Wenn zwei sich hochschaukeln

Mit ihrem Titel in Toronto zieht Bencic wieder an Bacsinszky vorbei und heizt die Rivalität weiter an.

Ruhig und abgeklärt: Belinda Bencic zeigte in Toronto für eine 18-Jährige eine erstaunliche Reife. Foto: Warren Toda (Keystone)

Ruhig und abgeklärt: Belinda Bencic zeigte in Toronto für eine 18-Jährige eine erstaunliche Reife. Foto: Warren Toda (Keystone)

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Timea Bacsinszky gehörte zu den ersten Gratulantinnen von Belinda Bencic in Toronto. «Guet gmacht, ‹Chlini›», twitterte die Lausannerin nach deren Sieg über Serena Williams, und man glaubte in dieser Wortwahl auch eine Prise Neid zu spüren. «Well done», schrieb die Lausannerin nach dem ­Final. Und stellte über das soziale Netzwerk gleichzeitig die Frage: «Denkt jemand an ein WTA-Turnier in der Schweiz?» Ein solches gibt es seit der Derniere des ­Zurich Open 2008 nicht mehr.

Dank dem Coup von Kanada ist Bencic in der Weltrangliste als 12. wieder vor Bacsinszky (14.) klassiert. Seit Anfang 2014 bewegen sich die beiden erstaunlich synchron nach oben. Waren damals beide noch jenseits von Rang 200 platziert, stehen diese Woche nun erstmals beide in den Top 15. Bacsinszky hatte sich dank ihren Erfolgen in Mexiko und Indian Wells im Frühling an Bencic vorbeigekämpft und dank dem Halbfinal in Paris (wo sie gegen Williams verlor) die Top 20 zuerst erreicht, nun holte sich der Teenager die Führung zurück.

Bencic staunte, als sie ihre neue Klassierung erfuhr: «Rang 12? Das ist schon ziemlich beeindruckend, ich kann es kaum glauben.» Verblüfft war sie auch, als sie hörte, dass sie auf Rang 1 jener Spezialwertung liegt, in der für die Besten am US Open Sonderprämien ausgesetzt werden – im Maximum 1 Million Dollar. Beeindruckt wäre sie wohl auch gewesen, hätte sie erfahren, dass sie in Toronto mehr Top-10-Spielerinnen schlug als Williams auf dem Weg zu ­ihren diesjährigen Grand-Slam-Titeln in Melbourne, Paris und Wimbledon (4/3).

Günthardt: «Eine Sogwirkung»

Dass die 18-jährige Bencic und die 8 Jahre ­ältere Bacsinszky gleichzeitig und parallel nach oben stürmen, ist in erster Linie ein ­Zufall. Von einem grossen Zweikampf zu sprechen, war bisher eher über­trieben, zumal sie sich auf der Profitour noch nie gegenüberstanden, sich in anderen Kreisen bewegen und, abgesehen von gelegentlichen Fed-Cup-Einsätzen, ­wenige Berührungspunkte haben. Die Konstellation ist für beide aber motivationsfördernd und inspirierend – genau wie die Erfolge Roger Federers und Stan Wawrinkas. Von den vier besten Schweizern hat 2015 jeder mindestens zwei Turniere gewonnen, total elf – womit das Schweizer Profitennis in der Summe sein eindrücklichstes Jahr erlebt.

Für Fed-Cup-Captain Heinz Günt­hardt ist klar, dass sich die zwei Frauen antreiben. «Konkurrenz belebt das Geschäft», sagt er. «Eine beweist der anderen, was machbar ist. Das ergibt im ­Effekt eine Sogwirkung.» Die beiden gehören für ihn zu einer gleichwertigen Gruppe von Spielerinnen, für die bei ­einem Ausrutscher der Überspielerin Williams sogar Major-Titel möglich sind.

Je höher die zwei Emporkömmlinge klettern, desto grösser wird nun aber die Wahrscheinlichkeit, dass sich ihre Wege kreuzen und sie zu direkten Konkurrentinnen werden. Zum Beispiel im Kampf um einen der acht Plätze am WTA-Finalturnier in Singapur. In der Jahreswertung («Road to Singapore») liegt Ba­csinszky auf Rang 10 knapp vor Bencic (12.) – mit minimem Vorsprung.

Der Augenblick gehört aber Bencic, die zum ersten Teenager seit 2009 (Asarenka) wurde, die eines der grössten WTA-Turniere gewann. «Das gibt meinem Vertrauen Schub», sagte sie. «Nun spüre ich wirklich, dass ich hierhergehöre und eine der Topspielerinnen sein kann. Das ist ein erstaunliches ­Gefühl.» Sie erwarte aber nicht, nun jedes Turnier perfekt zu spielen: «An der Konstanz muss ich noch arbeiten.»

Bencic ist sich ihrer Fortschritte bewusst; sie habe auch aus den teilweise harten Niederlagen Lehren gezogen, sagt sie. «Nicht nur mein Tennis ist besser geworden, sondern auch mein Spielverständnis. Zudem habe ich mehr Erfahrung, kenne die Gegnerinnen besser und merke besser, was ich zu tun habe.» Sie sei «als Spielerin gewachsen». Dabei bestätigte sie auch den Eindruck, dass sie sich in Toronto noch nicht an ihrer obersten Leistungsgrenze bewegt hatte: «Ich habe noch Potenzial, mich zu verbessern, in allen Bereichen.»

Keine Zeit für die Niagarafälle

Verblüfft waren viele auch von der neuen Reife, die sie demonstrierte. Wie abgeklärt die jüngste Top-50-Spielerin nur 16 Stunden nach dem Sieg über die Nummer 1 im Final auftrat, überraschte umso mehr, als sie sich am Morgen noch schlecht gefühlt hatte: «Ich war müde, und alles schmerzte. Aber als die Partie begann, verschwand die Müdigkeit, spürte ich das Adrenalin.» Kein störender Faktor waren für sie auch die lautstarken Fans von Simona Halep. Es sei doch nett gewesen, dass die Rumänen ihre Spielerin unterstützt hätten, sagte sie, «einige Leute an anderen Turnieren sollten sich daran ein Beispiel nehmen.» Auch brachten sie weder die Hitze noch die wiederholten Unter­brüche aus dem Rhythmus. «Es ist für mich nichts Neues mehr, wenn ­Gegnerinnen Time-outs nehmen. Das geschieht doch andauernd.»

Ein Wunsch blieb für Bencic an ihrem neuen Lieblingsturnier allerdings unerfüllt: Für den erhofften Abstecher an die Niagarafälle reichte die Zeit nicht. Im ­Gegensatz zu Timea Bacsinszky, die nach dem frühen Aus gegen Alison Riske dafür genug Zeit hatte. Manchmal haben eben auch Siege ihre Schattenseiten.

Erstellt: 17.08.2015, 23:45 Uhr

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