Scarlett und Tani geben alles für Roger Federer

In Wimbledon schlafen die beiden Frauen zwei Wochen im Zelt, um Tickets zu bekommen. Für den Achtelfinal hatte Tani zuerst Pech.

Das gibt es nur in Wimbledon: In der Zeltstadt im Park nebenan vertreiben sich Fans die Wartezeit für ein Billett – bis zu 40 Stunden müssen sie ausharren. (Bild: Laurence Griffiths/Getty)

Das gibt es nur in Wimbledon: In der Zeltstadt im Park nebenan vertreiben sich Fans die Wartezeit für ein Billett – bis zu 40 Stunden müssen sie ausharren. (Bild: Laurence Griffiths/Getty)

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Am Zelt von Scarlett Li ist gut zu erkennen, für welchen Tennisspieler ihr Herz schlägt. Es ist rot-weiss, in Gold hat sie die Initialen «RF» aufgemalt. Daran be­festigt sind die Flaggen Kanadas und der Schweiz – ihrer Heimat und jener ihres Lieblings Roger Federer. Sie ist gut gelaunt an diesem Dienstagnachmittag, sitzt auf dem Campingstuhl und plaudert mit ihren Nachbarn, die hier im Park im Zelt schlafen, um gute Tickets zu kriegen.

Scarletts Nummer in der Warteschlange für Mittwoch ist 223. ­So hat sie ein Billett für den Hauptplatz auf sicher, wo Federer den zweiten Viertelfinal spielt. Je 500 Tickets für den Centre Court und Court 1 gehen täglich in den Verkauf für jene, die dafür bis zu 40 Stunden ausharren.

Für Montag hatte sie Pech. Da erwischte sie nur noch Nummer 625, weil sie am Samstag nach dem Pouille-Match erst spät wieder zurück in die Schlange hatte kommen und ihr Zelt aufstellen können. Sie hätte am Montag auf Court 1 Djokovic schauen können, darauf verzichtete sie – und kehrte früher in die Schlange zurück.

Deal mit dem Djokovic-Fan

Die Belgierin Tani Christians, ebenfalls ein grosser Federer-Fan, hat am Achtelfinaltag ein Centre-Court-Ticket auch verpasst. Doch dann sucht und findet sie einen Djokovic-Fan, der bereit ist, sein Billett gegen ihres zu tauschen. Den Aufpreis von 20 Pfund zahlt sie gern. 130 Pfund, rund 160 Franken, kostet sie der 74-minütige Auftritt Federers. Unmittelbar danach hetzt sie zurück in den Wimbledon Park, um sich in die Wartereihe zu stellen.

Die 44-Jährige aus Antwerpen ist seit zehn Tagen hier, seit Samstag vor dem Turnier. Und in­zwischen todmüde. «Zu mehr als vier Stunden Schlaf komme ich nicht.» Auch Verpflegung und Hygiene sind ein Problem. «Wir dürfen die Schlange nur für 30 Minuten verlassen. Diese nutze ich lieber zum Duschen als zum ­Essen.» Sie hat ein Zimmer in einem Bed and Breakfast gebucht, das sie nur zum Duschen und für ihre Sachen braucht.

Kanadierin mit einem Schweizer im Herzen: Scarlett Li. (Bild: Simon Graf)

Eigentlich hasse sie Camping, sagt sie – wie viele Mitglieder des Fanclubs «Fans4Roger»: «Viele können nicht mit der Queue umgehen. Es ist auch hart. Früher konnte man in Ruhe Spiele schauen. Nun muss man sofort zurück in die Schlange eilen. Jede Sekunde ist wichtig.» Nachts ist es kalt im Zelt, manchmal regnet es, die Toiletten sind dreckig.

Auch Scarlett ist kein Campingfan. Aber sie kann dieser Wimbledon-Tradition Positives abgewinnen: «Hier muss ich kein Hotelzimmer suchen und spare Geld.» Ihr erstes Turnier, an dem sie Federer live sah, war das US Open 2009. Sie habe nur zwei, drei Matchs schauen wollen, doch dann sei sie abhängig geworden. Es war ein teures Vergnügen. «Das Viertelfinalticket kostete 475 Dollar. Als ich die Kreditkartenabrechnung anschaute, dachte ich: O mein Gott!»

Ein sehr teures Hobby

Die Kanadierin arbeitet in Toronto in der Finanzaufsichts­behörde, bei ihrer Leidenschaft verzichtet sie indes auf eine strikte Kostenkontrolle. Federer verlor in New York den ­Final, worauf sie sich den Trip fürs nächste Grand-Slam-Turnier in Melbourne leistete und ihn dort erstmals triumphieren sah.

