Das Gute an Stan ist, er wird besser mit dem Alter»

Stan Wawrinka startet heute zur Mission Wimbledon. «Er kann dir auf viele Arten wehtun», sagt Federers Ex-Coach Paul Annacone zur Schweizer Nummer 2.

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Nach Wimbledon zu kommen, muss bei Ihnen wohlige Gefühle auslösen. Was kommt Ihnen zuerst in den Sinn?
Es kommen viele schöne Erinnerungen hoch. Aus meiner Karriere als Spieler, aus meiner Zeit mit Pete Sampras, als Coach von Roger Federer. Ich liebe dieses Turnier. Es ist für mich auch nach all den Jahren noch speziell, hierherzukommen. Und es ist für mich eine grossartige Gelegenheit, an der Seite von Magnus (Norman) zu arbeiten und Stan Wawrinka ein bisschen zu helfen.

Sie coachten Pete Sampras zu fünf Wimbledon-Titeln, Roger Federer zu einem. Was macht einen guten Rasenspieler aus?
Es ist heute anders als früher, es wird viel mehr von der Grundlinie gespielt. Aber auch von da braucht man eine ­offensive Einstellung. Roger war bei dieser Spielweise der Beste in den letzten 15 Jahren. Pete war anders, er hatte den wuchtigen Aufschlag und sein Netzspiel. Stan hat viel Power, sehr kraftvolle Grundschläge. Jetzt geht es darum, bei ihm an den Feinheiten des Rasenspiels zu arbeiten. Er hat ja schon ziemlich gut gespielt hier, war zweimal im Viertel­final. Für mich ist es eine sehr spannende Aufgabe, zumal ich so Einblick darin erhalte, wie Magnus arbeitet.

Video – warum Wimbledon so speziell ist:

Tennis-Journalist René Stauffer über die Mythen auf dem heiligen Rasen von London.

Wie gut hatten Sie Magnus Norman zuvor gekannt?
Ich kannte ihn, aber nicht besonders gut. Er hat einen exzellenten Job gemacht mit Stan. Magnus ist einer der smartesten Denker im Tennis. Ich rede sehr viel mit ihm und etwas weniger mit Stan. Es war wichtig, dass ich mich gut einfüge. Wenn es um die Taktik im Spiel geht, gebe ich meine Ideen an Magnus weiter. Im Training, wenn es sich um allgemeine Dinge dreht, rede ich direkt mit Stan.

Wie kam die Kooperation zustande?
Zuerst telefonierte ich ein paar Mal mit Stan, dann unterhielt ich mich auch mit Magnus. Um sicherzugehen, dass es Sinn macht. Ich bekam das Gefühl, dass es für alle stimmt, wenn ich ein paar Ideen für Stans Spiel auf Rasen mitgebe. Ich hoffe, ich kann ein paar Zutaten hinzufügen, die noch gefehlt hatten.

Könnte die Zusammenarbeit über ­Wimbledon hinausgehen?
Schauen wir einmal, wie es hier läuft. Mir gefällt die Dynamik mit Stan und ­Magnus. Wenn sie mich länger dabei­haben möchten, ­können wir darüber ­reden. Aber jetzt gilt unser ganzer Fokus Wimbledon.

Können Sie Wawrinka zu einem Rasenspieler verwandeln?
Rasen ist nicht seine beste Unterlage. Aber ich sehe keinen Grund, wieso er mit seinen Schlägen nicht auch hier ­erfolgreich sein sollte.

Sich auf Rasen zu bewegen, ist nicht jedem gegeben. Wawrinka ist nicht so leichtfüssig wie Federer. Ist das ein Problem?
Man muss sich anders bewegen auf ­Rasen als anderswo. Das stimmt. Und man muss wacher sein. Rasen verzeiht keine Halbheiten. Stan hat gute Instinkte, versteht sein Spiel sehr gut. Jetzt muss er sich nur noch wohler fühlen auf Rasen. Was mich zuversichtlich stimmt, ist sein Wille, sich weiterzuentwickeln. Es macht Spass, mit einem Spieler zu arbeiten, der so hungrig ist wie er.

Kann er Wimbledon von der Grundlinie aus gewinnen?
Absolut. Er kann es, viele andere ­können es. Aber die Marge für Fehler ist sehr klein. Was die Auswahl der Schläge ­betrifft und die Konsequenz in entscheidenden Phasen. Aber ich glaube, es hilft, dass er die anderen Majors schon gewonnnen hat.

