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«Ich muss nicht auch noch kitschig abtreten»

Roger Federer ist überwältigt von der Begeisterung, die sein Comeback ausgelöst hat. Manchmal wünscht er sich, es wäre weniger.

Im Höhenflug: Roger Federer befürchtete, seine Karriere sei zu Ende – mit neuer Lockerheit hat er in diesem Jahr zu alter Stärke gefunden. Foto: Pavel Lebeda (Freshfocus)
Im Höhenflug: Roger Federer befürchtete, seine Karriere sei zu Ende – mit neuer Lockerheit hat er in diesem Jahr zu alter Stärke gefunden. Foto: Pavel Lebeda (Freshfocus)

Es ist ein sonniger Gründonnerstag auf der Lenzerheide, 15 Grad, grüne Hänge, die Promenade ist fast ausgestorben. ­Roger Federer hat sich für ein paar Tage mit seiner Familie hierher in sein Haus zurückgezogen, ehe er wieder aufbricht – zum Konditionstraining nach Dubai. Weil er gerade so in Schwung ist, bot er einige Journalisten spontan auf in die Berge, um dort seinen Promotions­termin für das Stuttgarter Rasenturnier zu absolvieren. Ein kleiner Kreis von ­Reportern aus der Schweiz, Deutschland und Österreich hat sich in einem Konferenzraum im Hotel Schweizerhof eingefunden, als er um 14 Uhr in den Raum schwebt – auf Wolke 7.

Nach 30 Minuten Gespräch am runden Tisch will Edwin Weindorfer, der Turnierdirektor des Mercedes-Cup, abbrechen mit dem Hinweis, mit ­Federers Manager sei dieser Zeitrahmen abgemacht worden. Doch der Baselbieter beschwichtigt: «Tony (Godsick) ist gerade im Flugzeug, den interessiert das nicht. Wir können gerne noch ein bisschen ­weitermachen.» Auf den Einwand, dass danach noch ein Videodreh für das ­Turnier anstehe, sagt er, dass der natürlich nicht darunter leiden werde. Es ­werden fast 50 Minuten Gespräch über Federers verblüffende Geschichte der letzten Monate, die ihn nochmals in ­höhere Sphären katapultiert hat.

Comebackstorys wie die Ihre üben auf die Leute eine ganz spezielle Faszination aus.

(Unterbricht) Das habe ich auch gemerkt. In diesem Ausmass war mir das nicht bewusst gewesen.

Haben Sie das Gefühl, dass Ihre Popularität als Folge davon nochmals einen neuen Höchststand erreicht hat?

Wahrscheinlich schon, ja. Ich habe das Gefühl, dass sich viele Leute besser ­damit identifizieren können, als wenn jemand dominiert. Wenn man immer ­gewinnt, alles gut läuft, ist das fast schon surreal. Für viele schwer nachvollziehbar. Denn manchmal geht es einem einfach nicht so gut. Man ist traurig, bevor man zu Bett geht. Aber am nächsten Tag kommt die nächste Chance. Vielleicht geht es einem auch da noch nicht so gut. Aber irgendwann kommt es wieder, wenn man hart an sich arbeitet. Vielleicht nach einem Tag, vielleicht erst nach ein paar Jahren. Dank meinem Comeback verstehen mich die Leute heute wahrscheinlich besser als je ­zuvor. Sie spüren: Ich war auch dort.

Können Sie uns nochmals mit­nehmen in jene Zeit? Was war das Härteste?

Es gab viele schlimme Momente. Als ich im Februar (2016, Arthroskopie am linken Knie) unters Messer musste, wusste ich nicht, wie ich wieder aufwachen würde. Ich konnte meinen Fuss kaum mehr bewegen und dachte: oh Gott! Ich war sehr traurig und zweifelte, ob es ­jemals wieder gut kommt. Ich kam dann ja schnell auf die Tour zurück, das Bein machte rasch wieder mit. Doch dann ­geriet ich in eine schwierige Phase, weil ich spürte: Ich kann mich nicht mehr auf meinen Körper verlassen. Der macht, was er will. Es ging schlechter und schlechter, weil ich immer mehr forcieren musste, da Wimbledon ja das grosse Ziel war. Ich hatte immer wieder Flüssigkeit im Knie, dann kam auch noch der Rücken dazu. Ich war nicht mehr so ­explosiv, weil ich kaum trainieren konnte. Ich spürte, dass ich Wimbledon ziemlich sicher nicht gewinnen würde. Trotzdem probierte ich es. Zu wissen, dass es nicht reicht, aber trotzdem anzutreten, ist sehr schwierig für einen ­Spitzensportler.

