«Diese Lockerheit beizubehalten, ist nicht so einfach»

Federer-Coach Severin Lüthi blickt zurück auf seine Reise mit dem Rekordsieger – und sagt, wie sie weitergehen soll.

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Mit 37 ist Roger Federer zum 16. Mal am ATP-Finale dabei. Haben Sie sich auch schon einmal beim Gedanken ertappt, es könnte das letzte Mal sein?
Natürlich kann es mit 37 schnell fertig sein. Aber ich gehe nicht davon aus, dass dies das letzte Mal ist. Sondern, dass er das nächste Jahr sicher noch weiterspielt. Und dann sollte das ATP-Finale wieder ein Thema sein. Aber wir reden eigentlich nie über den Rücktritt.

Es ist also auch nicht so, dass Sie sich sagen: Jetzt muss ich es noch besonders geniessen?
Nein. So denke ich nicht. Ich will vor allem einen guten Job machen und etwas dazu beitragen, dass ­Roger gut spielt. Manchmal wäre es schön, könnte ich den Moment noch mehr auskosten. Aber darin bin ich nicht so gut wie andere.

Dachten Sie, als Sie 2007 zu Federer stiessen, dass die Reise mit ihm so lange gehen würde?
Nein, sicher nicht! Nie! Wenn man mir gesagt hätte, dass ich elf, ja bald zwölf Jahre später immer noch dabei sei und Roger immer noch so gut spiele, hätte ich das nicht geglaubt. Obschon man bei ihm immer das Gefühl hatte, dass er unmögliche Dinge schaffen kann.

Gibt es im Rückblick einen emotionalen Höhepunkt für Sie?
Klar sind die Grand Slams ganz weit vorne. Und der Davis-Cup-Sieg war für mich wunderschön. Aber es geht immer weiter, man hat kaum Zeit, zurückzublicken.

Und der Sieg am Australian Open 2017?
Natürlich war der sehr speziell, weil er so unerwartet kam. Als Roger den Final gewonnen hatte, konnte ich es kaum fassen. Wir machten Party, und am nächsten Tag sass ich schon im Flieger, weil der ­Davis-Cup in den USA anstand.

Das beste Spiel, das Sie erlebt haben?
Was finden Sie?

Der Final 2017 in Melbourne gegen Rafael Nadal war schon nicht so schlecht.
Ja, der war gut. Ein Spiel, das mir auch in den Sinn kommt: Als Djokovic seinen unglaublichen Lauf hatte (2011) und ihn Roger in Paris im Halbfinal schlug. Aber es ist schwierig, Matchs miteinander zu vergleichen, weil auch vieles vom Gegner abhängt. Viele fragen mich auch: Ist Roger heute besser als früher? Ich kann das nicht schlüssig beantworten. Nadal etwa spielt heute näher an der Grundlinie. Vielleicht sehen die Matchs deshalb heute spektakulärer aus.

Ja, der war gut: Der Final in Melbourne 2017.

Sie sind nicht nur der Coach Federers, sondern auch sein Freund. Wie reagiert er, wenn Sie ihn kritisieren? Eine der Stärken von Roger, ja von Topspielern allgemein ist: Sie wollen, dass man sie kritisiert. Weil sie immer besser werden wollen. Roger ist so. Stan (Wawrinka) auch. Man müsste meinen, dass die Topstars nur noch Ja-Sager um sich herum haben, weil sie so gut sind, es nur noch um Details geht. Aber so ist es eben nicht. Sie sind so gut, weil sie immer noch besser werden wollen und auch unangenehme Dinge annehmen. Und die Freundschaft zu Roger ist da kein Hindernis. Im Gegenteil.

Wie hat sich Ihre Beziehung entwickelt mit den Jahren?
Es ist schon mehr los um Roger als früher. Wir verbringen weniger Zeit miteinander als damals, als wir phasenweise nur zu dritt unterwegs waren: Mirka, er und ich. Jetzt sind noch vier Kinder dabei, Nannys. Und Mirka und er treffen auch gerne noch andere Familien mit Kindern. Früher gingen wir öfter zusammen abendessen. Aber für mich stimmt es, wie es ist.

Severin Lüthi, seit 2007 an Roger Federers Seite. Bild: Keystone

Wenn Sie seine Saison 2018 in einem Wort taxieren müssten, was wäre es?
Ein Wort? Super. Er gewann vier Turniere, ein Grand Slam, wurde nochmals die Nummer 1.

Aber teilen Sie den Eindruck nicht, dass Federer die Lockerheit von 2017 in diesem Jahr etwas verloren hat?
Als er 2017 nach Melbourne kam, hörte ich ihn erstmals sagen: Jetzt habe ich nichts zu verlieren. Ich kann völlig befreit aufspielen. Das gefiel mir. Ohne diese Einstellung hätte er das Turnier nicht gewonnen. Aber das beizubehalten, ist nicht so einfach. Weil er gleich so erfolgreich war, war er plötzlich wieder überall der Favorit. Wie fast immer in seiner Karriere.

War da jüngst Paris-Bercy, wo er spontan antrat, eine gute Abwechslung?
Absolut. Er hatte Basel gewonnen, für London spielte es keine Rolle, wie er in Paris abschneiden würde. Er hatte nichts zu verlieren. Aber manchmal frage ich mich: Was hat er überhaupt noch zu verlieren? Selbst wenn er keinen Match mehr gewinnt, hat er trotzdem eine unglaubliche Karriere gehabt. Was er alles erreicht hat, kann ihm niemand mehr wegnehmen.

