«Unsere Beziehung war immer gut. Das macht mich stolz»

Ivan Bencic spricht erstmals über das wechselvolle Verhältnis mit seiner Tochter Belinda, die so gut spielt wie noch nie, seit er sie wieder betreut

Beflügelt auch dank familiärer Hilfe: Belinda Bencic.

Beflügelt auch dank familiärer Hilfe: Belinda Bencic. Bild: Getty Images

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Indian Wells 2015 war Belinda Bencic der Teenage-Star, im Februar 2016 die Nummer 7 der Welt. Ende 2017 verliess sie ihr gewohntes Umfeld, ging ihre eigenen Wege, wechselte öfter den Coach, war immer wieder verletzt, fiel bis auf Rang 318 zurück. Seit Oktober 2018 wird sie wieder von ihrem Vater Ivan begleitet, einem früheren Eishockeyspieler. In Indian Wells, wo sie nach zwölf Siegen verlor, war der Ostschweizer seit langem wieder bereit für ein Interview.

Wie unterscheiden sich die grossen Turniersiege Ihrer Tochter 2015 in Toronto und 2019 in Dubai?
In Toronto war Belinda 18, sie war noch unbeschwert. Sie spielte einfach und hörte auch noch mehr darauf, was wir ihr vorgaben. Jetzt ist sie 22, ist erwachsen, hat ihre eigenen Ideen, und das ist auch gut so. Und jetzt passt es auch im Team. Sie ist gesund, fit, und ihr Tennis ist zurückgekommen. Das Ganze ergibt diese Erfolge.

Warum holte sie Sie zurück?
Das kam Schritt für Schritt. Sie merkte, dass Vlado Platenik als Coach einfach nicht zu ihr passte. Er verstand ihr Tennis nicht. In Wimbledon ging es noch gut, da war noch die Anfangseuphorie, aber danach fühlte sie sich nicht mehr wohl, weil er nicht auf ihr Tennis einging. Der Engländer Iain Hughes hatte sie einfach machen lassen, redete nicht gross in die Technik rein. Das erkannte Belinda und fragte mich, ob ich mit ihr wieder anfangen würde.

Welche Situation fanden Sie bei ihr vor? Mussten Sie vieles ändern?
Nein, ich merkte, dass sie fit und motiviert war. Ich musste nicht mit dem Brecheisen ran. Wir tasteten uns langsam heran. Ich versuchte, sie an Sachen heranzuführen, die sie von klein auf bei Melanie Molitor gelernt hatte, Martina Hingis’ Mutter. Das war ein langsamer Prozess. Aber in Luxemburg reichte es schon, dass sie in ihr Tennis reinkam, sich gut fühlte und gut spielte.

«Angestellter,
das wäre noch! Ich bin ihr Vater und Coach, aber mehr Vater als Coach»
Ivan Bencic

Ist Melanie Molitor noch ein Faktor?
Im Moment… (zögert) Das will ich hier nicht thematisieren.

Wie hat sich die Situation zwischen Ihnen und Belinda verändert? Ist sie der Chef und Sie ihr Angestellter?
Angestellter, das wäre noch! Ich bin nicht angestellt bei ihr. Ich bin ihr Vater und Coach und helfe ihr, aber nicht im Angestelltenverhältnis. Und ich bin mehr Vater als Coach.

Trennen Sie diese zwei Dinge klar?
Nein, das geht ja nicht. Wenn man an Turnieren ist, ist immer Tennis im Fokus. Und in der Trainingsphase auch. Und sonst lasse ich sie in Ruhe. Sie hat ihr Privatleben, ist erwachsen.

Sie sind momentan zu dritt unterwegs, zusammen mit ihrem Freund und Fitnesstrainer Martin Hromkovic. Eine gute Situation?
Im Moment ist das eine gute Situation, darum sind auch die Resultate entsprechend. Sie fühlt sich wohl mit uns, und vor allem sind wir zwei die, die es wirklich ehrlich meinen mit ihr.