Seitdem reist sie ihm regelmässig hinterher. In Wimbledon campiert sie nun das zehnte Jahr in Serie. Für 2019 hat sie noch den Abstecher zum Laver-Cup in Genf geplant und ans US Open während des Labour-Day-Weekends zur Turniermitte. Sie setzt alle ihre Ferien ein, um Federer spielen zu sehen.

Was macht für sie seine Faszination aus? «Als ich klein war, himmelte ich nie Berühmtheiten an», sagt sie. «Aber Roger ist ein ganz spezieller Mensch. Er ist so nett, so auf dem Boden geblieben. Wenn er dich sieht, spricht er mit dir wie zu einem Freund. Er schaut dir in die Augen.» Und natürlich liebe sie, die Klavier und Violine spielt und früher Ballett tanzte, sein kunstvolles Spiel. Sie schwärmt: «Selbst auf den Fotos sieht er stets so gelassen aus, nie verkrampft.»

Auch Federer kennt ihren Namen: Tani Christians. (Bild: René Stauffer)

Die Liebe der Belgierin Tani zu Federer ist graduell gewachsen: «Erstmals sah ich ihn 1999 in Belgien im Davis-Cup, als er zweimal verlor. Dann 2001 in ’s-Hertogenbosch, gegen Hewitt. Da dachte ich: Wow, ist der gut!» Sie arbeitet 30 Stunden wöchentlich in der Marktforschung. «Ich gebe alles Geld für Tennis aus. Meine Mutter fragt mich: Wann kaufst du endlich ein Haus? Aber das liegt nicht drin.»

Seit 2013 reist sie Federer nach, so oft es geht. 2019 war sie in Australien, Madrid, ein paar Tage in Paris, in Halle und nun Wimbledon. «Eventuell noch Cincinnati, und dann bin ich pleite.» Den Laver-Cup und die Swiss Indoors lässt sie sich aber nicht entgehen. Den Ausruf «Chumm jetzä» kann sie inzwischen fast akzentfrei.

Für die Halbfinals und Finals kann man in Wimbledon nicht mehr für Billette anstehen. ­Diese Partien verfolgen Tani und Scarlett mit einem Ground-Ticket vom Henman Hill aus auf dem Grossbildschirm. Sofern Federer dabei ist. Und die Belgierin korrigiert: «Rogers Ridge» oder «Rogers Rock» heisse der Hügel, nicht Henman Hill. Finaltickets für 2500 Pfund, wie sie im Internet angeboten werden, kann sie sich nicht leisten. Dass sie Federer gegen Nadal nicht im Stadion verfolgen könnte, stört sie weniger. «Fedal-Matchs bringen zu viel Stress. Nadals Spiel ist zu brutal. Und seine Ticks… Vor ihm habe ich Angst. Und jetzt ist er im Biestmodus.»

Scarlett, die Kanadierin mit chinesischen Wurzeln, ist in­zwischen selbst eine kleine Berühmtheit wegen ihrer selbst gemachten Federer-Outfits. Am Montag wurde sie wegen ihres Huts von Radio Wimbledon interviewt. Auf den sozialen Medien hat sie Tausende Follower.

Der Freund muss teilen

Ihr Freund gehe erwachsen um mit ihrer Passion, sagt sie. «Als wir zusammenkamen, reiste ich bereits für Roger herum. Er wusste, worauf er sich einliess.» Dass es im Schlafzimmer mehr Fotos von Federer habe als von ihm, damit habe er sich abgefunden. «Er versteht es, denkt nicht, dass ich einen anderen Mann liebe.»

Federer kennt seine treusten Fans mit Namen. Tani erzählt: «Manchmal fragt er, wie es mir gehe und wann ich gekommen sei. Er ist so nett, gibt allen Autogramme.» Wenn er einmal abtrete, gebe sie ihr Fantum auf, sagt sie. «Das wird traurig. Aber wenn er nicht wegen einer Verletzung aufhören muss, ist es okay.» Seit dem Australian Open 2017 empfinde sie alles als Bonus.

Auch sie werde sich nicht einem anderen Spieler zuwenden, wenn Federer zurücktrete, sagt Scarlett. Der junge Felix ­Auger-Aliassime gefalle ihr zwar auch. «Aber Roger ist einzigartig.» Und etwas Gutes habe es, wenn er einmal aufhöre, sagt sie augenzwinkernd. «Dann wird mein Leben viel einfacher. Dann kann ich auch wieder einmal ­Reisen unternehmen, die nichts zu tun haben mit Tennis.»

Resultate und News zum Turnier in Wimbledon finden Sie im Liveticker.

Erstellt: 10.07.2019, 11:42 Uhr

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