Warum Wawrinkas spektakulärer Schlag langsam verschwindet

Die einhändige Rückhand ist auf Profistufe vom Aussterben bedroht. Mitschuldig daran sind Coaches und Eltern begabter Nachwuchsspieler.

Einer der immer Wenigeren, die im Tenniszirkus für Abwechslung sorgen: Stan Wawrinka zieht die Rückhand elegant und einhändig durch.

Einer der immer Wenigeren, die im Tenniszirkus für Abwechslung sorgen: Stan Wawrinka zieht die Rückhand elegant und einhändig durch. Bild: Keystone

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Carla Suarez Navarro muss sich auf der WTA-Tour zuweilen wie das letzte Einhorn im gleichnamigen Film vorkommen. Die 30-Jährige ist als Nummer 29 mittlerweile die einzige Spielerin mit einhändiger Rückhand in den Top 50. Nur ergibt es für die Spanierin anders als für das Einhorn keinen Sinn, nach Artgenossinnen zu suchen; sie würde sie fast ausschliesslich bei den Seniorinnen finden.

Bei den Männern ist die Situation weniger krass – noch. Denn ein technikaffiner Tennisfan analysierte kürzlich per Computerprogramm die Weltranglisten aus mehreren Dekaden und kam zum Schluss, die einhändige Rückhand werde 2030 aus dem Profitennis verschwunden sein.

Mit dieser These konfrontiert, verweist der Österreicher Dominic Thiem auf die 20-jährigen Stefanos Tsitsipas und Denis Shapovalov und sagt schmunzelnd: «Ich bin nicht einverstanden, die einhändige Rückhand wird nicht aussterben.» Und auch Stan Wawrinka hält fest: «Ja, die Doppelhänder dominieren, aber es gab immer gute Spieler mit einhändiger Rückhand, und das wird so bleiben.»

Einer von 35 Kaderspielern

Die Tendenz ist freilich eindeutig. Diese Zeitung hat die Top 50 aus der Woche vor dem French Open 1999, 2009 und 2019 verglichen. Vor 20 Jahren figurierten unter den 50 Besten 21 Spieler mit einhändiger Rückhand, vor 10 Jahren 15, und dieses Jahr sind es noch 10. Der Trend, diese Prognose sei gewagt, wird sich fortsetzen. Thiem gibt zu, dass in seiner Heimat von den aufstrebenden Akteuren «einzig mein Bruder die Rückhand einhändig schlägt».

In der Schweiz ist die Entwicklung trotz der Vorbilder Roger Federer und Wawrinka genau gleich. Laut Michael Lammer, Nachwuchschef U-15 bei Swiss Tennis, findet sich in den Nachwuchskadern unter 35 Jugendlichen exakt ein Bub mit einhändiger Backhand. Diese ungleiche Vertretung der beiden Spielarten ist nicht etwa auf eine Verbandsdoktrin zurückzuführen. «Wir sind in Bezug auf die Technik sogar sehr offen und geben nur Leitplanken. Wir würden nie jemanden ermuntern, von einer einhändigen auf eine zweihändige Rückhand umzustellen», sagt Alessandro Greco, Leiter Spitzensport.

Usus bei den Frauen: Rückhand beidhändig – hier Caroline Wozniacki. Foto: Adam Pretty (Getty)

Eine schlüssige Erklärung für den Istzustand hat Greco nicht, aber er äussert eine These: «Heute beginnt man früher mit Tennis, und wer zu wenig Kraft hat, nimmt die zweite Hand zu Hilfe.» Für Belinda Bencic ist die Entwicklung logisch, «weil das Spiel immer schneller und physischer wird». Lammer beurteilt die Sache gleich. Das Tempo sei aufgrund des Materials eindeutig höher als früher. «Als Zehn-, Elfjähriger ist es schwierig, mit einhändiger Rückhand konkurrenzfähig zu sein.»

Nicht alle von Anfang an

Doch schon früher hielten Kinder das Racket anfänglich in beiden Händen, aber etliche wechselten später auf den klassischen Stil. Pete Sampras etwa trennte sich mit 14 von seiner doppelhändigen Rückhand, Thiem mit 12, Tsitsipas schon mit 8 Jahren.

Lammer nahm einst mit 14 die Umstellung vor, wobei er sich von seinen Vorbildern Sampras und Stefan Edberg inspirieren liess. Die Folge war eine sportliche Durststrecke, die mehr als ein halbes Jahr andauerte. «Am Anfang ist die einhändige Rückhand ein Nachteil. Es ist schwierig, Power zu generieren, daher muss man vorwiegend Slice spielen. Das bedeutet, dass man länger auf gute Ergebnisse warten muss», sagt Severin Lüthi, Davis-Cup-Captain und Coach Federers.

«Die einhändige Rückhand gibt dir taktisch mehr Möglichkeiten.»Yves Allegro

Doch wer ist schon bereit, auf den Erfolg zu warten? «Die Eltern und die Trainer sind weniger am Prozess, sondern vorwiegend an den kurzfristigen Resultaten interessiert», stellt Yves Allegro, Headcoach U-23 bei Swiss Tennis, fest. Freude hat der Walliser an dieser Einstellung nicht, denn letztlich ist entscheidend, welche Technik auf Profistufe mehr Erfolg verspricht. Bei den Frauen scheint die Antwort auf diese Frage klar zu sein, bei den Männern herrscht hingegen keine Einigkeit. «Die einhändige Rückhand gibt dir taktisch mehr Möglichkeiten», sagt Allegro.

Thiem denkt, gewisse Dinge seien einhändig schwieriger, «aber du hast auch viele Vorteile». Lüthi findet die einhändige Rückhand schöner, ästhetischer, er glaubt aber, die doppelhändige habe mehr Vorzüge. «Vom Timing her ist sie schlicht einfacher, daher ist es weniger schwierig, Konstanz zu erlangen.» Es sei auch leichter, Returns und hohe Bälle zu kontrollieren, zudem lasse sich das Tempo besser mitnehmen.

Vorteile beim Winkelspiel

Auf der anderen Seite verfügen Einhänder nicht nur über mehr Reichweite, sondern gewöhnlich auch über den effizienteren Slice sowie den besseren Volley. Lammer und Allegro erwähnen zusätzlich Vorteile beim Winkelspiel. «Du kannst den Gegner besser aus den Platz treiben», erklärt Lammer und fügt an: «Mit einer einhändigen Rückhand kannst du richtig durchschwingen und daher extrem viel Power entwickeln.» Wawrinka und Thiem sind die besten Beispiele; ihre der Seitenlinie entlang gezogenen Rückhandtopspins gehören zu den spektakulärsten Schlägen im Spitzentennis.

Stilisten mit einhändiger Rückhand sorgen für Abwechslung im zunehmend monotoner werdenden Profitennis und erhöhen die Attraktivität der Sportart, in dieser Hinsicht ist man sich einig. Trotz massiver Untervertretung in der Breite tauchen immer wieder aussergewöhnliche Spieler auf, die mit einhändiger Backhand Erfolg haben. Der Nächste in der Pipeline ist der Italiener Lorenzo Musetti, derzeit die Nummer 2 der Junioren.

Bei den Männern sind also auch nach Federers und Wawrinkas Rücktritt Grand-Slam-Champions mit einhändiger Rückhand denkbar, bei den Frauen hingegen dürften einhändige Spielerinnen schon bald nur noch in alten Aufnahmen zu sehen sein. Einhörner sind eben nur Fabelwesen.

Erstellt: 28.05.2019, 23:12 Uhr

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