Wenn Tennisprofis der Tod gewünscht wird

Es gehört mittlerweile zum Alltag, dass vor allem Tennisspielerinnen im Internet attackiert werden – oft weit unter der Gürtellinie.

Belinda Bencic ärgert sich über das frühe Aus beim WTA-Turnier in Lugano im April: Zum sportlichen Frust kommen nach Niederlagen oft auch abschätzige oder beleidigende Reaktionen auf den Social-Media-Kanälen dazu. Foto: Alessandro Crinari/Keystone

Belinda Bencic ärgert sich über das frühe Aus beim WTA-Turnier in Lugano im April: Zum sportlichen Frust kommen nach Niederlagen oft auch abschätzige oder beleidigende Reaktionen auf den Social-Media-Kanälen dazu. Foto: Alessandro Crinari/Keystone

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50 Grand-Slam-Turniere absolviert zu haben, ist ein Grund zum Feiern. Das sollte man zumindest meinen. Doch die Französin Alizé Cornet wollte nach ihrem Ausscheiden am French Open in Paris nicht darüber reden. Weil sie nie den Viertelfinal erreicht habe, sei das Jubiläum «eine Quelle des Hasses». Sie gebe stets ihr Bestes, sagte die Französin, «doch ich habe in den sozialen Netzwerken so viele Kritiker, und die Menschen sind richtig gemein».

Tennisprofis müssen sich heute nicht nur kraftvollen Topspins und gefühlvollen Stoppbällen, sondern auch den Angriffen aus dem Internet erwehren. Denn Cornet ist kein Einzelfall. Belinda Bencic spricht von Tausenden von Nachrichten, die sie kriege. «Sie kommen nach jedem Spiel rein, egal, ob ich gewonnen oder verloren habe.» Manchmal würden sogar Leute aus ihrem Team beschimpft.

Nachdem die Ostschweizerin im April in Lugano überraschend an der Qualifikantin Antonia Lottner gescheitert war, fiel der Shitstorm besonders heftig aus. Bencic entschied sich, einige der harmloseren Nachrichten öffentlich zu machen. Da war sie zum Beispiel von einem Sportwetter aufgefordert worden, ihm das verlorene Geld zurückzuzahlen. «Ich brauche das Geld», hiess es da. «Ich brauche das Geld auch, können Sie mich auszahlen?», schrieb die 22-Jährige augenzwinkernd zurück.

Sie habe nicht Mitleid erwecken wollen, zumal sie auch aufmunternde Nachrichten bekommen habe, erklärt Bencic. Christian Scherg, ein bekannter Sportreputationsmanager aus Düsseldorf, kann Bencics Vorgehen etwas Positives abgewinnen. «Jedes Verhalten, welches das Signal aussendet, man sei nicht eingeschüchtert, ist gut, weil es den Aggressoren das für sie befriedigende Gefühl, dem Sportler Schmerz und Angst zugefügt zu haben, verwehrt.» Bencic bezeichnet es als «krass, was alles geschrieben wird. Ich weiss auch nicht, was man dagegen tun kann, aber die Leute aus den Verbänden müssen wissen, was da vorgeht.»

Zum Glück sind nicht alle Drohungen ernst zu nehmen

Krass ist noch milde ausgedrückt. 2016 sagte Heather Watson der «New York Times», «es gab Leute, die drohten, mich und meine Familie umzubringen, andere wünschten mir, dass ich an Krebs erkranke und einen langsamen, schmerzvollen Tod erleide». Und die Britin ist kein Einzelfall. Scherg, der im Umgang mit sozialen Medien zahlreiche Bundesliga-Fussballer unterstützt, erklärt, wie es zu solchen verbalen Gewaltexzessen kommt: «Es ist ein Kampf um Aufmerksamkeit. Wer am härtesten kommentiert, wird gehört und hat gewonnen. Je härter und verletzender ein Kommentar ist, desto mehr Beachtung kriegt er.»

Es gibt laut Scherg auch eine positive Nachricht: «In der Regel muss man Drohungen nicht ernst nehmen.» Wenn sich im Affekt eine negative Emotion entlade, zum Beispiel bei jemandem, der eine Sportwette verloren habe, dann sei das meistens ungefährlich. «Gefährlich sind jene, die bei der Umsetzung von Gewaltakten gezielt vorgehen. Wenn es also Indikatoren gibt, dass jemand seine negativen Emotionen über längere Zeit konserviert und sich detailliert und planerisch über einen längeren Zeitraum mit den Lebensumständen eines Sportlers beschäftigt, muss man vorsichtig sein.»

Reaktionen in den sozialen Medien können die Leistung eines Athleten durchaus negativ beeinflussen. Laut Scherg sind Sportler gerade nach einem missglückten Spiel besonders sensibilisiert und schauen daher auf Facebook, Twitter und Instagram nach, was gepostet worden ist. «Man darf nicht vergessen, dass auch Journalisten diese Netzwerke konsultieren und die dort geäusserte Kritik aufnehmen», erläutert Scherg. «Wird in den klassischen Medien ein solches Thema aufgegriffen, führt dies zu einer Skandalisierungsspirale. Zuerst gibt es einen Artikel über die schlechte Leistung, danach einen Bericht über die gehässigen Reaktionen im Netz, und dieser Bericht wird dann im Internet wiederum kommentiert.

