«Am schlimmsten war es im Halb­final gegen Roger Federer»

Wie war das damals im Melbourne-Halbfinal gegen seinen Freund, als die Tränen flossen? Stan Wawrinka im grossen Interview.

Ein grosses Ziel, das Wawrinka noch bleibt, ist der     Wimbledon-Titel. Er wäre erst der neunte Spieler, der alle Majors gewann. Foto: Tony O’Brien (Action Images, Reuters)

Ein grosses Ziel, das Wawrinka noch bleibt, ist der Wimbledon-Titel. Er wäre erst der neunte Spieler, der alle Majors gewann. Foto: Tony O’Brien (Action Images, Reuters)

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Nach Siegen über Lorenzi und ­Kohlschreiber stehen Sie im Achtelfinal von Indian Wells – einem ­Turnier, das Ihnen nicht so liegt. Zufrieden?
Mit zwei Siegen bin ich sicher noch nicht zufrieden. Aber mit meiner Form schon. Ob es ein gutes Turnier war, kann ich erst später sagen.

Das grösste Turnier neben den Grand Slams beginnt für Topspieler erst am ersten Wochenende richtig. Ist das nicht fast langweilig?
Mir gefällt es. Ich kann trainieren, mich ausruhen, der Ort und das Wetter sind wundervoll. Man kommt aus Europa, wo es kalt ist, keine Sonne hat. Das ist sehr angenehm. Dazu ist alles ruhig, weil keine grosse Stadt in der Nähe ist.

Ist es eines Ihrer Lieblingsturniere?
Ja. Viele Turniere haben Eigenheiten, die mir gefallen. Dieses Jahr wohne ich mit Magnus (Norman, sein Coach) hier erstmals in einem Haus, nicht im Hotel. Das verändert vieles, ist viel angenehmer. Wir müssen auch nicht immer in Restaurants essen.

Stimmt es, dass Sie begabt sind beim Grillieren?
Da müssen Sie andere fragen. Grilliert haben wir hier bisher aber erst einmal, als René Stammbach (der Swiss-Tennis-Präsident) zu Besuch kam.

Indian Wells ist ein Golfmekka. Spielen Sie selber auch?
Nein. Ich habe es zwei-, dreimal gemacht, dann tat mir der Rücken weh. Gefallen würde es mir schon, aber wie gut ich wäre, weiss ich nicht. Golf ist ­etwas, das ich nach dem Ende meiner Karriere gerne spielen würde.

Nach dem Australian Open mussten Sie wegen Knieproblemen pausieren und Rotterdam auslassen. Wie schlimm waren sie tatsächlich?
Ich musste über zwei Wochen aussetzen, so eine Therapie braucht viel Zeit. Inzwischen kann ich wieder hart trainieren, das stimmt mich zuversichtlich – auch wenn ich noch aufpassen muss.

Video - Wawrinkas Fünfsatz-Krimi von Melbourne gegen Roger Federer:

In Melbourne spielten Sie dieses Problem herunter. Warum?
Ich bin jemand, der nicht gerne über Verletzungen oder Probleme spricht. Mir bringt das auch nichts. Letztlich ­mache ich einfach, was ich tun muss, um überall in Topform zu sein. Und habe dabei wie alle meine Wehwehchen. Diesmal war es halt etwas ernster. Solche Dinge gehören zu einer Karriere.

Wie entwickelte sich das Knie, und wann war es am schlimmsten?
Die Probleme begannen nach der ersten Runde, und leider wurde es nicht besser. Am schlimmsten war es im Halb­final gegen Roger.

In jener Partie verliessen Sie bei 5:7, 2:6 den Court, und es sah aus, als ob Sie weinten. Was war los?
In den letzten zwei Games dieses Satzes muss ich etwas getan haben, das starke Schmerzen verursachte. Dann ­waren da die Müdigkeit und die Frage, was ich tun soll. Sagen wir einfach: Es war nicht der beste Moment des Matchs.

Aber dann kamen Sie zurück und gewannen die nächsten Sätze 6:1, 6:4, waren plötzlich stärker als Federer. Wie erklären Sie sich das?
Der Physiotherapeut hatte mich in der Verletzungspause etwas beruhigen können wegen des Knies. Zudem brachte er ein Tape an. Das sind Details, aber sie können helfen. Danach wurde ich ­lockerer, änderte meine Taktik, spielte aggressiver. Dadurch wendete sich der Match. Und auch Roger hatte eben seine schwierigen Momente.

Er verliess vor dem fünften Satz den Platz, hatte ein medizinisches Time­out, es kam zu einer längeren Pause. Pat Cash sagte später, das sei legaler Betrug. Hatten Sie auch das Gefühl, dass das unfair war?
Nein, an so etwas dachte ich nicht. Ich stellte mir auch keine Fragen. Er nahm sein Time-out wegen seiner Oberschenkelverletzung, wie ich es nach dem dritten Satz wegen des Knies gemacht hatte. Ich nutzte die Gelegenheit, um auf die Toilette zu gehen. Die Pause brach meinen Rhythmus nicht, immerhin hatte ich ja gleich wieder Break-Bälle.

