Warum Federer in den Final einzieht

Die vier Faktoren, die für den Schweizer sprechen. Und was Murray ihm entgegensetzen kann.

Jubelt Roger Federer auch heute wieder?

Jubelt Roger Federer auch heute wieder? Bild: Keystone

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Die Statistik zwischen den beiden sieht Federer im Vorteil. Obwohl er nur ein Duell mehr gewann (12:11 Siege), hat er bei Major-Turnieren (4:1) und auf britischem Boden (5:1) klar die Überhand. Murray scheiterte in Wimbledon bereits dreimal im Halbfinal – sein Gegner in neun Anläufen dagegen noch nie. Der Schweizer entschied ausserdem die letzten drei Partien für sich – das demütigende 6:0, 6:1 beim letzten ATP-Finale dürfte kaum ein britischer Tennisfan vergessen haben.

Federers Aufschlagspiel funktioniert in Wimbledon zur Perfektion. In fünf Partien hat er nur ein einziges Break kassiert, er gewinnt 85 Prozent der Punkte, wenn der erste Service im Feld ist. «Sein Aufschlag ist schwierig zu lesen, weil er sehr geschickt variiert, mal schneller, langsamer, mit Kick, mit Slice», sagt SRF-Experte Heinz Günthardt. «Die meisten Aufschläger haben ein Muster, beispielsweise, dass sie in wichtigen Momenten durch die Mitte servieren. Bei Federer ist nicht auszumachen, was das Muster ist. Wenn es überhaupt eines gibt.» Die frühere Weltnummer 1 Andy Roddick sieht noch eine andere Schwierigkeit: «Er wirft den Ball jedes Mal genau gleich in die Luft – es ist fast unmöglich, da etwas herauszulesen.»

Der Druck, der auf Murray lastet, könnte für ihn zum Nachteil werden. Obwohl er die 77-jährige Durststrecke, in der kein Einheimischer mehr das Rasenturnier im All England Club gewonnen hatte, vor zwei Jahren beendet hat, lasten die Hoffnungen der Tennisnation weiterhin auf den Schultern ihres einzigen Stars. Eine «Quelle von Stress und Qual» sei Wimbledon, sagte seine Mutter Judy kürzlich in einem Zeitungsinterview. «Auf Andy sind alle Augen gerichtet, er muss so viele Träume erfüllen, ich weiss gar nicht, wie er das aushält.»

Murrays rechte Schulter bereitet ihm seit der Drittrundenpartie gegen Andreas Seppi Probleme. Er musste auf dem Court behandelt werden und hat sie seither in beiden Spielen eingetapt. Murray scheint nicht so hart aufzuschlagen wie sonst – sein zweiter Aufschlag ist im Durchschnitt 20 km/h langsamer als Federers. Wenn sich der Halbfinal über fünf Sätze erstreckt, könnte der Zustand der Schulter also ein entscheidender Faktor sein. Assistenzcoach Jonas Björkman sagt dennoch, dass er sich um die Schulter keine Sorgen macht. «Schon gegen Pospisil kam Andy gut zurecht – und im Training hat er hervorragend serviert.»

Das spricht für Murray

Der Return des Briten ist der stärkste auf der Tour und spielt gegen Federers hervorragenden Service eine entscheidende Rolle. Günthardt hebt hervor, dass Murray auch bei seinen einhändigen Returns eine gute Kontrolle über den Ball habe. «Man sagt ja, mit einer zweihändigen Rückhand habe man mehr Kontrolle, mit der einhändigen mehr Reichweite. Bei Murray ist es eine Verbindung, weil er beides hat.»

Seine Mobilität hat Murray seit seiner Operation im September 2013 stetig verbessert. Er bewegt sich auf allen Unterlagen sehr gut – auf Gras aber mit Abstand am besten. Seine Explosivität und starken Beine helfen ihm, enorm viel Raum abzudecken. Auch deshalb sieht «Guardian»-Experte Simon Briggs den Schotten als Favoriten: «In den letzten drei Begegnungen mit Roger war er noch von der Operation geprägt – jetzt hat er sich komplett erholt. Andy ist jünger und bewegt sich besser als sein Gegner.»

Das Publikum dürfte Murray in diesem Jahr wieder hinter sich haben. Zuletzt hatte der Schweizer in London jeweils viel Unterstützung von den Rängen. Im Drittrundenspiel zwischen der einheimischen Heather Watson und Serena Williams zeigte sich aber, wie die Briten hinter ihren Spielern stehen. Das Publikum in London gegen sich zu haben, wäre für Federer ungewohnt.

In den ersten fünf Partien traf Murray auf viel mehr Widerstand als Federer. Er stand fast 3 Stunden länger auf dem Platz, kämpfte gegen Seppi mit seiner Verletzung. Auch gegen den Aufschlaghünen Ivo Karlovic musste er bange Momente überstehen und mit sich selbst kämpfen. Dass Federers Statistiken so souverän wirken, hängt nämlich auch damit zusammen, dass er kaum Gegenwehr erfahren hat. Und womöglich nicht gleich gut vorbereitet ist auf einen Abnützungskampf wie der mehrfach geforderte Schotte.

Erstellt: 10.07.2015, 14:38 Uhr

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