So wird der reputative Schaden und psychologische Schmerz des Sportlers noch einmal potenziert.» Roger Federer liest deshalb nach einer Niederlage weder Nachrichten in den sozialen Netzwerken noch Texte in den klassischen Medien. «Wenn du schon selbst sehr enttäuscht bist und dann negative Sachen liest, denkst du selbst, du seist ein schlechter Tennisspieler oder sogar ein schlechter Mensch», sagt der Superstar. Es sei nicht lustig, beschimpft zu werden, «aber du musst stark genug sein, damit du es ausblenden oder verdrängen kannst».

Den Müll sollen Profis statt der Sportler entsorgen

Sportreputationsmanager Scherg bezeichnet das Ignorieren im psychologischen Sinn als gutes Mittel. «Anderseits muss darauf geachtet werden, dass die Schmähungen und Drohungen dokumentiert werden. Und da kommen eben die Verbände ins Spiel, zumal wir es zum Teil mit Straftaten zu tun haben.» Die Entscheidungsträger der ATP (Männer) und WTA (Frauen) haben mittlerweile verstanden, dass sie Verantwortung übernehmen müssen.

«Online-Missbrauch von Spielern über Social-Media-Kanäle ist ein Problem, und die ATP nimmt diese Angelegenheit sehr ernst. Leider wird dieses Problem nicht verschwinden», meint ATP-Sprecher Simon Higson. Amy Binder von der WTA sagt derweil: «Die Sicherheit der Spielerinnen hat für uns oberste Priorität. Die WTA verfügt über erfahrenes Personal für Athletenunterstützung und Sicherheit und arbeitet Hand in Hand mit der Tennis Integrity Unit (TIU). Die Spielerinnen werden angewiesen, die WTA zu benachrichtigen, wenn sie Bedenken hinsichtlich Kommentaren oder Bildern haben, die in sozialen Medien veröffentlicht wurden.»

Die Zusammenarbeit mit der TIU kommt nicht von ungefähr, beschäftigt sich diese Einheit doch vorwiegend mit Wettbetrug. Und für einen Grossteil der üblen Beschimpfungen auf Twitter und Facebook sind erboste Sportwetter verantwortlich. Sowohl die ATP als auch die WTA spannen mittlerweile mit Thesus zusammen, einem Unternehmen für Risikobewertung und Risikomanagement. «So können wir unseren Spielerinnen bei Online-Belästigungen spezielle Anleitungen, Schutzmassnahmen und weitere Unterstützung anbieten», sagt Binder.

Die Revolvermänner GmbH arbeitet in Deutschland mit Sportverbänden zusammen. «Unsere Strategie sieht vor, dass jemand anderes für den Sportler den verbalen Müll professionell entsorgt, kommentiert und – falls juristisch relevant – dokumentiert. So kann sich der Spieler auf seinen Sport konzentrieren», hält Geschäftsführer Scherg fest.

Grundsätzlich werden fast alle Menschen von öffentlichem Interesse zuweilen im Internet attackiert, aber Scherg sagt, Frauen hätten es im Netz schwerer als Männer, «weil davon ausgegangen wird, dass sie deutlich emotionaler und verletzlicher sind. Sportlerinnen machen sich oft auch angreifbarer als Sportler, weil sie auf den sozialen Medien mehr Persönliches veröffentlichen.» Hinzu kommt, dass es viele armselige Männer gibt, welche Frustrationen abbauen, indem sie anonym oder zumindest aus sicherer Distanz Frauen sexuell zu erniedrigen versuchen.

Aussteigen ist für die meisten keine Option

Federer ist von Schmähungen seltener betroffen als andere, und das ist kaum Zufall. «Es kann sein, dass die Reaktionen bei mir geringer ausfallen. Ich habe mich in den letzten 20 Jahren bewiesen, die Leute wissen, dass ich nicht absichtlich verliere», äussert er eine Vermutung. «Wenn von der Persönlichkeit klar ist, dass mich Beleidigungen nicht gross tangieren, ist die Gefahr, Opfer von Online-Belästigungen zu werden, deutlich kleiner», erläutert Scherg. Eine grosse Fanbasis wirke zudem wie eine Schutzwand, weil die Beleidiger in der Minderzahl seien. Bei Federer ist diese Wand dick; er verfügt bei Twitter über 12,5 Millionen Follower und bei Facebook über 14,5 Millionen Abonnenten.

Andere haben das nicht. Die Kanadierin Rebecca Marino hatte wegen der Anfeindungen ihre Karriere unterbrochen, die Amerikanerin Taylor Townsend während anderthalb Jahren auf die Nutzung sozialer Medien verzichtet, um sich von Trolls und Hassern fernzuhalten. Für Bencic kommt das nicht infrage. «Auf keinen Fall. Auch wenn ich nicht Tennisspielerin wäre, hätte ich ein Instagram-Profil. Ich bin nicht traurig und nehme diese Beschimpfungen nicht persönlich.»

Auch aus wirtschaftlicher Sicht ist es für die meisten Tennisprofis keine Option, auf Facebook und Co. zu verzichten, weil viele Sponsoren erwarten, dass sie die Reichweite zu deren Gunsten nutzen. «Grundsätzlich wäre es zwar möglich, gar nicht in sozialen Medien aufzutreten, dem widerspricht aber, dass bekannte Sportler starke Eigenmarken sind. Das gilt für das Tennis ganz besonders, ist aber auch im Fussball so. Es geht um Werbeverträge, ja überhaupt um Verdienstmöglichkeiten», sagt Scherg. Und fügt an: «Soziale Netzwerke sind einerseits ein Vermarktungstool, anderseits die grösste Schwäche des Sportlers, weil sie es ermöglichen, dass eine Person im Internet explizit angegriffen wird.»



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Erstellt: 02.06.2019, 09:45 Uhr

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