Video – Tennis auf der Limmat:

Roger Federer und Andy Murray beim Warm-up für ihr «Match for Africa». Video: Tamedia

Und nun sind Sie nach dem Australian-Open-Titel wieder der gefeierte Sieger. Was hat Sie in den letzten Monaten am meisten überrascht?

Praktisch alles. Dass der Körper alles durchgestanden hat. Dass ich mental ­immer auf der Höhe war, Match für Match. Dass ich Tag für Tag diese ­Konstanz abrufen konnte. Dass ich in Australien gleich eine gute Balance fand. Ich war während der Matchs ruhig und hatte Selbstvertrauen, obschon ich vorher ja länger nicht mehr gespielt hatte. Vielleicht, weil ich einfach sehr, sehr froh war, wieder auf dem Platz zu ­stehen. Das grosse Glück für mich war ­sicher, dass ich das Knie nicht noch einmal operieren musste.

Wann fiel diese Entscheidung?

Nach Wimbledon sagte mir der Doktor, ich müsste dem Knie einfach eine richtige Pause gönnen. Die habe es verdient. Also tat ich das. Natürlich war es nicht einfach, all diese Turniere auszulassen. Trotzdem war ich sehr positiv. Und ich glaube, dass viele Leute spürten, dass es nicht aufgesetzt war. Das ist einfach meine Art. Ich hoffe, ich konnte zeigen, dass schwierige Zeiten auch riesige Chancen in sich bergen. Dass man sich neu erfinden kann. Daher ist meine Popularität momentan wohl so gross. Ich hoffe, es bleibt nicht immer so.

Wie bitte?

Ich dachte schon, dass ich viele Leute zufriedenstellen würde mit meinem Sieg (in Melbourne). Aber nicht in diesem Ausmass. Comebacks sind ja meistens sehr emotional. Das ist bei mir nicht anders. Ich schaute mir gestern nochmals 20 Minuten vom fünften Satz des Finals am Australian Open an, weil mir ein Freund die Sequenz geschickt hatte. Ich hatte nochmals Gänsehaut.

«Jetzt verstehen mich die Leute wohl besser als je zuvor. Sie spüren: Ich war auch dort.»

Wie ist das Gefühl, jetzt auf der Lenzerheide auf Ihren exzellenten Saisonstart zurückzuschauen?

Es war wunderbar, nach Australien hierherzukommen. Da hatte ich wirklich Zeit, es zu geniessen und zu relaxen. Ich musste ja auch, wegen des Beines. Sonst war es nach grossen Siegen oft so gewesen, dass ich Termine zu absolvieren oder ein Turnier zu spielen hatte. Nach Miami war ich nun kurz in den Ferien, und bald geht es weiter nach Dubai. Ich will im Rhythmus bleiben, lasse mich nicht ganz so nach unten fallen wie nach Australien. Aber die Zeiten sind momentan wunderbar mit all den Siegen. Ich geniesse es, wenn nicht beim Tennis, dann mit der Familie. Und in den Bergen ist es schön ruhig, wegen des schönen Wetters hat es hier kaum Leute.

Wieso haben Sie eigentlich ein Domizil auf der Lenzerheide?

Ich bin ja eigentlich eher der, der lieber ans Meer geht als in die Berge. Ich habe schnell kalt, vor allem an den Füssen und den Händen. Ich ging zwar gerne Ski fahren. Aber von Basel aus haben wir einen weiten Weg zu den Schweizer Bergen. Ich kenne auch keinen guten Basler Skifahrer. Als Kind war ich oft in Süd­afrika, in der Wärme. Aber mit Freunden fuhren wir dann ­immer mehr hierher in die Ferien, und dann hörte ich, dass ein Stück Land verkauft wird. Ich schaute es an, es war wunderschön. Dann hatten wir das Glück, dass wir das Land kaufen konnten. Da stand ein Haus, und das wollten wir nicht gleich abreissen wegen der Person, die mir das Haus verkauft hatte. Irgendwann rief er mich an und sagte, für ihn sei es okay, wenn wir etwas anderes bauen würden. Ich hatte mir immer einen Rückzugsort für mich und meine Familie gewünscht. Und für meine Freunde. Ich fand, in der Schweiz ein Chalet zu haben, ist wie ein Traum. So landeten wir hier und begannen zu bauen. Heute zahle ich meine Steuern hier, und es gefällt mir wunderbar.

