Tsitsipas lotet keine Grenzen aus – er überschreitet sie

Der Grieche Stefanos Tsitsipas ist mit 20 Jahren der jüngste Grand-Slam-Halbfinalist seit 2007. Sein Weg an die Spitze ist so ungewöhnlich wie seine Herkunft und Persönlichkeit.

Der Matchball von Stefanos Tsitsipas gegen Roger Federer im Achtelfinal. (Video: SRF)

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Stefanos Tsitsipas war schon ­immer ein Einzelgänger, ein einsamer Wolf, der seiner Wege geht und herausfinden will, wohin er gehört. Als Kind war seine Heimat der Glyfada-Tennisclub in Athen, wo Vater Apostolos und Mutter Julia – eine frühere russische Spitzenspielerin – aktiv waren. Auch als Profi ist der Grieche ein Aussenseiter geblieben, der neugierig durch Städte streicht, wenn er nicht spielt, um mit Kameras, Stativen und Drohnen Beiträge für seinen Youtube-Kanal zu kreieren.

Schlecht sind auch diese nicht, und die Zahl seiner Abonnenten steigt dieser Tage auffallend stark. Aber auch im Erfolg bleibt der jüngste Grand-Slam-Halb­finalist seit fast zwölf Jahren und ­Novak Djokovic (US Open 2007) kompromisslos. «Manchmal, wenn ich traurig bin, mache ich solche Videos und fühle mich dann besser», erzählt er nach seinem Viertelfinalsieg über Roberto Bautista Agut. «Das werde ich auch weiterhin tun. Es entspannt mich und zeigt mir, dass Tennis nicht das Wichtigste ist. Wir alle haben verborgene Talente.»

«Ein Wettkampftyp»

Tsitsipas, dessen drei Geschwister ebenfalls Tennis spielen, lässt sich in keine Schublade stecken. Mit seinen langen Haaren («Mein Markenzeichen, ich werde sie behalten») wirkt er wie den 70er-Jahren entsprungen – sein Tennis aber scheint ein Vorbote der Zukunft zu sein. Im Gegensatz zu vielen Kollegen hält er sich nicht lange damit auf, Grenzen auszuloten, bevor er sie überschreitet. Dass der 20-Jährige zwei Tage nach dem Sieg über Federer, sein Idol, erneut zu einer Topleistung gegen einen zehn Jahre älteren Gegner fähig war, ist ungewöhnlich, aber für ihn bezeichnend.

«Er ist der geborene Wettkampftyp», sagt Patrick Mouratoglou, in dessen Akademie in Südfrankreich Tsitsipas oft trainiert. «Das war es, was mir an ihm schon auffiel, als er 17 war. Und darum geht es im Tennis. Nadal, Federer und Djokovic sind ja auch die besten Wettkämpfer der letzten Jahre.» Dank Mouratoglou, für den er grosse Achtung hat, trainierte Tsitsipas in Australien auch mit Serena Williams.

Obwohl er noch nicht auf der Welt war, als Federer 1998 Juniorensieger in Wimbledon wurde, beeindrucken ihn seine Partien gegen Tennisgrössen wenig. In Toronto schlug er 2018 mit Thiem, Djokovic, Zverev und ­Anderson als bisher Jüngster vier Top-10-Spieler hintereinander, ehe er Nadal unterlag. Dass er schon mit 20 solche Erfolge erringt, hebt ihn von seinen ­Alterskollegen ab – etwa Alexander Zverev, der an Grand Slams im Vergleich zu ihm noch wie ein Novize wirkt.

Dabei bleibt auch Tsitsipas nicht von den Begleiterscheinungen des Erfolgs verschont, die zum Klotz am Bein werden können: Rummel, Erwartungsdruck, Selbstzweifel. Die Nacht nach dem Sieg über Federer sei hart gewesen, sagt er. «Ich konnte nicht einschlafen. Ein Zeh schmerzte und hielt mich wach. Ich spürte Schmerzen und Anspannung am ganzen Körper.» Seine Befürchtung, auch die Nacht vor dem Viertelfinal könnte hart werden, war unnötig.

Angesichts seines jugend­lichen Alters bewältigt er den Rummel beeindruckend. «Ich hatte sehr viele Reaktionen. Gratulationen, Nachrichten, Bilder, Videos. Von Leuten, die in Griechenland sehr bekannt sind, von denen ich aber nicht gewusst hatte, dass sie Tennis schauen.» Das habe ihn gefreut, aber er habe trotzdem nicht reagiert. «Das hätte zu viel Zeit beansprucht. Ich wusste, der Sieg über Federer ist wichtig für mein Image. Aber auch, dass die grösste Herausforderung der nächste Match war.»

Als Grieche isoliert

Dass der erste griechische Halbfinalist der Grand-Slam-­Geschichte die Einsamkeit nicht absichtlich sucht, hatte er schon Anfang Turnier erklärt. «Als Kind war ich scheu, aber jetzt lerne ich, mich in Anwesenheit anderer wohlzufühlen, mit ihnen zu sprechen. Allerdings wollen nicht viele Spieler deine Freunde sein, wenn du nicht die gleiche Sprache sprichst. Das ist ein Problem. Spanier, Lateinamerikaner oder Asiaten bleiben unter sich.» Er hätte gerne mehr Freunde, aber das sei schwierig, gab er zu.

Eine Ausnahme ist der 13 Jahre ältere Marcos Baghdatis, der für Zypern spielt, aber griechischer Herkunft ist. Mit ihm ­hatte er am Australian Open Doppel spielen wollen. Weil der Melbourne-Finalist von 2006, der damals knapp Federer unterlag, aber schon in der Qualifikation verlor, reiste er ab, und aus dem Doppel wurde nichts. Inzwischen sei er Baghdatis dankbar, sagt Tsitsipas, denn so habe er sich voll auf das Einzel fokussieren können. «Ich lebe wie in einem Traum», sagte er zum ­Publikum, «aber in einem, für den ich hart gearbeitet habe.»

Erstellt: 23.01.2019, 19:25 Uhr

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