Wawrinka – ein Champion im Niemandsland

Der Saison von Stan Wawrinka fehlt die Krönung. Durch neue Fussprobleme ist seine Karriere ins Stocken geraten.

Steppenwolf: Kann sich Stan Wawrinka noch einmal zu grossen Triumphen emporschwingen? Foto: Francisco Seco (AP Photo)

Steppenwolf: Kann sich Stan Wawrinka noch einmal zu grossen Triumphen emporschwingen? Foto: Francisco Seco (AP Photo)

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Er gehört nicht zu den Big 3 und auch nicht zu den Big 4 – Federer, Nadal, Djokovic und Murray. Als in Genf der Laver-Cup gefeiert wurde, schaute er aus der Ferne zu. Wenn sich Anfang Januar 2020 die Weltelite zum neuen ATP-Cup in Perth, Brisbane und Sydney versammelt, fehlt er als einer der wenigen, weil er ein Turnier in Doha spielt. Seit Genf 2017 oder zweieinhalb Jahren wartet er auf einen Turniersieg. Er ist kein Top-10-Spieler mehr, kein ATP-Finalteilnehmer, er gehört nicht zu den aufstrebenden Jungen, und obwohl er möchte, wird er in Tokio 2020 möglicherweise nicht starten dürfen.

Olympische Erinnerungen: Gemeinsam mit Roger Federer gewann Wawrinka 2008 in Peking olympisches Gold. (Bild: Allessandro della Bella)

Mit 34 Jahren ist Stan Wawrinka auf der Profitour zu einem Steppenwolf geworden, der seine eigenen Kreise zieht und keiner Kategorie zugeordnet werden kann. Die Attribute, die ihn definieren, stammen alle aus einer sich entfernenden Vergangenheit: dreifacher Grand-Slam-Champion, Olympiagoldmedaillist im Doppel, Davis-Cup- und 16-facher Turniersieger. Dabei ist fraglich, ob er sich noch einmal zu grossen Triumphen emporschwingen kann oder schon ein Mann der Geschichte ist.

«Ein gutes Jahr»

Als Wawrinka am Dienstag in der St. Jakobs-Halle von einem Journalisten gefragt wird, was ihm denn noch fehle zur Klasse, die ihn vor seiner schweren Knieoperation im August 2017 ausgezeichnet hatte, sagt er: «Man kann das nicht vergleichen. Die Jahre vergehen, neue Spieler kommen, andere werden besser. Konkret denke ich: Mein Niveau ist teilweise so hoch wie vor der Verletzung. Ich gehöre zu den Top 15 im Race. Das war ein gutes Jahr.» Nicht jeder könne zurückkommen und gleich wieder grosse Turniere gewinnen, «wie Roger, Rafa oder Novak».

«Die Jahre vergehen, neue Spieler kommen, andere werden besser.»Stan Wawrinka

Dabei sagt er auch, und die Resultate geben ihm Recht: «Wenn ich auf den Platz gehe, weiss ich, dass ich gegen jeden gewinnen kann.» Ein schlechtes Jahr war es keinesfalls für Wawrinka. Im Juni 2018 in der Weltrangliste noch die Nummer 263, verbesserte er sich weiter, stiess 2019 vom 66. auf den 17. Rang vor. Er schlug vier Top-10-Spieler, darunter Stefanos Tsitsipas am French Open und Novak Djokovic, der am US Open aufgab, als der Romand 6:4, 7:5, 2:1 führte.

Andererseits unterlag er auch sechsmal Spielern, die nicht zu den Top 50 gehörten. Und, eben: Es fehlte die Krönung. Seine beiden Endspiele verlor er, in Rotterdam gegen Gaël Monfils, am vergangenen Sonntag in Antwerpen gegen Andy Murray.

Der Schlusspunkt einer bitteren Finalniederlage des Romand: Andy Murray gewinnt den Final von Antwerpen gegen Wawrinka. (Video: ATP TV)

«Klar, ich hatte den Match in der Hand», sagt Wawrinka zur Partie gegen den Schotten, in der er im 3. Satz mit Breakvorsprung führte. «Mein Niveau war gut, und nur zwei, drei Punkte fehlten, um den Match zu entscheiden. Dennoch war es eine sehr gute Woche, nachdem ich bis drei Tage zuvor nicht gewusst hatte, ob ich überhaupt in Antwerpen würde spielen können.» Er sei nach dem Final nicht sehr enttäuscht gewesen.

Schmerzgrenze erreicht

Schon am US Open hatten ihn Fussprobleme beschäftigt, Entzündungen an beiden Sohlen. «Überhaupt keine schlimme Verletzung. Aber sie braucht viel mehr Zeit, um auszuheilen, als erwartet.» Erst hatte er St. Petersburg abgesagt, dann auch Tokio und Shanghai. «Es gehört zwar zu meiner Karriere, mit Schmerzen zu spielen. Aber nach New York wurden sie zu stark, und es gibt Perioden, in denen man sie weniger gut akzeptiert.»

«Es gehört zwar zu meiner Karriere, mit Schmerzen zu spielen. Aber nach New York wurden sie zu stark.»Stan Wawrinka

Obwohl die Probleme nicht verschwunden sind, beschloss er, in Antwerpen, Basel und Paris-Bercy zu spielen, um zwischen dem US Open und der neuen Saison nicht völlig aus dem Turnierrhythmus zu geraten. «Das war eine richtige Entscheidung. In Antwerpen spielte ich gut und bewegte mich gut. Das ist motivierend.» In Basel startet er am Dienstag gegen Pablo Cuevas (ab 17 Uhr im Ticker).

Weiter ohne Norman?

Rekonvaleszent ist zurzeit auch sein Coach Magnus Norman, der sich ein Knie operieren lassen musste und gemäss Wawrinka bis Jahresende ausfällt. In Antwerpen wurde der Waadtländer von dem im Sommer beigezogenen früheren Murray-Coach Dani Valverdu betreut, in Basel nur von seinem Physiotherapeuten. Mit welchem Team er 2020 fortfahre, sei offen, sagt Wawrinka, «man kann sich noch bewerben». Es wäre keine Überraschung, sollte er ohne den Schweden weitermachen.

Dass er am ATP-Cup fehlen wird – weshalb Henri Laaksonen in Sydney neben Federer die Schweiz vertritt –, sei die Folge eines Vertrages, den er mit dem Turnier in Doha letztes Jahr eingegangen sei, erklärt Wawrinka. Lust habe er aber, die Olympischen Spiele in Tokio zu bestreiten, die er wie Federer 2016 in Rio kurzfristig abgesagt hatte.

Sein erster Auftritt im Schweizer Davis-Cup-Team – 2004 gegen Rumänien: Der Youngster hört sich Ratschläge von Marc Rosset an. (Bild: Keystone)

Gemäss Reglement braucht der Schweizer Fahnenträger von London 2012 aber wie Federer eine Empfehlung von Swiss Tennis und eine Spezialbewilligung des Internationalen Verbands, um im 64er-Feld von Tokio antreten zu dürfen. Beide haben seit 2016 nie mehr Davis-Cup gespielt, was im Prinzip zwingend wäre, sofern sich ein Spieler nicht auf vergangene Verdienste um Olympia und den Davis-Cup berufen kann – wie die Goldgewinner von Peking 2008. Eine Garantie dafür gibt es aber nicht.

Erstellt: 23.10.2019, 14:00 Uhr

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