«Sie muss es wollen, dieses Leben auf der Tour»

Melanie Molitor spricht über ihre Arbeit mit Belinda Bencic – und sagt, weshalb sie keine Prognosen für die weltbeste 18-Jährige stellen will.

Mit 18 in der Weltklasse angekommen: Belinda Bencic.

Mit 18 in der Weltklasse angekommen: Belinda Bencic. Bild: Keystone

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Die Genugtuung über den jüngsten Coup von Belinda Bencic ist bei Melanie Molitor schon verflogen. «Es wurde etwas zu viel geschrieben über sie und mich, die Leute haben doch jetzt genug», sagt die 58-jährige Tennislehrerin. So ist sie eben, die Mutter von Martina Hingis: direkt, ehrlich, gerade. Zu viel Aufmerksamkeit war ihr ohnehin noch nie geheuer.

Dabei ist Belinda Bencic ganz klar ihr Werk. Eines, auf das sie stolz sein kann. Seit zwölf Jahren arbeitet sie mit der weltbesten 18-Jährigen, wenn auch auf ganz andere Art als einst mit ­ihrer Tochter. Sie reist nicht mehr mit an Turniere, wirkt stationär von zu Hause aus, am Zürichsee, wo sie in Wollerau eine Tennisschule betreibt. Das soll so bleiben: «Ich habe keine Lust mehr zu reisen, und die jetzige Situation funktioniert. Ich weiss, was läuft, kenne die Leute und die Spielerinnen. Und nach fünf Bällen weiss ich, was los ist.»

«Ich bin nicht ihre Mutter und sehe nicht alles, was läuft»

Sie verfolgt Bencics Partien am Bildschirm und steht permanent in Kontakt mit Ivan Bencic, der sich als ihr verlängerter Arm betrachtet. Zudem ist Martina Hingis oft an Turnieren dabei und gibt ihren Input, unterstützt die Familie Bencic auch im Training und am Spielfeldrand. Die Arbeit mit der jüngsten Top-50-Spielerin ist für Melanie Molitor auch einfacher als früher jene mit ihrer Tochter, weil die enge persönliche, komplexe Beziehung wegfällt.

Geblieben ist Melanie Molitor die Vorsicht, mit der sie aufstrebende Jungprofis beurteilt. Nicht einmal für ­Bencic will sie eine Prognose abgeben: «Über ihre Perspektiven spreche ich nicht. Denn es ist immer gleich: An ­einem Tag ist es so, am nächsten wieder anders. Ich bin nicht ihre Mutter und sehe nicht alles, was im Hintergrund läuft. Es kann sich täglich ­ändern, und dann stehe ich da wie eine Idiotin.» Ausschlaggebend sei aber nun vor ­allem ihr Wille, ihre Opferbereitschaft, ihre Hingabe: «Sie muss es wollen, dieses Leben auf der Tour.»

«Nun zeigt sich, dass die anderen weniger hart arbeiten»

Klar ist für die Schweizer Trainerin des Jahres 1997, dass Bencic in einer wichtigen, wegweisenden Phase steckt. Nun komme es darauf an, wie sie mit der neuen Situation umgehe, mit dem Ruhm, dem schneller fliessenden Preisgeld, der gesteigerten Aufmerksamkeit von Medien, Sponsoren und Fans ­sowie dem Umstand, von der Jägerin zur ­Gejagten geworden zu sein.

Etwas überrascht sei sie schon über ihre Erfolge dieses Sommers, gibt ­Melanie Molitor zu. Sie wertet diese nicht nur als Zeichen der Stärke der Ostschweizerin, sondern auch als Schwäche der Gegnerinnen: «Wie früher Martina arbeitet auch Belinda sehr hart. Und nun zeigt sich, dass die Konkurrentinnen weniger hart arbeiten.» Ihre Philosophie sei stets gewesen: «Ar­beite mehr und besser, dann bist du die ­Beste.» Nun werde klar: «Die anderen machen weniger, und deshalb haben sie auch nicht ein solches Repertoire und diese Sicherheit.»

Explizit ausgenommen von dieser Kritik ist bei ihr Serena Williams. «Sie ist ein Vollprofi. Von den Jungen arbeitet niemand so konsequent.» Williams habe auch die rasante Entwicklung der Sportart bewältigt. Das Tennis von heute sei ganz anders als noch zu den besten Zeiten ihrer Tochter: «Martina mit Belinda zu vergleichen, ist, wie wenn du ­Becker mit Borg oder Graf mit Williams vergleichst. Zwischen ihnen liegen 17 Jahre, und das Tennis hat sich gewandelt, ist athletischer geworden und das Material viel schneller.»

Ganz Realistin, verspricht Melanie Molitor keine grossen Leistungssprünge mehr für Bencic. «Mit 17, 18 ändern sich die Mädchen, sind nicht mehr so beweglich. Da ist das Verbesserungspotenzial nicht mehr wahnsinnig gross.» Am meisten verbessern könne sie ein ­Organ: «Das Gehirn».

Erstellt: 30.08.2015, 09:44 Uhr

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