Also war die Kritik von Cash unfair?
Er sprach einfach als Aussenstehender. Es kommt stets darauf an, weshalb ­jemand ein Time-out nimmt. Ich bin überzeugt, dass Roger Schmerzen hatte, egal, was er sagt. Aber wie oft sehe ich Spieler, die zehn Minuten brauchen, um zur ­Toilette zu gehen? Das ist für mich nicht normal. Wenn einer zur Toilette geht, sollte die Zeit limitiert sein. Zwei Minuten, danke, auf Wiedersehn.

Was sagen Sie zum Finalausgang? Was bedeutet Federers 18. Grand-Slam-Titel für die Tennisgeschichte?
Es ist unglaublich, ganz einfach. Wie seine ganze Karriere. Er ist der grösste Spieler aller Zeiten. Was unfassbar ist: Er zeigt immer noch, dass es für ihn keine Grenzen gibt, wie er es während seiner ganzen Karriere getan hat. Er hat alle Rekorde pulverisiert, auf grossartige Art. Und dann kommt er zurück, nach sechs Monaten Pause, und gewinnt gleich ein Major-Turnier. Das ist einfach verblüffend. Aber klar: Es handelt sich ja auch um Roger. Schon vor seiner Verletzung stand er immer wieder in grossen Finals und Halbfinals, kam letztes Jahr in Wimbledon trotz des Knies in den Halbfinal. Sein Niveau war immer da.

Zurück zu Ihnen. Täuscht der Eindruck, dass Sie emotioneller geworden sind? Vor dem US-Open-Final brachen Sie ja auch in Tränen aus.
Ich glaube nicht, dass ich emotioneller geworden bin. Vielleicht hat man das jüngst etwas mehr gesehen, oder ich habe etwas mehr darüber gesprochen. Aber ich denke, ich war immer so.

Was hat sich für Sie verändert, seit Sie ein konstanter Topspieler sind? Gibt es auch negative Aspekte?
Schon. Aber die gehören dazu, wenn man im Sport ganz nach oben kommt. Ich muss das Gesamtpaket akzeptieren, kann nicht nur das Gute nehmen und das Negative zur Seite schieben. Es gibt immer Dinge, die man lieber anders ­haben würde. Aber ich kann mich nicht beklagen. Ich gewann drei Grand-Slam-Turniere in drei Jahren. Ich hatte jahrelang dafür gekämpft, um so weit wie möglich zu kommen. Nun bin ich die Nummer 3, und das ist mehr, als ich mir je erträumt hätte.

Muss man als Grand-Slam-Sieger egoistischer werden?
Nicht egoistischer. Aber weil die Nachfrage und die Verpflichtungen viel grösser sind, kann man nicht alles annehmen, so einfach ist das. Also muss ich viel öfter Nein sagen.

Fällt Ihnen das leicht?
Das ist nicht immer einfach, gehört aber zur Lehre, zu meiner Karriere.

Sie schirmen Ihr Privatleben rigoros ab. Warum?
Ich habe einfach kein Interesse, darüber zu reden. Ich wurde durch Tennis bekannt und spreche auch lieber vom Sport und meiner Karriere als vom ­Privatleben.

Die Öffentlichkeit möchte aber schon noch etwas mehr wissen. Man weiss nicht einmal, wo Sie wohnen.
Ich habe keine Lust, über solche Sachen zu reden. Zwischendurch habe ich gerne meine Ruhe, bin ungestört.

Sie reagierten auch schon ungehalten, als über Ihre Freundin berichtet wurde, die Kroatin Donna Vekic.
(Zögert) Natürlich spricht man gelegentlich über mein Privatleben. Aber ich will ganz einfach nichts dazu beitragen.

Gehören die vermehrten PR- und Medientermine für Sie zu den ­negativen Seiten des Gesamtpakets? Wie der Auftritt hier mit einem Pizzabäcker und Gourmetköchen?
Es gibt Dinge, die mir gefallen – wie zum Beispiel solche Topköche zu treffen. Auch mit den Fans mache ich gerne ­etwas. Doch es ist wie überall: Manchmal hast du mehr Lust, manchmal weniger. Aber du machst es trotzdem.

Sind Interviews auch ein ­unangenehmer Teil Ihres Jobs?
Auch da gibt es Unterschiede. Manchmal bin ich offener, manchmal weniger.

Obwohl Sie das US Open gewannen, wurden Sie in der Wahl zum Schweizer Sportler des Jahres nur Dritter, hinter Cancellara und Schurter. Empfanden Sie das als komisch?
Für mich ist nichts mehr komisch, und das ändert auch mein Leben nicht. Und ich hatte das Glück, schon einmal Sportler des Jahres zu sein. Zu wissen, dass ich es einmal war, bedeutet mir viel.

