Wer profitiert von Djokovics Out?

Novak Djokovic ist doch schlagbar. Seine Niederlage gegen Sam Querrey erschüttert das Tennis und eröffnet neue Perspektiven.

Bis ins Mark getroffen: Novak Djokovic versucht an der Pressekonferenz seine Niederlage gegen Sam Querrey zu erklären.

Bis ins Mark getroffen: Novak Djokovic versucht an der Pressekonferenz seine Niederlage gegen Sam Querrey zu erklären. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Irgendwann würde es passieren. Irgendwann würde Novak Djokovic wieder einmal einen Match an einem Grand-Slam-Turnier verlieren. So ist der Sport. Man konnte es sich einfach nicht mehr so richtig vorstellen. Vielleicht in einem mitreissenden Final gegen einen Widersacher, der über sich hinauswächst wie Stan Wawrinka am French Open 2015. Eine solch überirdische Leistung würde es wohl brauchen, um den Tennis-König zu stürzen. Dachte man. An Sam Querrey dachte, mit Verlaub, niemand. Nichts gegen den 1,98-Meter-Mann aus San Francisco. Aber der hatte in den sechs vorangegangenen Grand-Slam-Turnieren lediglich einen Match gewonnen.

Doch wenn die Gelegenheit anklopft, muss man die Tür öffnen. Und Amerikaner sind bekannt dafür, dies zu tun. Querrey hatte sich am Freitag mit einer 2:0-Satzführung über Djokovic schlafen gelegt. Als die Partie gestern fortgesetzt wurde, fiel er im dritten Satz schnell 0:4 zurück. Es schien, das Spiel würde nun am Aussenseiter vorbeirauschen. Doch dank seines wuchtigen Aufschlags hielt er im vierten Durchgang lange Schritt mit Djokovic. Und als dieser zum 5:4 endlich ein Break geschafft hatte, schwächelte er auf unerklärliche Weise. Mit mehreren Fehlern schenkte er Querrey das Re-Break. Im Tiebreak führte er 3:1 – und holte nur noch zwei Punkte. Als die Tennismaschine zu stottern begann

Als Djokovic um 17.04 Uhr eine Vorhand neben die Linie gesetzt und verloren hatte, sprang Querrey in die Luft, donnerte Applaus durch Court 1. Jene, die da waren, können behaupten, Aussergewöhnliches erlebt zu haben. 30 Partien nacheinander hatte der Dominator des Männertennis an Majors gewonnen – eine Serie, die in der Profiära einzigartig ist. Dass er immer mal wieder als Tennismaschine bezeichnet wurde, war denn auch ehrfürchtig gemeint.

Nun zeigte sich: Djokovic ist eben doch keine Maschine, sondern ein Mensch. Schon vor Wimbledon hatte er angedeutet, dass es nicht einfach gewesen sei, sich nach dem French-Open-Sieg neu zu motivieren. Gegen Querrey war er zudem körperlich handicapiert. Er fasste sich immer wieder an den Nacken, schien verspannt und servierte nicht besonders gut. Am Freitag wirkte Djokovic auch erstaunlich lau, gestern entwickelte er wieder mehr Intensität. Auf die Frage, ob er 100-prozentig gesund gewesen sei, antwortete er: «Nicht wirklich. Aber es ist nicht der Ort und die Zeit, um darüber zu sprechen.»

Djokovic gab sich wie gewohnt als fairer Verlierer. Bevor er nach dem 6:7, 1:6, 6:3, 6:7 den Court verliess, schrieb er sogar noch einige Unterschriften. Er beklagte nur, dass er auf Court 1 verbannt worden war, den Elementen ausgeliefert, während Roger Federer sein Pensum im Centre Court unter geschlossenem Dach plangemäss absolvieren konnte: «Ich spiele 90 Prozent meiner Partien auf dem Centre Court. Natürlich fühle ich mich dort wohler.»

Die Diskussionen um den Kalender-Grand-Slam sind damit wieder vom Tisch. Rod Laver (1969) bleibt vorerst der Letzte, der ihn geschafft hat. Das Double Paris/Wimbledon ist die heikelste Aufgabe, weil die beiden Höhepunkte so nah aufeinander folgen. Nach Laver haben sie nur noch Björn Borg (1978–80), Nadal (2008, 10) und Federer (09) erfolgreich bewältigt. Er werde den Rest des Turniers nicht mehr verfolgen und sich nun seiner Familie widmen, blickte Djokovic voraus. Für den Davis-Cup-Viertelfinal gegen Grossbritannien in Belgrad vom 15. bis 17. Juli passe er.

So betrüblich das Scheitern für Djokovic ist, seinen Konkurrenten und dem Tennis, das fest in seinem Würgegriff war, eröffnet es neue Perspektiven. Natürlich, Djokovic wird in Rio und am US Open stark zurückkehren. Das ist man sich von ihm gewohnt. Doch in Wimbledon wird ein anderer gekrönt, was dem Sport nur guttun kann.

Profitiert der wiedererstarkte, bisher makellose Andy Murray? Oder Federer, der mit Steve Johnson (ATP 29) eine lösbare nächste Aufgabe zu haben scheint? Jubelt zuletzt gar ein Neuer wie Milos Raonic? Das berühmte Zitat aus der französischen Erbmonarchie wird man jedenfalls bald leicht abgeschwächt auch in Wimbledon anwenden können: Der König ist gestürzt, lang lebe der König!

Erstellt: 03.07.2016, 08:27 Uhr

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blogs

Geldblog Lohnt sich die 3. Säule nach der Pensionierung?

Sweet Home Holen Sie sich die Natur ins Haus

Die Welt in Bildern

Man soll die Feste feiern, wie sie fallen: Menschen in «Txatxus»-Kostümen nehmen am traditionellen ländlichen Karneval in Lantz, Nordspanien, teil. (24. Februar 2020)
(Bild: Villar Lopez) Mehr...