«Sein Hunger hat nicht abgenommen»

Roger Federer strebt in London seinen siebten Titel am ATP-Finale an. Sein Coach Severin Lüthi nimmt zu zehn Thesen Stellung.

Severin Lüthi (r.) ist Roger Federers Coach und Captain der Schweizer Davis-Cup-Mannschaft. (Bild: Keystone)

Severin Lüthi (r.) ist Roger Federers Coach und Captain der Schweizer Davis-Cup-Mannschaft. (Bild: Keystone)

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Roger Federer braucht Novak Djokovic oder Rafael Nadal als Gegner, damit er sein bestes Niveau abrufen kann. Severin Lüthi: Das glaube ich nicht. Klar, Roger hat am Donnerstag gegen Djokovic super gespielt, und generell ist es so, dass die Besten einem im Normalfall am meisten abverlangen. Aber Roger gelingen auch gegen andere Gegner immer wieder Topleistungen.

Wenn Federer am Wochenende sein Topniveau erreicht, kann ihn in London keiner schlagen. Es stimmt: Wenn Roger sein Bestes zeigt, ist er nur sehr, sehr schwer zu bezwingen. Aber wir schauen nicht so weit voraus, denn wir wissen, dass ihn im Halbfinal ein schwieriger Match erwartet. In den letzten zwei Jahren verlor er am ATP-Final jeweils im Halbfinal, obwohl er favorisiert war.

Federer schmerzen Niederlagen weniger als früher. Auch ich sehe nicht in ihn hinein. Aber es ist sicher so, dass er im Verlauf seiner Karriere gelernt hat, Niederlagen schneller einzuordnen und abzuhaken. An der Vergangenheit kannst du nichts mehr ändern. Es ist eine grosse Stärke Rogers, dass es ihm eigentlich immer rasch gelingt, vorwärts zu schauen.

Federer hat bei einer Niederlage nie besser gespielt als im Wimbledon-Final 2019. Es ist schwierig, einzelne Partien zu vergleichen. Tatsache ist, dass er da gegen Djokovic vieles richtig gemacht hat. Ich finde, er war über weite Strecken der bessere Mann auf dem Platz. Aber spielte er wirklich besser als 2008 im Wimbledon-Final gegen Nadal? Keine Ahnung.

Federer spielt so gut wie eh und je, hat aber mehr schlechte Tage – das ist eine Altersfrage. Es ist nicht einfach, sein Niveau über Monate hochzuhalten. Ich habe nicht das Gefühl, er habe mehr schlechte Tage als früher. Aber die Spitze ist breiter geworden, daher verliert er mittlerweile vielleicht etwas öfter an einem durchschnittlichen Tag.

Das Niveau ganz an der Spitze hat in den letzten fünf Jahren stagniert. Es sind immer noch die Gleichen an der Spitze, trotzdem würde ich nicht von einer Stagnation sprechen, sondern von einer Entwicklung. Wahr ist: Roger, Nadal und Djokovic sind nicht mehr dieselben Spieler wie vor fünf oder zehn Jahren. Nehmen wir Nadal als Beispiel: Offensiv ist er so gut wie noch nie, dafür ist er in der Defensive etwas schwächer geworden.

So viele starke Spieler wie jetzt hat es im Männertennis noch nie gegeben. Das sehe ich auch so. Zwar gab es früher auch starke Konkurrenz, aber in letzter Zeit sind zu den langjährigen Top-20-Spielern viele Junge dazugekommen, die immer noch besser werden.

2020 wird es einen neuen Grand-Slam-Sieger geben. Man denkt schon lange, die langjährigen Dominatoren würden abgelöst, und doch sind sie immer noch vorne, und das ist kein Zufall. Ja, Thiem, Tsitsipas, Zverev und Medwedew sind alle sehr stark. Aber bis es wirklich geschafft ist, kann keiner wissen, ob sie in der Lage sind, einen Grand-Slam-Titel zu gewinnen. Ich schliesse nicht aus, dass es nächstes Jahr einen neuen Grand-Slam-Champion geben wird. Aber wenn ich tippen müsste, würde ich sagen: Auch 2020 wird es keinen neuen Grand-Slam-Sieger geben.

Die jungen Spieler sind für die drei Topstars gefährlicher als deren frühere Herausforderer, weil sie vor ihnen nicht in Ehrfurcht erstarren. Das ist schwierig zu beurteilen. Auch für Stefanos Tsitsipas oder Denis Shapovalov, um nur zwei zu nennen, ist es nicht einfach, den Respekt abzulegen. Denn seit sie denken können, dominieren Federer, Nadal und Djokovic. Zudem: Die gewinnen nicht wegen ihrer Aura, sondern weil es ihnen immer wieder gelingt, auf dem Platz eine Lösung zu finden.

Federer spielt viele Exhibitions, weil ihm der Erfolg nicht mehr so wichtig ist wie früher. Da sehe ich keinen Zusammenhang. Die Exhibitions sind für Roger eine willkommene Abwechslung, zumal er meistens dort hingeht, wo er im Rahmen der ATP-Tour sonst nicht spielen würde. Die speziellen Erlebnisse und Eindrücke helfen ihm, motiviert zu bleiben. Zudem ist das nur eine Phase, nächstes Jahr wird er kaum so viele Showmatches bestreiten. Sein Erfolgshunger hat bestimmt nicht abgenommen.

Erstellt: 16.11.2019, 13:41 Uhr

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