Roger Federer, der ewige Optimist

Der 38-Jährige blickt mit Stolz zurück auf Wimbledon – und startet mit neuem Elan ins US Open.

«Rise Again», steh wieder auf! Der Schriftzug auf seinem T-Shirt ist für Federer nach der Wimbledon-Niederlage zum Motto geworden. Bild: Getty Images

«Rise Again», steh wieder auf! Der Schriftzug auf seinem T-Shirt ist für Federer nach der Wimbledon-Niederlage zum Motto geworden. Bild: Getty Images

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Wer sich in den letzten Tagen und Wochen umhörte bei Federer-Fans, blickte in leere ­Gesichter. Oder erntete ein resigniertes Kopfschütteln. Er habe versucht, das Rublew-Spiel zu schauen, dann aber schnell ­wieder ­abschalten müssen, sagte einer. Nicht, weil Federer so schlecht gespielt habe. Sondern, weil er gleich wieder an den Wimbledon-Final erinnert worden sei, an die verpassten Matchbälle ­seines Lieblings. Und das habe ihm zu sehr wehgetan.

Auch Federer hatte immer wieder Flashbacks, wie er am Freitag am Medientag vor dem US Open gestand. Er fragte sich wohl unzählige Male, was er bei den beiden Matchbällen hätte anders machen können. Interessanterweise baute er den Punkt bei 40:30 genau gleich auf wie den entscheidenden im Final 2012 gegen Andy Murray.

Mit dem Unterschied, dass der Vorhandpassierball des Schotten damals knapp im Aus landete, jener von Djokovic auf der Linie. Ein findiger Twitter-User stellte die beiden Szenen nebeneinander. Manchmal liegen tatsächlich nur Zentimeter zwischen Triumph und bitterer Enttäuschung.

«Ich brauchte das vielleicht, um mich wieder zusammenzureissen, hart zu trainieren. Das habe ich getan.»

Wenn negative Gedanken auf­kamen, tröstete sich Federer mit einem Glas Wein mit Frau Mirka. Und bemühte sich um Perspektive, führte sich vor Augen, wie gut sein Niveau im Halbfinal gegen Rafael Nadal und im Endspiel gewesen war. Darauf dürfe er stolz sein. Doch als er auf den Trainingsplatz zurückkehrte, kam alles nochmals hoch, wie er gestand. Er deutete an, dass er anfangs noch nicht wieder mit dem nötigen ­Fokus bei der Sache gewesen sei.

So gesehen, sei seine deutliche ­Niederlage in Cincinnati gegen ­Rublew dienlich gewesen, fand ­Federer. Solche Dinge müssten manchmal passieren. «Ich brauchte das vielleicht, um mich wieder zusammenzureissen, hart zu trainieren. Das habe ich getan.» Wie er jene Partie umdeutete, zeigt schön, wie der Baselbieter denkt: Er versucht, aus allem das Positive zu ziehen. Anfang 2017 in Dubai habe er bei seinem Comeback auch gleich verloren – und danach das Australian Open gewonnen.

Die klare Niederlagein Cincinnati als Weckruf

Es ist auch als Botschaft zu verstehen, dass Federer in Flushing Meadows in einem T-Shirt mit der Aufschrift «Rise Again» trainierte – er stehe wieder auf! Was den 38-Jährigen tatsächlich zuversichtlich stimmen kann: Erstmals seit 2015 tritt er in New York wieder einmal beschwerdefrei an. 2016 hatte er wegen des Knies passen müssen, 2017 hatte sich in Montreal der Rücken gemeldet, 2018 hatte er Probleme an der Schlaghand. Es scheint sich auszuzahlen, dass sein Vertrauensarzt Roland Biedert inzwischen fast an jedem Turnier dabei ist – und Probleme so schon früh erkannt und behandelt werden können.

Vor vier Jahren scheiterte Federer in New York erst im Final, in vier Sätzen an Novak Djokovic. Knappe Niederlagen säumten am US Open seinen Weg, seit er 2008 letztmals hier triumphiert hatte. 2009 fehlten ihm gegen Juan Martin Del Potro nur wenige Punkte zum sechsten Titel in Serie, 2010 und 2011 unterlag er im Halbfinal Djokovic nach je zwei verpassten Matchbällen. 2018 gab er mit seinem Achtelfinal-Aus gegen John Millman, nachdem er Partie und Gegner im Griff zu haben schien, Rätsel auf.

Die Zitrone auspressen bis zum letzten Tropfen

Die Hitze bereitete ihm damals grosse Probleme, obschon er am Abend spielte. Er, der sonst kaum einen Tropfen Schweiss vergiesst, schwitzte damals in vier Sätzen ­sieben Leibchen durch. Man habe daraus die Lehren gezogen und beim Material seiner Shirts Anpassungen gemacht, sagte Federer bei einem Promo-Termin seines japanischen Ausrüsters Uniqlo in ­Manhattan.

Er kann davon ausgehen, dass er auch in diesem Jahr vornehmlich in der Nightsession spielen wird – wie nun zum Auftakt gegen den Inder Sumit Nagal. Doch die Luftzirkulation ist im Arthur Ashe Stadium wegen der massiven Dachkonstruktion nicht mehr so gut wie früher. So kann es in diesem Kessel sehr stickig werden. Und die Luftfeuchtigkeit ist am US Open traditionell hoch.

Federer absolvierte in der Woche vor Turnierstart zahlreiche Termine, stellte sich unter anderem auch den Fragen von «New Yorker»-Chefredaktor David Remnick. ­Dabei kündigte er an, dass er vorhabe, so lange wie möglich zu spielen, «bis ich den letzten Tropfen aus der Zitrone heraus­gepresst habe». Zartbesaitete ­Federer-Fans dürfen sich also darauf einstellen, noch eine Weile weiterleiden zu dürfen oder müssen mit ihrem Idol.



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Erstellt: 25.08.2019, 14:45 Uhr

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