Chancenlos? 5 Gründe, die für Federer sprechen

Angriff, Aufschlag, Variantenreichtum: So kann der Schweizer Novak Djokovic schlagen.

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Die Vorfreude in Melbourne ist gross: Mit der Partie zwischen Roger Federer und Novak Djokovic bekommen die Zuschauer schon am Donnerstag eine finalwürdige Partie zu sehen – das vielleicht beste, das das Tennis momentan zu bieten hat. Wie überall, wo er im goldenen Herbst der Karriere antritt, ist Federer auch in Melbourne der Liebling der Fans, darf er auch im 45. Duell mit Djokovic (es steht 22:22) mit ihrem Support rechnen.

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Djokovic vs. Federer: Wer gewinnt den Halbfinal?




Dies wird den Serben nicht beeindrucken. Doch es gibt mindestens fünf gute Gründe, die darauf schliessen lassen, dass Federer die Nummer 1 auch an einem Grand-Slam-Turnier wieder einmal schlägt. Das war zuletzt nämlich selten der Fall: Seit seinem grandiosen Erfolg im Halbfinal des French Open 2011 hat er gegen den Serben fünf von sechs Grand-Slam-Duellen verloren, darunter die Wimbledonfinals 2014/15 und den US-Open-Final 2015. Letztmals gewann er eine solche Partie gegen den inzwischen 10-fachen Majorsieger 2012 in Wimbledon - im Halbfinal.

1. Der Aussenseiter-Bonus

Eine weitere Niederlage für Federer wäre normal, von Djokovic wird nichts anderes als der Titel erwartet aufgrund seiner Formstärke und anhaltenden Siegesserien. Dabei könnte es Federer helfen, dass es sich um einen Halbfinal handelt und nicht um das Endspiel. Denn für jemanden, der seit dreieinhalb Jahren einem Grand-Slam-Titel nachrennt wie er und weiss, dass seine Karriere sich doch langsam dem Ende zuneigt, dürfte der Druck in einem Halbfinal kleiner sein als in einem Endspiel.

2. Federer ist der beste Angriffsspieler

Eine alte Tennisweisheit besagt, dass eine gute Offensive gegen eine gute Defensive gewinnt. Auch wenn Federer sich über seine Taktik vorerst noch nicht im Klaren war, kann davon ausgegangen werden, dass er alles tun wird, um den Serben mit seinem Offensivtennis aus seiner Komfortzone zu drängen. Wie das geht, hat er auch im letztjährigen US-Open-Final gezeigt, wo er aber an seiner mangelnden Chancenverwertung scheiterte.

3. Federer ist der bessere Aufschläger

Die Basis von Federers Spiel ist der Aufschlag, und mit ihm überzeugte er in Melbourne bisher. Das zeigt sich auch in der Statistik. Im Vergleich mit Djokovic schlug der Weltranglistendritte mehr Asse (60:43), er brachte mehr erste Bälle ins Feld (65 Prozent gegenüber 64 Prozent), was ungewohnt ist, und er wurde auch weniger oft gebreakt (5/8).

4. Federers Variantenreichtum

Federer ist der vielleicht unberechenbarste Spieler der Tour. Er pflegt seinen Gegnern in jedem Ballwechsel eine Aufgabe zu stellen – und regelmässig immer wieder eine andere. Djokovic ist ein eher mechanischer Spieler, der es gerne hat, vom Gegner einen Rhythmus zu bekommen. Und vielleicht bringt ja auch sein neuer Coach, Ivan Ljubicic, gewisse taktische Neuerungen mit, die Federer dank seiner Vielseitigkeit umsetzen kann.

5 . Frische und Formstand

Federer zeigte sich in Melbourne bisher in besserer Form als Djokovic, was diesen möglicherweise verunsichert. Gegen Gilles Simon unterliefen ihm 100 Fehler, und auf den Dreisatzsieg gegen den schwachen Kei Nishikori im Viertelfinal darf er sich nicht zu viel einbilden. Federer geht denn auch viel frischer in den Halbfinal. Er gab nur einen Satz ab (Djokovic zwei) und stand dreieinhalb Stunden weniger lang im Einsatz (9:09 gegenüber 12:35 Stunden). Er schlug zudem bislang mehr Winner (205:200) und weniger unerzwungene Fehler als sein nächster Gegner (147:205).

Heinz Günthardts Prognose

Zumindest TV-Experte Heinz Günthardt glaubt an Federer. «Jede Serie geht einmal zu Ende», sagt der Zürcher und lacht selber über diesen Gemeinplatz. «Wenn man so oft so nahe dran war, wird man auch einmal das Glück haben, das es braucht, um Djokovic zu schlagen», fährt er etwas ernster fort. Er glaubt nicht, dass es ein Nachteil für Federer ist, dass die Partie Nachts gespielt wird, wenn die Bedingungen etwas langsamer sind: «Komischerweise hat er abends bisher fast besser gespielt als unter Tags.»

Auch Günthardt findet, dass Djokovic bisher einen durchzogenen Eindruck hinterlassen hat. «Gegen Nishikori war er schwierig zu beurteilen. Die ersten zwanzig Minuten waren stark, die letzten auch. Aber dazwischen brachte Nishikori ja keinen Ball ins Feld. Genau wie in den ersten vier Games.»

Federer dagegen gefalle ihm hervorragend: «Er ist noch ein wenig besser geworden im Spiel nach vorne. Bisher kam er immer zum richtigen Zeitpunkt und auf die richtige Art ans Netz.» Schon am US Open hatte der 17-fache Grand-Slam-Sieger ausgezeichnet gespielt, und gemäss Günthardt ist er jetzt wieder ähnlich gut in Form. «Die Situation damals war ähnlich. Wie in New York spielte Roger vor ihrer Begegnung auch hier eher besser als Djokovic. Und am US Open hätte er eigentlich mit 2:1 Sätzen führen müssen.» Federer unterlag in Flushing Meadows in vier Sätzen, gewann aber dabei nur zwei Ballwechsel weniger - vor allem, weil er zu viele Breakbälle vergab. Wenn sich Federer nur da und dort etwas steigere im Vergleich zu New York, könnte das schon reichen, sagt Günthardt: «Denn dort fehlte ja wirklich sehr wenig.»

Erstellt: 28.01.2016, 07:47 Uhr

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