«Stan wird immer besser, Timea ist beflügelt»

Dimitri Zavialoff brachte erst Wawrinka, dann Bacsinszky in die Top 10. Beide können das French Open gewinnen, sagt der Coach.

Roland Garros hilft Timea Bacsinszky das Niveau zu steigern, sagt ihr Coach Dimitri Zavialoff.

Roland Garros hilft Timea Bacsinszky das Niveau zu steigern, sagt ihr Coach Dimitri Zavialoff. Bild: Keystone

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Wenn einer weiss, warum Lausanne zwei so starke Tennisspieler wie Stan Wawrinka und Timea Bacsinszky hervorgebracht hat, sind Sie es. Was ist das Geheimnis der Stadt?
Das ist ein Zufall. Wenn Sie eine Erklärung haben, würde ich sie gerne hören. Vielleicht ist es die Lausanner Luft...

Bacsinszky ist in den vergangenen zwölf Monaten aus den Top 10 auf Rang 31 zurückgerutscht. Jetzt steht sie in Paris zum dritten Mal in Folge im Viertelfinal. Wo gehört sie hin?
Die Weltrangliste reflektiert die Resultate eines Jahres, und ihre Leistungen sind insgesamt etwas weniger gut. Sie hatte aber auch Probleme, etwa mit dem Handgelenk. Aber Paris war für sie immer speziell und bedeutet ihr sehr viel.

Spürten Sie, dass sie hier zu einer anderen Spielerin wird?
Roland Garros beflügelt sie und hilft ihr, das Niveau zu steigern. Schon 2014 qualifizierte sie sich, stand in Runde 2 und unterlag der Weltnummer 15, Suárez Navarro, denkbar knapp.

Ist Paris einfach ihr Turnier?
Ja. Das ist es.

Kann sie es gewinnen?
Ich denke, ja.

Dieses Jahr scheint die Gelegenheit günstig. Keine der Viertelfinalistinnen hat einen Grand-Slam-Titel.
Es ist möglich. Sie ist nicht weit davon entfernt. Auch wenn zwischen einem Halbfinal und einem Sieg Welten liegen.

2015 unterlag sie nach klarer Führung im Halbfinal Serena Williams, die sich sportlich fragwürdig verhielt. Blieb bei Ihnen deshalb ein bitteres Gefühl zurück?
Jede Partie hat ihre Entwicklung, und es gilt, Lösungen zu finden. Anfang 2015 war sie nur die Nummer 48, und dann stand sie am French Open im Halbfinal. Da ist es schwierig, enttäuscht zu sein.

Ihre Beziehung scheint stabil. Gibt es auch bei Ihnen Turbulenzen?
Menschliche Beziehungen sind nie stabil oder einfach. Wir arbeiten jetzt vier Jahre zusammen. Das war nicht linear, das bewegt sich. Aber sie steht im Zentrum. Sie ist der Chef des Orchesters und weiss, was sie braucht. Wir helfen nur.

Wie ist Ihre Beziehung zu Wawrinka heute, nachdem er sich 2010 nach vielen Jahren von Ihnen trennte?
Wir haben jetzt gezwungenermassen eine grosse Distanz. Er macht seine Arbeit, und wenn er zurückkommt, ist er in Genf oder wo auch immer. Das ist sein Privatleben. Manchmal begegne ich ihm an Turnieren, und meistens ist er beschäftigt, genau wie ich.

Hätten Sie ihm zugetraut, dass er einmal derart erfolgreich wird?
Nicht in dieser Form. Er wird in allen Aspekten immer besser. Er überlässt auch nichts dem Zufall. Wenn etwas nicht funktioniert, versucht er zu verstehen, warum das so ist, und arbeitet daran. Und er hat die Intelligenz, die richtigen Leute auszusuchen, die ihm helfen können, sich weiterzuentwickeln.

Sehen Sie Gemeinsamkeiten zwischen ihm und Bacsinszky?
Es sind zwei komplett verschiedene Persönlichkeiten.

Stimmt der Eindruck, dass sie talentierter ist, er aber härter arbeitet und das Optimum herausholt?
Ich würde es so sagen: Stan weiss, dass alles, was er erhält, die Folgen seiner Arbeit sind, seiner Energie, die er investiert. Und er hat je länger, desto mehr Vertrauen in sich bekommen und ist sich seiner Möglichkeiten bewusst geworden. Timea ist spontaner. Sie muss aus den Situationen etwas kreieren. Und je besser ihr das gelingt, desto besser kann sie sich ausdrücken.

