Tong, tong, tong – auf dem Balkon

Aufgesprungen, gelitten, gebangt, gezittert, weggetreten, gelesen, getrunken: Fünf Stunden mit IHM.

Von draussen nur noch dieses Geräusch: tong, tong, tong, tong, hin und her der Ball – und dann. Stille!

Von draussen nur noch dieses Geräusch: tong, tong, tong, tong, hin und her der Ball – und dann. Stille! Bild: Keystone

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In einer Gruppe zusammen gesessen, geschaut, aber auch geschwatzt, manchmal abgelenkt, noch nicht ganz konzentriert. Es ist erst 15 Uhr an diesem Sonntagnachmittag, draussen Badewetter, eigentlich. Das Spiel wird lange dauern, denkt man.

Zum ersten Mal aufgesprungen, innerlich, ohne für andere hörbar – nein!, warum nicht? jetzt doch! nein! – und den Titel zu einer Kolumne in einer deutschen Sonntags-Zeitung gesehen, «Goodbye English Rose», eine Hymne auf Elton John, der auf seiner Abschiedstournee ist, «Farewell Yellow Brick Road» heisst sie, und im Sommer 2020 wird sie in London enden. Und gedacht: Sehen wir auch IHN 2020 in London nochmals?

Inzwischen allein zu Hause, es gibt Momente, da will man für sich sein, unbeobachtet, vielleicht schämt man sich gar für eigene Reaktionen, sie irritieren ja einen selber.

Zuletzt nur noch verschwommen zusehen können: Roger Federer durch ein Glas Rosé.

Aufgesprungen. Geschrien, jetzt laut, gelitten, gebangt, gezittert. Und gedacht, vielleicht hilft es, stehend zuzuschauen, direkt vor dem TV, oder auf dem Boden sitzend, vielleicht kurz wegtretend, in ein anderes Zimmer, vielleicht lesend. Immer wenn ich zusehe, endet es schlecht, wenn ich kurz weggehe, gut – und dann doch wieder umgekehrt. Also wieder auf dem Sofa sitzend. Und kurz lesend, eine Kolumnistin im neuen «Zeit-Magazin» schreibt: «Bruce Springsteen macht diese Art Kunst, deren Grossartigkeit man erst versteht, wenn man sie nicht vom Künstler trennt.» Und seine Kunst, wegen der man schreit und leidet und zittert, hat viel mit IHM zu tun, seiner Art – kann Leichtigkeit schöner sein?

Zwischendurch, ganz alleine hält man es doch nicht aus, Nachrichten geschrieben, nur einzelne Wörter, wahnsinnig, unglaublich und so. In der «Welt am Sonntag» steht an diesem Tag: «65 Milliarden Nachrichten werden Schätzungen zufolge täglich bei Whatsapp verschickt» – wie viele Hunderttausende sind es in diesem Moment? Nachrichten, die eigentlich wenig Sinn machen, man will auch keine Antworten, einfach das Unverständliche loswerden.

Nach fast fünf Stunden, nach dem Versuch, das Schicksal zu beeinflussen durch eigene Positionen, sitzend, liegend, stehend, schweigend, schreiend, Luft anhaltend, fluchend, ein Glas Rosé trinkend – es gibt nur noch eines: Die Flucht auf den Balkon, nicht mehr hinsehen. Man hört von draussen nur noch dieses Geräusch: tong, tong, tong, tong, hin und her der Ball – und dann. Stille! Kein Aufschrei des Kommentators. Was tun wir nur, wenn ER wirklich auf seiner Farewell Road ist?

Erstellt: 15.07.2019, 14:13 Uhr

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