Waren Sie überrascht, als Wawrinka begann, Majors zu gewinnen?
Das Gute an Stan ist: Er wird besser mit dem Alter. Weil er reifer geworden ist, es besser versteht, mit dem ganzen Drumherum umzugehen, wurde er ­erfolgreicher. War ich überrascht? Er ist ein hervorragender Wettkämpfer, hat viele Waffen. Sagen wir es so: Es ist eine starke Leistung, dass er es in der Ära der grossen vier geschafft hat, die alles ­dominierten.

Was ist seine grösste Stärke?
Er kann dir auf viele Arten wehtun. Er hat eine der besten einhändigen Rückhände. Seine Vorhand ist zusehends gefährlicher und stabiler geworden. Und er hat eine gute Spielweise gefunden, um seine Schläge anzubringen. Von seinem starken Aufschlag spricht kaum jemand.

Was sind Ihre Erinnerungen an 2012, als Sie hier mit Federer gewannen?
Es war wunderbar, diesen Erfolg mit ­Roger, seinem Team und seiner Familie zu teilen. Er ist einer, der immer wieder für magische Momente sorgt. Das sahen wir ja nun auch am Australian Open.

Hätten Sie vor fünf Jahren gedacht, dass er 2017 noch mal als Favorit ins Wimbledon-Turnier steigen würde?
Ich sage immer: Nichts überrascht mich bei grossen Champions. Jeder beurteilt sie aufgrund dessen, was normale ­Menschen tun. Das ist falsch. Als Pete Sampras 2002 noch mal das US Open ­gewann, war er die Nummer 17 der Welt. Alle sagten, er habe die Zeit für den Rücktritt verpasst. Aber Ausnahme­athleten halten sich nicht an Regeln.

Worin unterscheiden sich Wawrinka und Federer?
Sie haben ganz unterschiedliche Stile. Stan ist ein wuchtiger Grundlinien­spieler, Roger ist sehr vielfältig. Sie sind beide grossartige Athleten, aber ganz unterschiedlich. Stan ist kraftvoll, Roger agil. Als Coach gilt es, ihre Stärken möglichst gewinnbringend zu managen.

Bald erscheint Ihr Buch: «Coaching for life». Was ist zu erwarten?
Es sollte bald erhältlich sein, dieses oder nächstes Wochenende. Ich erzähle Anekdoten mit Roger und Pete, schreibe über meine Coaching-Philosophie. Sie dürfen viele nette Geschichten erwarten, die ich erlebt habe.

Und was ist Ihre Coaching-­Philosophie?
Es ist entscheidend, den Menschen ­hinter dem Spieler und sein Umfeld zu verstehen. Und, in welcher Phase seiner Karriere er steckt. Nur wenn man sich darauf einlässt, kann die Partnerschaft konstruktiv sein. Man muss sich als Coach genau überlegen, auf welche Weise man seine Botschaft am besten anbringt. Sonst kann es kontraproduktiv sein. Denn jeder Mensch tickt anders.

Dann sind Sie ein guter Zuhörer?
Ich hoffe es. Aber vielleicht sollten Sie das meine Frau fragen.

Erstellt: 03.07.2017, 09:55 Uhr

Paul Annacone

Der 54-Jährige ist einer der erfolgreichsten Coaches im Männertennis. Er führte Pete Sampras von 1995 bis 2002 zu 9 seiner 14 Major-Titel, Tim Henman (2003–2007) in einen goldenen Karriereherbst und Roger Federer (2010–2013) zum siebten Wimbledon-Sieg (2012). Der vielseitig interessierte Amerikaner ist kein Sprücheklopfer, sondern ein scharfer Analytiker, der mit sanfter Stimme spricht. Seit einigen Jahren wirkt er auch als Experte beim «Tennis Channel». Als Spieler suchte er, der von der Grundlinie aus nur mittelmässig war, so oft wie möglich den Weg ans Netz. Im Einzel stiess er so bis auf Rang 12 vor, seine grössten Erfolge feierte er im Doppel – 1985 gewann er das Australian Open. Stan Wawrinka steht er vorerst als Coach für die Rasensaison zur Seite. (sg.)

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