Wie unterscheidet sich für Sie die Arbeit mit ihnen?
Wer diesen Job liebt, versucht die Person zu verstehen, mit der man arbeitet, um ihr zu helfen, öfter zu gewinnen. Das ist bei beiden gleich. Aber was man sagt, ist von Person zu Person unterschiedlich. Alle Menschen sind verschieden, auch alle Beziehungen sind verschieden. Man spricht zu verschiedenen Leuten auf verschiedene Art, das ist normal.

Sie sind einer der grossen Tennistrainer in der Schweiz, aber man kennt Sie kaum. Jemand schrieb, Sie seien ein Schattentrainer.
Darin sehe ich kein Problem. Ich finde das sogar gut für die Spieler. Tennis ist ein Einzelsport, das Team betreut den Athleten, er ist die wichtigste Person im Team, nur er. Die Rolle des Coaches ist es, einen distanzierten Blick hineinzubringen. Das ist ein grosser Unterschied zu den Teamsportarten. Dort übernimmt manchmal der Coach den Druck, damit die Spieler ihre Ruhe haben.

Im Tennis funktioniert das nicht?
Es ist nicht so, dass ich will, dass der ganze Druck auf Timea liegt. Wenn ich hinstehen und etwas sagen muss, dann tue ich das. Für mich ist aber wichtig, dass sich der Spieler stark fühlt.

Nicht einmal das Geburtsdatum von Ihnen ist bekannt. In der ATP-Datenbank wird bei Ihnen und Ihrem Bruder Grégory der gleiche Tag angegeben.
Da gibt es einen Fehler. Ich bin zwei Jahre älter, kam im Januar 1976 zur Welt.

Ihr Bruder arbeitete lange mit Ihnen und Wawrinka, er war sein Manager. Was macht er heute?
Er hat den Sport verlassen, arbeitet aber immer noch in Lausanne.

Wie kamen Sie einst zum Tennis?
Durch meine Eltern, die mochten diesen Sport. Ich spielte mit meinem Bruder schon, als ich klein war.

Durch Ihre Eltern waren Sie auch in den Kontakt mit der Familie Wawrinka gekommen.
Ja. Sie hatten in der Nähe von Colmar im Elsass ein Hotel mit Restaurant. Meine Eltern lebten dann etwa zehn Jahre in der Schweiz, nun sind sie wieder im Elsass und pensioniert.

Welche Beziehung haben Sie zur Schweiz?
Mein Beruf bringt es mit sich, dass ich viel reisen muss. Aber ich komme immer gerne nach Lausanne zurück. Immer. Vielleicht werde ich mich auch mal um den Schweizer Pass bemühen.

Bacsinszky und Wawrinka haben beide eine spezielle Beziehung zu Roland Garros. Sie auch?
Es bedeutet mir auch sehr viel. Im Elsass war es das einzige grosse Turnier, das am Fernsehen übertragen wurde. Ich schaute es immer.

Hatte Sie Wawrinka überrascht, als Sie ihn erstmals spielen sahen?
Nein. Ich werde auch nie über jemanden, der noch nicht einmal zehn Jahre alt ist, sagen, dass er etwas Spezielles sei. Es muss sehr vieles zusammenkommen, dass jemand aussergewöhnlich wird.

Aber er muss sehr schnell Fortschritte gemacht haben. Er begann erst spät, und mit 18 gewann er schon das Juniorenturnier in Paris.
Ja. Zu Beginn gehörte er nicht einmal zu den Besten seines Alters in der Schweiz. Aber seine Qualitäten führten dazu, dass er sich permanent weiter verbesserte. Er begriff sehr früh, was er zu tun hatte. Mit 16 hatte er die besten der Welt schon eingeholt. Er stand an den Junioren-EM unter 16 in Hatfield, England, im Halbfinal – zusammen mit Berdych, Tsonga und Baghdatis. Voilà.

Sie sind ein Autodidakt. Was ist Ihr Leitmotiv im Alltag?
Ein Trainer oder Coach darf nie vergessen, dass es der Spieler ist, der spielt. Das mag banal tönen, aber für mich sagt das alles aus, alles.

Ist es ein grosser Unterschied, ob man Coach im Männer- oder im Frauentennis ist?
Wenn man einen Unterschied finden will, findet man den auch. Wenn man das nicht tut, findet man heraus, dass es sehr viele Gemeinsamkeiten gibt. Ich bevorzuge diese Sichtweise: Wir sind Menschen, leben unser Leben auf dieser Erde und machen das Beste aus dem, was wir haben.

Erstellt: 05.06.2017, 21:17 Uhr

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