Gibt es Leute, die unehrlich waren?
Vielleicht habe ich das überspitzt gesagt. Aber es gibt viele Leute auf der Tour, die Angestellte sind, heute diese und morgen jene trainieren. Das ist bei uns nicht so. Uns liegt Belinda am Herzen. Entsprechend ist unser Einsatz, und entsprechend ehrlich können wir mit ihr sein. Sie schätzt das auch, denn das bringt sie weiter.

Ihre Siegesserie war fast unheimlich. Die Erwartungen könnten ins Unermessliche steigen.

Ja, aber jetzt weiss sie, was auf sie zukommen könnte. Nun kehrt sie in die Top 20 zurück, aber wir arbeiten gleich weiter, Schritt für Schritt. Belinda hat schon Erfahrungen gemacht als Top-10-Spielerin, auf und neben dem Platz. Daraus muss sie die richtigen Schlüsse ziehen, wenn sie erneut in diese Situation kommt. Und vielleicht gelassener damit umgehen.

Martin Hromkovic ist für Belinda offensichtlich ein Glücksfall?
Er war bis vor kurzem Fussballspieler und damit ein Mannschaftssportler, wie ich. Wir sprechen die gleiche Sprache, haben einen ähnlichen Humor. Er ist einiges jünger, aber durch den Sport hat er auch seine Erfahrung. Er hat sich zum Fitnesstrainer und Physiotherapeuten ausbilden lassen, steckt nicht nur die Hände in den Hosensack, sondern gibt ihr Energie. Und er ist ein ähnlicher Typ wie ich, einer, der etwas energetisch an die Dinge herangeht. Anscheinend ist das gut für Belinda. Sie ist glücklich und fit.

Sie wirkt fitter denn je.
Es ist schwierig zu vergleichen. Mit 15, 16 ist man noch nicht so fraulich, dafür flexibler und weniger verletzungsanfällig. Jetzt muss sie den Körper noch mehr pflegen, und das macht sie gut.

Was kann man von ihr erwarten nach dem fulminanten Start? Im Jahresranking ist sie die Nummer 3.
Wir hegen keine grossen Erwartungen. Wir sagten schon vor ein paar Jahren: Das Ziel ist, das nächste Training gut zu absolvieren und das nächste Spiel zu gewinnen.

Wie hat sich Ihr Verhältnis mit Belinda über die Jahre entwickelt? Sie mussten ja auch loslassen.
Als Eltern lernt man immer dazu. Wir hatten aber immer ein gutes Familienverhältnis. Auch als sie sagte, sie wolle ihre eigenen Wege gehen, hatten wir privat eine gute Beziehung. Die Tatsache, dass wir uns jetzt im Tennis wieder mehr vertrauen, zeigt ja, dass wir privat immer ein gutes Verhältnis hatten. Das macht mich stolz und froh.

Also gab es nie ein familiäres Zerwürfnis?
Als Belinda vor zwei Jahren beschloss, sie wolle eigene Wege gehen, sagten wir als Eltern: Okay, wir unterstützen das, wenn sie das so will. Jetzt vertraut sie mir tennismässig wieder, und das ist das Resultat. Sie fühlt sich wieder gut auf dem Platz.

Hat ihr auch Roger Federer geholfen, mit seinen Tipps am Hopman-Cup?
Roger ist einfach Roger, eine offene, sympathische Person für alle, auch eine Inspiration für alle, nicht nur für Belinda. Und Belinda hatte durch ihre Leistungen und dadurch, dass sie Schweizerin ist, das Glück, dass sie mit einer solchen Legende am Hopman-Cup spielen und ihn sogar gewinnen konnte. Es wäre ja blöd, wenn man von einer solchen Legende nicht gewisse Dinge abschauen würde.

Worin kann Belinda noch besser werden?
Ihre Stärken kommen eher auf schnelleren Belägen als in Indian Wells zur Geltung. Aber sie hat schon vieles verbessert, Kleinigkeiten. Den Aufschlag, den Return, die ersten zwei Bälle nach dem Aufschlag, ihre Positionierung. Und sie ist auch mental stärker geworden, ruhiger. Das hilft enorm. Aber wir müssen trotz der Erfolge auf dem Boden bleiben.

Erstellt: 16.03.2019, 23:28 Uhr

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