Nun stehen Sie wieder im Schatten Federers. Wie ist das für Sie, als Nummer 3 der Welt?
Das stört mich nicht, sondern gehört zu meiner Karriere, zu meinem Leben. Es ist auch normal, dass es so ist, nach ­allem, was er erreicht hat.

Welches sind die dominanten ­Gefühle, wenn Sie Ihre drei Grand-Slam-Titel miteinander vergleichen?
Australien (2014) war wie eine Entdeckungsreise, alles war unbekannt, neu, ich wusste nicht, wohin das führt. ­Roland Garros (2015) war dann so etwas wie die Krönung meines Spiels. Novak (Djokovic) zu schlagen, der die ganze Saison zuvor auf Sand kein Spiel verloren hatte, in Roland Garros, wo ich das Juniorenturnier gewonnen hatte, und dann noch so unglaublich zu spielen ... Das US Open war das extremste Turnier, was die Emotionen betrifft, die mentale Müdigkeit und die körperliche Erschöpfung. In New York und den USA ist ohnehin alles enorm gross.

Es heisst, der Appetit kommt beim Essen. Gilt das bei Ihnen auch in Bezug auf die grossen Titel? Will man immer mehr, mehr, mehr?
Es ist schon so: Wenn man beginnt, grosse Matchs zu gewinnen, ist das suchterregend: Siegen macht süchtig. Du kämpfst deine ganze Karriere dafür, Titel zu gewinnen. Während zehn Jahren war ich nur selten irgendwo der Champion. Das änderte sich erst in den letzten vier Jahren. Und je mehr ich gewinne, desto grösser wird die Lust, es zu wiederholen und so viel wie möglich aus meiner Karriere herauszuholen.

Vor einem Jahr sagten Sie hier, Wimbledon sei der Titel, den Sie am liebsten noch gewinnen würden. Das gilt wohl auch dieses Jahr ...
Gezwungenermassen. Aber offenbar ist es auch jener Titel, der für mich am kompliziertesten zu holen ist.

Sie könnten dort zum neunten Spieler werden, der alle Major-Titel mindestens einmal gewann.
Das höre ich andauernd. Ich versuche zwar jedes Jahr, auf Rasen besser zu werden. Aber über die Viertelfinals kam ich in Wimbledon noch nie hinaus, und auch in Halle oder in Queen’s habe ich nie gut gespielt. Ich habe also noch viel zu tun, um auf Rasen gut zu werden.

Ein anderes Ziel von Ihnen ist, an den Masters-Turnieren konstanter zu werden. Was können Sie dafür konkret machen?
Konkret kann ich nichts machen – ausser weiter hart zu trainieren und mich in ­allen Bereichen zu verbessern. Dass ich viele solche Matchs verliere, zeigt, dass ich irgendwo Schwächen habe, dass mir etwas fehlt.

Was könnte das sein?
Es spielt keine Rolle, ob es mit dem Mentalen, dem Physischen oder meinem Tennis zu tun hat. Es gibt keine Wunder, alles geht über das Training. Allein der Entscheid, das ändern zu wollen, bewirkt noch nichts.

Würde es Ihnen nicht helfen, zu wissen, woran es liegt?
Es gibt viele Parameter, die dazu beitragen. Über Best-of-5 kann man sich mehr Fehler leisten, hat mehr Zeit, eine Partie noch zu drehen, selbst wenn man schon zwei Sätze verloren hat. Zudem spielt man an Grand-Slam-Turnieren zu Beginn auch gegen weniger starke Gegner als in der Masters-Serie. Das lässt dir Zeit, den Weg ins Turnier zu finden. Aber das ist okay. Ich habe lieber drei Grand-Slam-Titel als mehr Erfolge in der Masters-Serie.

Sie werden Ende Monat 32. Beschäftigt es Sie, dass sich Ihre Karriere langsam dem Ende zuneigt?
Ein wenig. Aber ich habe in den letzten Jahren auch gesehen, dass ich noch vieles erreichen kann. Und ich hoffe, dass ich noch ein paar Jahre auf hohem Niveau spiele. Im Moment konzentriere ich mich voll auf meine Karriere. Ich weiss, dass ich alles investieren muss, um die Chance zu haben, weiter auf diesem Niveau zu spielen.

Noch zwei Fragen: Wer ist Ende Jahr besser klassiert, Sie oder Federer?
(Lacht) Wahrscheinlich Roger. Er hat ja 2000 Punkte Vorsprung. Aber ein Jahr ist lang, das hat man auch 2016 gesehen.

Und wer steht Ende Jahr zuoberst?
Eine sehr gute Frage. Ich weiss es nicht.

Erstellt: 14.03.2017, 22:11 Uhr

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