Von der Tropeninsel auf den Parkplatz

Nach 30 Jahren auf Key Biscayne findet das Miami Open erstmals im Football-Stadion der Dolphins statt.

Bühne frei: Roger Federer, Serena Williams, Novak Djokovic und weitere Tennisprominenz eröffnen die neue Arena in Miami. Foto: Jason Szenes (Keystone)

Bühne frei: Roger Federer, Serena Williams, Novak Djokovic und weitere Tennisprominenz eröffnen die neue Arena in Miami. Foto: Jason Szenes (Keystone)

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Der Kontrast könnte nicht grösser sein. Bisher führte der Weg ans Miami Open über die Brücken des Rickenbacker Causeway, vorbei an kristallklarem Wasser, langen Stränden und mit der Skyline von Miami im Rücken auf die tropische Insel Key Biscayne. Nun führt der Weg etwa 30 Kilometer weiter nördlich, über die vielspurige Interstate 95 ins charmelose Miami Gardens, zum Hardrock Stadium.

Für den spektakulärsten Umzug eines Tennisturniers seit der Verschiebung des US Open von Forest Hills nach Flushing Meadows sind grundsätzlich zwei Männer verantwortlich. Der erste konnte seit Jahren verhindern, dass die Tennisanlage im Crandon Park auf Key Biscayne modernisiert und ausgebaut wird. Er heisst Bruce Matheson und verstrickte Turnierbesitzer IMG in juristische Geplänkel, die die Agentur nicht gewinnen konnte.

Der zweite wollte verhindern, dass das einst als «fünftes Grand-Slam-Turnier» apostrophierte Prunkstück der ATP-Tour ganz aus der Region Miami verschwindet, zum Beispiel nach Orlando oder, noch schlimmer, Asien. Er heisst Stephen M. Ross, ist durch Liegenschaftenhandel zum Milliardär geworden und seit 2008 Besitzer der Miami Dolphins, eines Football-Teams.

Ross hatte das Hardrock Stadium, in dem der NFL-Club spielt, schon für die Kleinigkeit von 550 Millionen Dollar renoviert. Dann entwickelte er die ­Vision, das Masters-Event auf die Anlage zu holen. Die Partnerschaft mit Turnierbesitzer IMG kam auch deshalb zustande, weil er kein Kleingeist ist und flugs weitere 72 Millionen Dollar investierte, um die Football- auch zur Tennisanlage zu erweitern.

Warhol und Picasso grüssen

Das Resultat überzeugt, um nicht zu sagen: begeistert. Im 64767 Zuschauer fassenden Stadion wurde mit Extratribünen ein Centre Court mit 14000 Plätzen erstellt, der gleichzeitig intim wirkt und von der grosszügigen Infrastruktur profitiert, die auf ein viermal grösseres Publikum ausgerichtet ist. «Wir bieten einen Luxus, wie es ihn im Tennis noch nie gab», sagt Turnierdirektor James Blake, ein ehemaliger Top-10-Spieler.

Speziell die Inhaber der 4738 Premium-Seats können sich ­verwöhnen lassen. Etwa in den Suiten des Dolphins-Clubs oder mit teilweise eigenen Zugängen von Parkplätzen, die durch Zelte mit Werken von Pablo Picasso oder Andy Warhol führen.

Das ist kein Zufall, denn Ross ist ein Mann der Details. «Kleinigkeiten machen es aus, und an denen werden wir gemessen», sagt er. Dabei dachte er logischerweise sogleich an die Spieler. Die acht Topgesetzten – also auch Roger Federer – haben eine eigene Lounge zur Verfügung, in der sie ihre Entourage verwöhnen können. Im Vergleich zur ­Anlage auf Key Biscayne wurde die Infrastruktur für die Spieler ­flächenmässig verdreifacht. Die Zahl der Trainingsplätze verdoppelte sich von 9 auf 18. Ein zweiter Hauptplatz («Grandstand») mit 5200 Plätzen sowie neun weitere Wettkampfplätze runden die Anlage ab.

Was allerdings fehlt, zeigte sich schon am ersten Tag des Hauptturniers: ein Dach. Am verregneten Dienstag konnte weder gespielt noch trainiert werden. Dass sich der Unmut der Zuschauer in Grenzen hielt, stellt der Anlage ein gutes Zeugnis aus. Auch ohne Tennis gibt es viele Gründe, sie zu besuchen.

Denn auch das Fussvolk unter den Zuschauern profitiert von der Liebe der Veranstalter zum Detail. Wer befürchtet, auf den früheren Parkplätzen eine frostige Atmosphäre anzutreffen, wird rasch eines Besseren belehrt. 50 Palmen, 25 Feigen-, 25 Bonsai- und 20 Olivenbäume schaffen mit Hunderten von anderen Pflanzen und Kunstrasen eine gemütliche Atmosphäre, die Zahl der Verpflegungsmöglichkeiten wurde gegenüber Key ­Biscayne verdoppelt. Kunstausstellungen, Livemusik und Modeschauen sollen Sportmuffel anziehen. Das Turnier kann auch auf der mit 324 Quadratmeter grössten Videoleinwand des ­Circuits verfolgt werden.

«Das neue US Open»

Das Rezept scheint aufzugehen. Auch dank der zentraleren Lage lief der Ticketvorverkauf etwa 20 Prozent besser als auf Key Biscayne, obwohl die Preise im Schnitt um 40 Prozent angehoben wurden. Die Marke von 30000 ­Zuschauern von letztem Jahr sollte klar übertroffen werden.

Auch wenn es keiner zugibt: Das Ziel des Miami Open kann nur sein, den Rückstand auf das Masters-Turnier von Indian Wells wettzumachen, den es erlitten hat, seit Software-Milliardär Larry Ellison in Kalifornien vor zehn Jahren einstieg. Ross, Dolphins-Präsident Tom Garfinkel und Mark Shapiro von IMG-Partner Endeavor wollen sich aber nicht mit Ellison anlegen. Shapiro sagte sogar: «Vergesst, dass wir das fünfte Grand-Slam-Turnier werden wollen. Wir sind das neue US Open.» Immer schön nach dem Motto: Angriff ist die beste Verteidigung.

Erstellt: 20.03.2019, 22:18 Uhr

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«Ich bin überzeugt, das wird funktionieren»

Das sagt Roger Federer zum neuen Stadion

Schon am Montag trainierte Roger Federer erstmals im Hardrock Stadium und zeigte sich gestern gegenüber Reportern von der Anlage beeindruckt. «Das ist ein spektakulärer Wechsel, ich empfinde ihn als positiv, lässig. Man muss dem Turnier Zeit geben, aber ich bin überzeugt, es wird funktionieren.»

Federer trainierte nach dem verregneten Dienstag auch gestern Morgen wieder, ehe er an der offiziellen Einweihung der Anlage teilnahm, zusammen mit Topfunktionären, Serena Williams und Novak Djokovic. Die Spielbedingungen seien ähnlich wie in Key Biscayne, was den Belag betreffe, sagte er. «Der grosse Unterschied ist, dass auf dem Centre Court die Sonne früh verschwindet und es viel weniger Wind hat und kühler ist als auf Key Biscayne. Das dürfte es einiges angenehmer machen.»

Wie viele trauert aber auch er ein wenig dem alten Turnier nach. «Es hatte seinen eigenen Reiz. Dass wir es verlieren, weil alles immer grösser und besser werden muss, ist zwar schade. Es ist aber auch verständlich in ­diesem Zeitalter und hängt mit dem Druck des Turniers von ­Indian Wells zusammen, das wächst und wächst.» Positiv sei, dass das ­Stadion in Miami zentral liege.

Überrascht zeigte sich Federer von der Konstruktion: Er habe erwartet, der Court werde in eine Ecke des riesigen Stadions gebaut. Tatsächlich wird aber nur eine fixe Tribüne für das Tennis benutzt, die drei anderen wurden auf den Rasen gebaut.

Federer startet nach einem Freilos voraussichtlich am Samstag gegen einen Qualifikanten oder den Australier Matthew ­Ebden. Er könnte frühestens im Halbfinal auf Zverev treffen, auf Djokovic oder Thiem erst im Endspiel. Sein Ziel sei es, weiter zu kommen als 2018, sagte er. Damals unterlag er sogleich dem Griechen Kokkinakis. (rst)

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