Bildstrecke – ein Tennis-Gipfel in Zürich:

Roger Federer gewinnt den Match for Africa gegen Andy Murray in zwei Sätzen.
Roger Federer gewinnt den Match for Africa gegen Andy Murray in zwei Sätzen.
Ennio Leanza, Keystone
Volles Haus: Das Hallenstadion ist ausverkauft.
Volles Haus: Das Hallenstadion ist ausverkauft.
Sabrina Bobst
Was für eine Show: Der Match for Africa war ein voller Erfolg.
Was für eine Show: Der Match for Africa war ein voller Erfolg.
Michael Buholzer, AFP
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Sie gelten als der tadellose Sportsmann und perfekte Gentleman, Sie sind vierfacher Familienvater und umjubeltes Idol. Ist es nicht manchmal eine Belastung, allen Erwartungen gerecht zu werden?

Eine Belastung nicht. Ich kann zum Glück mich selber bleiben. Das Bild wird auch verzerrt. Alle denken, weil ich ­Erfolg habe, sei bei mir alles wunderbar. Aber ich habe auch meine ­Macken. Auch ich bin ständig daran, an mir zu ­arbeiten, mich zu verbessern. Ob es in der ­Organisation ist, als Familien­vater, als Tennisspieler. Ich habe auch überall Baustellen. Aber mein Image hat eine solche Dimension angenommen, dass ich gar nicht mehr dagegen ankämpfen kann. Zum Glück gebe ich viele Interviews, in denen ich mich normal geben kann. Damit die Leute spüren: Das ist nicht der Mister Perfect. Das ist einer, der ist total normal. Es ist schön, habe ich ein solch gutes Image. Aber primär geht es mir um den Sport. Und wie ich abseits der Courts bin, als Familienvater oder als Ehemann, ob gut oder schlecht, da habt ihr alle ja keine Ahnung. Aber wir haben es zu Hause gut. (Schmunzelt)

Was ist Ihre grösste Baustelle?

Die Baustellen kommen und gehen. Zum Glück gibt es keine ganz grosse. Aber die Organisation ist sicher immens. Man kann sich wohl gar nicht vorstellen, was da bei uns hinter den Kulissen alles ­abgeht. Höchstens ansatzweise.

Welche Rolle nehmen Sie bei der Erziehung Ihrer Kinder ein?

Mirka und ich sind beide etwa gleich strikt oder entspannt. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich der bin, der immer ein Machtwort sprechen muss. Oder umgekehrt. Wir haben eine gute Balance gefunden, helfen uns gegenseitig. Wenn der eine spürt, dass der andere müde ist, übernimmt er halt den Part, den Kindern zu sagen, wos langgeht. Das zehrt an den Nerven. Es kann auch sein, dass ich das vor wichtigen Spielen durchziehen muss. Aber vor dem Final des Australian Open oder vor ähnlichen Spielen weiss Mirka, es ist besser, wenn alle aus dem Zimmer gehen.

«Ich spiele, solange ich Freude habe.»

Falls Sie dieses Jahr Wimbledon gewinnen, könnten Sie sich vorstellen, auf dem Höhepunkt abzutreten?

Daran habe ich noch nie gedacht. Das müsste aus dem Moment kommen. Ich habe schon weit über Wimbledon hinaus geplant. Derzeit plane ich den Auftakt von 2018. Ich glaube nicht, dass Siege oder Niederlagen bestimmen, wann ich aufhöre. Es sind eher der Kopf und der Körper.

Aber besser könnten Sie nicht aufhören, oder?

Absolut. Aber es ist nicht mein Ziel, dass ich auf dem absoluten Höhepunkt ­aufhöre. So, wie das andere getan ­haben. Ich spiele fürs Leben gerne ­Tennis, und ich spiele, solange ich Erfolg habe, mir damit Freude machen kann, meine Familie Freude daran hat und mein Team. So läuft das. Ich muss nicht auch noch kitschig abtreten.

Video – was kann Federer eigentlich nicht?

Der Maestro im kritischen Urteil seiner Fans – und sich selber.

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