Spiele nie zweimal den gleichen Ball

Martina Hingis tritt endgültig zurück. Die Ostschweizerin, die einst die Schweizer Sportlandkarte veränderte, ist mit 37 glücklich wie nie zuvor.

Blick zurück mit einem Lächeln: Martina Hingis ist mit sich und ihrer Karriere im Reinen. Foto: Peter Parks (AFP)

Blick zurück mit einem Lächeln: Martina Hingis ist mit sich und ihrer Karriere im Reinen. Foto: Peter Parks (AFP)

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Ein Raunen ging durch den Presseraum in Singapur, als die Nachricht die Runde machte, dass Martina Hingis im Stadtstaat ihr letztes Turnier bestreite. Stunden zuvor hatte die spanische Zeitung «Marca» als Erste die Meldung ver­breitet, sie war gut informiert durch eine iberische Doppelspielerin.

Die Nachricht mag auf den ersten Blick überraschend kommen, hatte Hingis doch in diesem Jahr auf den Doppelcourts eine seltene Dominanz gezeigt. Sofort nach der Trennung von Coco ­Vandeweghe nach dem Australian Open fand sie mit Yung-Jan Chan eine kon­geniale Partnerin. Was kaum jemand wusste: Hingis sagte ihrer Partnerin, es werde sehr wahrscheinlich ihr letztes Jahr auf der Tour.

So verkündete Martina Hingis ihren Rücktritt. Video: Facebook.

Hingis, die Filigrane mit dem grossartigen Auge und unerreichten Spiel­verständnis, und die für den Power­bereich zuständige Spielerin aus Taiwan: Es war eine ähnliche Erfolgskombination wie vorher mit Sania Mirza. Mit der Inderin hatte sie in 14 Turnieren gewonnen, inklusive 3 Grand Slams. Mit Yung-Yan Chan siegte sie neunmal. In New York gewann sie ihre Major-Titel 24 und 25, im Mixed triumphierte sie wie in Wimbledon mit Jamie Murray. Und bei den WTA-Finals in Singapur hat sie nach dem Auftaktsieg gegen Peschke/Grönefeld noch alle Chancen auf den krönenden Abschluss.

«Es ist der richtige Zeitpunkt»

Die souveräne Halbfinalqualifikation war aber spätabends in der Medienkonferenz kaum Thema. Dass eine solche nach einem Doppel überhaupt einberufen wird, ist selten. Dass die versammelte Weltpresse kurz vor Mitternacht noch Fragen stellt, noch mehr. Ob es wahr sei, dass sie zurücktrete, war die erste Frage, und die Antwort war klar. Wenige Stunden zuvor hatte Hingis im Gespräch mit dem «Tages-Anzeiger» die Beweggründe erläutert: «Es ist der richtige Zeitpunkt für mich. Es ist besser, auf dem Höhepunkt aufzuhören, und ich kann ja sagen, ich hatte eine sehr gute Zeit. Die Erfolge, die ich in den letzten drei Jahren hatte, werden sowieso schwierig zu toppen. Und auch meine Prioritäten ändern sich natürlich.»

Das gestrige Medienspektakel war nichts Neues für Hingis, im Gegenteil: Seit sie als gerade 14-jähriges Mädchen im Oktober 1994 in der Zürcher Saalsporthalle auf der WTA-Tour debütiert hatte, stand sie immer im Fokus. Nur zu verständlich – schon mit 12 hatte sie das French Open der Juniorinnen gewonnen, in der Kategorie der bis 18-Jährigen. Sie trug noch eine Zahnspange, die Haare lang, aber auf dem Court brachte sie ihre Gegnerinnen zum Verzweifeln - mit Spielwitz, Spielintelligenz und einer so einfach scheinenden wie schwierig umzusetzenden Strategie: Spiele nie zweimal hintereinander den gleichen Ball.

Das Mädchen wuchs, und auch die Resultate wurden rasch immer besser. Mit 16 Jahren und 4 Monaten gewann sie, seit je von ihrer strengen Mutter trainiert und begleitet, in Melbourne den ersten Grand-Slam-­Titel, zwei Monate später war sie die Nummer eins. 209 Wochen sollte sie ganz zuoberst stehen, 5 Grand-Slam-Titel gewann sie bis zum Australian Open 1999 und setzte mit ihrer Spielkunst höchst erwünschte Kontrapunkte im oft eintönigen Frauentennis.

Nicht immer wurde sie hierzulande verstanden. Viele taten sich schwer mit der forsch auftretenden Teenagerin, dazu kam der Neid auf die junge Millionärin.

Massstäbe setzte sie auch in der Heimat. Sie war der erste globale Weltstar des Schweizer Sports, und sie spurte den Weg für Generationen. Inspiriert hat sie auch Roger Federer. Speziell eine Woche blieb ihm in Erinnerung: «Als wir gemeinsam den Hopman-Cup bestritten, war das wie ein Weckruf für mich. Ich war zwar damals schon unter den Top 30, aber sie retournierte besser als ich, vollierte besser und war von der Grundlinie konstanter. Und vor allem war sie ein Profi, da war sie mir weit voraus.»

Nicht immer wurde sie hierzulande von der Öffentlichkeit verstanden. Viele taten sich schwer mit der unbeschwerten, gelegentlich zu forsch auftretenden Teenagerin, dazu kam der Neid, da sie schon früh Millionen verdiente.

Mit knapp 22 Jahren dann der erste Rücktritt nach Problemen mit den Füssen. 2006 das Comeback und spielerisch die Rückkehr in die Top Ten. Sofort war sie wieder mittendrin in der Weltelite. Im November 2007 dann der zweite Rücktritt – als Konsequenz einer positiven Dopingprobe in Wimbledon.

70 Monate vergingen bis zu ihrem nächsten offiziellen Match auf der Tour, wieder schien es aber, als ob sie die Zeit anhalten könne. Sie setzte voll auf das Doppel, spielte schnell wieder einzig­artig und wurde zur Nummer 1. Sie verhalf dem Frauendoppel zu einem Popularitätsschub: Wo sie auch auftrat, waren die Ränge voll, ihre Autogramme sind immer noch so begehrt wie früher, mittlerweile natürlich auch die Selfies.

Über 1280 Partien

Nun, nach über 8400 Tagen, 683 Einzel- und 600 oder 601 Doppelmatchs fällt morgen oder am Sonntag der letzte Vorhang. Viele fragen sich, ob dies nun endgültig ist. Ja, lautet die Antwort, mit Ausrufezeichen. Sportlich ist sie mit sich im Reinen, und zu gut geht es ihr privat. Zu erfüllend ist die Partnerschaft mit dem gleichaltrigen Zuger Arzt ­Harald Leemann, der sie diesen Sommer regelmässig auf der Tour begleitete. Gute Bekannte des Paars sprechen von perfekter Harmonie. Ein Glück auf allen Ebenen.

Erstellt: 26.10.2017, 23:30 Uhr

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