Zum Hauptinhalt springen

Vom Tennisrüpel zum Entertainer

Denis Shapovalov verletzte im Davis-Cup den Schiedsrichter, nun entzückt der 18-Jährige mit seinem Spiel.

Denis Shapovalov: Von der Qualifikation ins Scheinwerferlicht.
Denis Shapovalov: Von der Qualifikation ins Scheinwerferlicht.
Keystone

Sha – po – va – lov. Unterteilt man den Namen des Kanadiers in Silben, fällt es einfacher, ihn sich zu merken. Und ­merken sollte man ihn sich. Erst vor ein paar Monaten 18 geworden, fegte der Blondschopf am Mittwochabend vor über 23 000 Zuschauer im Scheinwerferlicht des Arthur Ashe Stadium in drei Sätzen ­Jo-Wilfried Tsonga vom Court, als sei es das Selbstverständlichste der Welt.

Der Franzose konnte einem richtig leidtun, er wirkte so ungelenk im ­Vergleich zu seinem 14 Jahre jüngeren Herausforderer. Dieser ist zwar schmächtig, kann aber bei seinen Schlägen mit einer Leichtigkeit Power generieren, die eine grosse Karriere verspricht. Seine einhändige Rückhand ist eine Augenweide, er ist sehr flink. Und es ist sicher kein Nachteil, dass er Linkshänder ist.

Night Session im Arthur Ashe Stadium, davon habe er als kleiner Bub ­geträumt, sagte er nach seiner grossen Show. Und bedankte sich für die Gelegenheit beim US-Tennisverband. Der hatte ihm, obschon er kürzlich an ­seinem Heimturnier in Montreal Rafael Nadal und Juan Martin Del Potro ­geschlagen und einen Sprung von Rang 143 auf 69 gemacht hatte, keine Wildcard fürs Haupttableau gegeben.

Die hätte Shapovalov benötigt, weil für die US-Open-Teilnahme ein früheres Ranking zählte. Also spielte sich Shapovalov durch die ­Qualifikation. Von den Aussenplätzen arbeitete er sich hoch bis in die Hauptarena – und zeigte da keine Spur von Nervosität. Im Gegenteil. Die Kulisse schien ihn zu inspirieren.

Mit Betrunkenen geplaudert

Ein bisschen eingeschüchtert sei er schon gewesen, gab er danach zu. «Das Stadion ist riesig, und ständig passiert ­etwas. Die Leute laufen herum, reden die ganze Zeit. Und ich bemerkte ein paar Jungs, die etwas zu viel getrunken hatten. Sie sprachen zu mir, als seien sie meine Kumpels.» Als er einmal eine Rückhand verschlagen habe und sie ­gemurrt hätten, habe er zu ihnen gesagt: «Macht euch keine Sorgen, ich richte das schon.» Was er dann auch tat.

Gut, die Hektik passt eigentlich zu Shapovalov. Denn der kann keinen ­Moment stillsitzen, wippt auch in den Pausen auf dem Stuhl immer mit den Beinen. Sein Temperament kam ihm auch schon in die Quere. Anfang Februar bei der Davis-Cup-Begegnung gegen Grossbritannien in Ottawa wurde er im entscheidenden Einzel gegen Kyle ­Edmund im dritten Satz disqualifiziert: Im Ärger hatte er einen Ball Richtung Publikum geschlagen und Schiedsrichter ­Arnaud Gabas am Kopf getroffen. Oder genauer: am linken Auge.

Der Franzose sprach sofort die Disqualifikation aus, Shapovalov entschuldigte sich umgehend und war untröstlich. Beide hatten Glück im Unglück: ­Gabas erlitt zwar einen Bruch der ­Augenhöhle und musste operiert werden, Netz- und Hornhaut blieben aber unversehrt. Seit März ist er wieder im Dienst. Und weil sich der Täter reuig zeigte, kam er mit einer Busse von 7000 Dollar davon.

Shapovalov wurde der Zwischenfall im Tenniszirkus wohl auch deshalb so schnell verziehen, weil er neben dem Court als äusserst liebenswürdig gilt. Und er blieb seitdem in Kontakt mit dem Schiedsrichter, um sich über dessen Heilungsprozess zu informieren. Die Story wird nun auch am US Open aufgenommen, da Shapovalov in Runde 3 ­erneut auf Edmund trifft.

Jener Moment sei für ihn eine wichtige Erfahrung gewesen, betont der Kanadier. Er habe gelernt, seine Emotionen besser zu ­kanalisieren. Und fügte an: «Ich habe mich schon oft entschuldigt, und ich werde es immer wieder tun. Ich werde mit jenem Vorfall leben müssen. Aber ich glaube, ich bin ein anderer Mensch und ein anderer Spieler geworden.»

Das Eishockey konkurrenzieren

Wie sein Landsmann Milos Raonic ist Shapovalov der Sohn von Einwanderern. Er wurde in Tel Aviv geboren, seine Eltern sind Russen und zogen noch vor seinem ersten Geburtstag nach ­Richmond Hill, Ontario, nördlich von Toronto. Weil seine Mutter Tennis­lehrerin ist, entschied er sich gegen den ­kanadischen Nationalsport. «Wir sind eine Hockey­nation, aber ich werde alles tun, um in Kanada die Popularität des Tennis zu steigern», sagte er kürzlich. «So, dass wir das Eishockey konkurrenzieren, unmittelbar darauf folgen.» Die ersten Schritte sind getan, die nächsten werden folgen.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch