Vorwärts in die dritte Karriere

Im vergangenen Herbst stand die verletzungsgeplagte Timea Bacsinszky wieder einmal kurz vor dem Rücktritt. Sie blieb beharrlich und zeigt sich in Melbourne nun wieder von ihrer besten Seite.

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Sie war einst ein forsches Wunderkind. Schon mit zwölf verkündete sie, angetrieben von ihrem ehrgeizigen und fordernden Vater Igor: «Ich möchte erfolgreicher als Martina Hingis werden.» Vom Vater hat sie sich längst und mit vielen Nebengeräuschen getrennt, eine alte, unschöne Geschichte. Sie verlor jede Lust am Tennis, nach einer Verletzungspause (Knöchel) hatte sie die Karriere im Frühling 2013 gedanklich schon beendet.

Aber statt wie geplant eine Hotelfachschule zu absolvieren, begann ihre Laufbahn aus einer Laune des Schicksals heraus von vorne. Weit unten, in der Qualifikation des French Open. Sie führte sie zu neuen Höhen, zu vier WTA-Titeln, in die Halbfinals von Roland Garros 2015 und 2017 und bis auf Rang 9 der Welt. Doch Verletzungen blieben ihre Begleiter, und letztes Jahr wollte der im Juni 30 gewordenen Waadtländerin nach einer sechsmonatigen Zwangspause der Anschluss einfach nicht mehr gelingen. Sie gewann bis September keine einzige Partie, verlor neunmal in Folge, selbst an kleinen Turnieren immer sogleich.

«Ich war unausstehlich»

Die Lausannerin stürzte in der Weltrangliste bis auf Rang 761 ab. Die letzte Niederlage ihrer Negativserie war die schlimmste: ein 1:6, 2:6 an einem kleinen ITF-Turnier in Montreux, gegen die Walliserin Ylena In-Albon. «Da hätte ich wirklich fast aufgehört», sagt Bacsinszky am Dienstag in Melbourne.

«Ich bin kein Mensch mit allzu grossem Selbst­vertrauen. Aber ich muss zugeben: Jetzt bin ich stolz.»

An der Basis dieses Rückfalls stand eine schwere Handverletzung, die sie im Herbst 2017 in Mailand operieren liess. Als sie die Rückkehr forcierte, rebellierte der Körper erneut – erst das Handgelenk, dann die Wade.

«Ich war unausstehlich, auch für meinen baldigen Ehemann», gibt sie am Australian Open zu. «Ich bin ihm, meinem Team und meiner Familie enorm dankbar, wie mich in diesen schwierigen Zeiten alle auffingen. Ich war körperlich und psychisch in einem schlechten Zustand.» Melbourne, Paris und Wimbledon hatte sie 2018 auslassen müssen. Und doch sagt sie: «Ich hatte immer den Glauben, wieder hochkommen zu können. Aber ich stellte mir sehr viele Fragen. Dabei sollte man gerade in solchen Phasen nur vorwärts schauen.»

Die variantenreiche Kämpferin vom Genfersee hatte ihre gute Form schon in Sydney angedeutet.

Dank guter Resultate an kleineren Turnieren in Frankreich und einem Halbfinal im chinesischen Tianjin stand sie Ende 2018 dann schon wieder auf Rang 241. Dass sie nun – als Nummer 145 – in Melbourne im Hauptfeld starten konnte, hat sie einem geschützten früheren Ranking zu verdanken – eine Regel, die Spielerinnen nach Verletzungen die Rückkehr erleichtern soll und die sie nun zum letzten Mal in Anspruch nehmen durfte. Wie sie letztlich aus dem Tief fand? Die Kurzfassung: «Geduld, harte Arbeit und keine zu hohen Erwartungen mehr.»

Die variantenreiche Kämpferin vom Genfersee hatte ihre gute Form schon in Sydney angedeutet, mit einem Vorstoss in die Viertelfinals und einem Sieg über die Nummer 13 (Sewastowa). Vor den Augen ihres Probetrainers Stéphane Robert gelang ihr in Melbourne am Dienstag nun ein kaum erwarteter Coup: Gegen Daria Kassatkina, die Weltnummer 10 aus Russland, gewann sie nach einem 0:3-Rückstand zwölf Games in Folge und die Partie in nur 55 Minuten 6:3, 6:0. Dass die junge Russin extrem fehlerhaft spielte und Doppelfehler in Serie schlug, brauchte sie nicht zu kümmern, denn ihre eigene Leistung war makellos. «Ich merkte rasch, dass sie verkrampft war, spielte aggressiver als sonst und war extrem konzentriert.»

Dank ihrem ersten Sieg über eine Top-10-Spielerin seit fast zwei Jahren – in Madrid schlug sie damals Garbine Muguruza – hat sich Bacsinszky in der Weltrangliste bereits wieder unter die besten 130 vorgekämpft. Und die Chancen sind gross, dass ihr Weg in Melbourne noch weitergeht. Sie trifft nun auf die 21-jährige Natalia Wichljanzewa (WTA134), eine 1,85 m grosse Russin aus Wolgograd und Qualifikantin, die an Grand-Slam-Turnieren erst zwei Siege aufweist.

«Noch viele Jahre»

«Ich bin zwar kein Mensch mit allzu grossem Selbstvertrauen», sagt Bacsinszky in Melbourne. «Aber ich muss zugeben: Jetzt bin ich stolz, stolz auf diese Leistung und auf meine Rückkehr.» Das Australian Open 2019 gibt ihr Schwung, es ist die Initialzündung ihrer dritten Karrriere. «Mein Weg ist noch nicht vorbei, er dürfte noch viele Jahre weitergehen», sagt sie an diesem Traumtag, erleichtert, fast euphorisiert und etwas pathetisch. «Dank der Verletzungspausen verlängert sich meine Karriere vielleicht um Jahre.»

Timea Bacsinszky hat einmal bewiesen, dass es sich lohnt, beharrlich zu bleiben.

Erstellt: 15.01.2019, 22:28 Uhr

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