Wenn Frauen mehr verdienen als ­Federer und Nadal

Die Gleichberechtigung ist im Tennis weiter als in vielen anderen Sportarten. In China kämpfen die Frauen erstmals um klar mehr Preisgeld als die Männer.

Nummer 1 der Welt und Kandidatin für die Rekordbörse am WTA-Masters: Ashleigh Barty in Wuhan. Foto: Getty Images

Nummer 1 der Welt und Kandidatin für die Rekordbörse am WTA-Masters: Ashleigh Barty in Wuhan. Foto: Getty Images

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4,45 Millionen Dollar hat Dominic Thiem in diesem Jahr bisher bei Turnieren eingespielt, er ist die Nummer 5 der ATP-Preisgeld-Rangliste. Das ist weniger, als die Siegerin des WTA-Masters in nur einem Turnier einnehmen kann. 4,725 Millionen wird jene Spielerin erhalten, die sich am 3. November in Shenzhen nach fünf Partien ungeschlagen zur Siegerin des Saisonfinales kürt. Sollte sie auf dem Weg zum Titel in der Vorrunde eine Partie verloren haben, wäre dies auch noch kein Grund zu darben: Der Brutto-­Siegercheck beliefe sich dann auf 4,42 Millionen.

3,8 Millionen gab es am US Open für Rafael Nadal und Bianca Andreescu, die Sieger beim letzten Major-Turnier des Jahres. Nun pulverisiert die Frauentour diese Marke, mehr Geld hat im professionellen Tennis noch nie eine Siegerin oder ein Sieger eingestrichen. Das Gesamt-Preisgeld wurde gegenüber den letztjährigen WTA-Finals in Singapur auf 14 Millionen verdoppelt. Fabrice Chouquet, Co-Turnier­direktor von Shenzhen, wo das Turnier die nächsten zehn Jahre ausgetragen wird, sagt: «Diesmal ziehen die Frauen nicht nur nach, sondern übernehmen die Führung.»

China ist das einzige Land, in dem es alle WTA-Stufen gibt

Chouquet sitzt auf einer Couch neben dem Interviewraum in Wuhan. Der Franzose mit Wohnsitz Hongkong kennt die asiatische Szene bestens, bis zu seinem Engagement in Shenzhen war er jahrelang Co-Turnierdirektor beim Premier-5-Event von Wuhan. Seit 2014, als Petra Kvitova und Martina Hingis/Flavia Pennetta bei der Premiere triumphierten, hat sich enorm viel verändert.

Ein neuer Centre Court wurde gebaut, mit 15000 Plätzen und würdig für einen Grand-Slam-Final. Zudem wird die Anlage permanent modernisiert, auf dieses Jahr hin wurden vier neue Trainingsplätze erstellt. Auch in die Umgebung wurde investiert: Wo vor zwei Jahren noch Brachland war, steht nun ein Outlet westlicher Prägung, eine neue Tramverbindung erleichtert den Zugang in die Peripherie der 11-Millionen-Stadt. «Es wurde jedes Jahr weiter investiert, das ist vorbildlich», sagt Chouquet.

«An der Spitze besteht totale Gleichberechtigung. Weiter unten gibt es aber noch eine Diskrepanz»Steve Simon, CEO WTA-Tour

Das Turnier im Optics Valley International Tennis Center von Wuhan steht stellvertretend für den Aufschwung des Tennis im Land. 2012 gab es zwei WTA-Turniere, heute sind es ein Dutzend. Und China ist das einzige Land, in dem lückenlos alle WTA-Stufen vertreten sind. Steve Simon, CEO der WTA-Tour, sagt zufrieden: «Wir haben uns in China etabliert.»

Im Vergleich zu vielen anderen Sportarten, in denen die Verdienstmöglichkeiten der Geschlechter immer noch monumental auseinanderliegen, sind die besten Tennisspielerinnen seit langem gut gestellt. Heute seien sie aber noch viel weiter, erklärt Simon: «An der Spitze besteht totale Gleichberechtigung. Weiter unten gibt es aber noch eine Diskrepanz, und da müssen wir unbedingt einen besseren Job machen.» Auf unterer Stufe gehe es vor allem darum, Organisatoren zu finden, die bereit seien, in das Produkt Frauentennis zu investieren, aber auch Sponsoren und TV-Stationen. «Dann können auch auf dieser Ebene die Preisgelder ansteigen.»

4000 junge Fans beim ­Training von Li Na

Die Entwicklung in China wurde nur möglich durch den Support der Regierung, ohne den im Riesenreich gar nichts geht. Beschleunigend wirkten einheimische Vorbilder wie die Olympiasiegerinnen im Doppel 2004 und natürlich Li Na. Der Megastar, aufgewachsen in Wuhan, wurde letzte Woche für ihre Aufnahme in die Hall of Fame geehrt, und als sie eine Trainingsstunde mit Kids abhielt, sassen 4000 junge Fans auf den Rängen und hätten auch gern mitgespielt.

«Sobald es auch bei den Männern chinesische Champions gibt, wird das die Tennis-Landschaft massiv verändern.» Alison Lee, Vizepräsidentin ATP-Tour

Auch bei den Männern gibt es mittlerweile eine Vielzahl Turniere im Reich der Mitte: 4 ATP-Events und 14 Challenger, dazu kommen zahlreiche Future-Turniere. Was immer noch fehlt, sind starke Chinesen: Der bestklassierte Spieler, Bai Yan, belegt Platz 222 und steht damit auf dem gleichen Rang wie Ma Shuyue, Chinas Nummer 12 bei den Frauen. Alison Lee, Vizepräsidentin der ATP-Tour, glaubt an einen baldigen Wandel: «Sobald es auch bei den Männern chinesische Champions gibt, wird das die Tennis-Landschaft massiv verändern.»

Dass der Appetit auf Männertennis in China riesig ist, kann jeder bestätigen, der einmal ein Training von Roger Federer oder Rafael Nadal in Shanghai verfolgt hat. Und auch letzte Woche füllten mehr als zehntausend Fans den Centre Court in Wuhan, als Thiem und Fabio Fognini den Finaltag der Frauen mit einer Exhibition eröffneten.

Tennis soll schneller ­wachsen als alles andere

Generell boomt das Tennis in China auf allen Stufen. Das hat auch die Hall of Fame erkannt. Vor wenigen Tagen zeichnete sie an der ITF-Generalversammlung in Lissabon den chinesischen Verband mit einem Entwicklungs-Award aus. Vizepräsident Liu Wenbin versprach weitere Schritte: «Dieser Award ist eine Anerkennung für die Efforts, die wir gemacht haben, um unsere Mission zu erfüllen, dass Tennis der am schnellsten wachsende Sport in China wird.»

Die Preisgeld-Bestmarke dürfte indes nicht lange halten. Steve Simon gibt sich keinen Illusionen hin: «Im nächsten Jahr wird die ATP nachziehen.» Er kann dies aber gelassen nehmen, die Zahlen von Shenzhen werden in den nächsten Wochen weltweit Aufmerksamkeit erregen. «Damit haben wir ein klares Statement ausgesandt, das weit über das Tennis hinausgeht», sagt Simon. Und lächelt.

Erstellt: 02.10.2019, 11:50 Uhr

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