Video: Federers Zauberschlag

Federer verbucht gegen Djokovic den kuriosesten Punkt der Partie. (Quelle: SRF)

Am Freitag sagte Federer, weil er so wenig spiele, fühle er sich noch mehr unter Druck. Da spiele er primär, um nicht zu verlieren, und nicht, um zu gewinnen.
Das kann ich nachvollziehen. Es ist ein schmaler Grat zwischen dem Perfektionismus und der Lockerheit, die es eben auch braucht. Wenn du alles immer perfekt machen willst, kann das kontraproduktiv sein. Wenn du dir sagst: Beim Return muss ich einmal mit Slice spielen, einmal mit Topspin, einmal Chip and Charge, einmal umlaufen, dann wird es irgendwann zu viel. Ein wichtiger Faktor ist für mich das Selbstvertrauen. Wenn du Selbstvertrauen hast, machst du instinktiv das Richtige.

Sollte er 2019 wieder öfter spielen?
Das werden wir Ende Saison genau analysieren. 2017 klappte es mit der langen Pause vor der Rasensaison. Eine Option ist sicher, dass er wieder auf Sand spielt, damit diese Pause nicht mehr so lang wird. Wenn man ein bisschen älter ist, sollte man den Motor nicht komplett ausschalten. Wir sind ständig daran, Anpassungen zu machen. Was vor fünf Jahren richtig war, ist heute nicht mehr richtig. Und was heute stimmt, stimmt vielleicht in drei Monaten nicht mehr. Beispielsweise haben wir das Training angepasst. Roger trainiert heute nicht mehr fünf Tage am Stück, sondern vielleicht drei, und dann hat er einen Tag Pause. Ja, die Frage, wie oft er spielt, ist sicher zentral.

Vor Basel sprach Federer erstmals darüber, dass er im Sommer Probleme mit der Schlaghand gehabt habe. Wie sehr hat ihn das beeinträchtigt? Und wie passierte es?
Es passierte in Stuttgart bei einem Schlag im Training. Wie gravierend es war, ist schwer abzuschätzen. Er ist keiner, der so etwas als Ausrede braucht. Deshalb sagte er es öffentlich erst im Nachhinein. Sicher halfen diese Probleme nicht. Es war zeitweise schwierig mit der Vorhand. Aber er ist einer, der sich gut einreden kann, es sei nicht so schlimm. Zum Glück ist es vorbei.

Stimmt der Eindruck, dass der beste Djokovic für Federer als Gegner momentan schwieriger ist als der beste Nadal?
Wann spielte er letztmals gegen Nadal?

In Shanghai 2017.
Eben. Es ändert sich immer wieder. Am Anfang dachte ich, Djokovic könne Nadal nicht schlagen. Dann drehte es, da dachte ich, umgekehrt sei es nicht mehr möglich. Klar, Djokovic ist wieder die Nummer 1, er hat seit dem Sommer ausgezeichnet gespielt. Moment ist er für jeden schwer zu schlagen. Er ist sehr solid, komplett, in der ­Defensive sehr stark. Aber er hat nichts Aussergewöhnliches, das ihn für Roger unschlagbar macht. Wenn Roger sehr gut spielt, kann er ihn bezwingen.

Was erwarten Sie in London von Federer?
Es liegt etwas drin für ihn. Nach ein, zwei Spielen wissen wir, wo er steht. Der Start ist wichtig, dass er gegen Nishikori gewinnt. Wenn alles zusammenkommt bei Roger, kann er jeden schlagen.

Und nach dem ATP-Finale setzen Sie Ihre Flugmeilen ein, um in die Ferien zu fliegen?
(lacht) Genau. Am Mittwoch nach dem ATP-Finale. Gebucht habe ich aber noch nicht. Dass wir als Coachs zu zweit sind, Ivan Ljubicic und ich, erlaubt es mir, ab und zu ein Turnier auszulassen. Aber es gab schon intensive Phasen. Der Amerika-Trip war lang, mit Cincinnati, dem US Open und danach dem ­Davis-Cup. Nach den Ferien steht das Training in Dubai an, dann komme ich nochmals für 14 Tage zurück in die Schweiz, bevor es nach Australien geht. So kann ich Weihnachten in der Schweiz feiern.

Erstellt: 11.11.2018, 13:12 Uhr

Severin Lüthi - Erfolgscoach mit 30'000 Anhängern

Severin Lüthi (42) stiess im Sommer 2007 zu Roger Federer, als sich dieser von Tony Roche getrennt hatte. Anfangs noch vor allem Organisator, wurde er als Coach immer wichtiger für den Ausnahmespieler – aktuell coacht er ihn mit Ivan Ljubicic.
Lüthi begleitete Federer bei 10 seiner 20 Grand-Slam-Titel und führte ihn als Captain zum Davis-Cup-­Triumph 2014 mit Stan Wawrinka. Auch er war geschickt im Umgang mit dem Racket, wurde mit 17 Schweizer Meister bei den Aktiven, entschied sich aber mit 20 ­gegen eine Tennis­karriere und begann eine kaufmännische Ausbildung. Lange eher im Hintergrund, hat Lüthi zuletzt auch in der ­Öffentlichkeit mehr Profil gewonnen. Er ist Markenbotschafter für einen veganen Pflanzendrink, hat seinen ­eigenen Ausrüster und ist seit diesem Jahr auch auf ­Instagram aktiv. Da hat er knapp 30'000 Follower. Lüthi ist seit ­letztem Sommer verheiratet und lebt in Thun. (sg.)

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