Wie der junge Federer

Belinda Bencics Ausbrüche und Einsichten wecken Erinnerungen.

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Warum sie auf dem Platz geweint habe, lautete die Frage. Belinda Bencic zeichnete mit ihrer Hand im Interviewraum des US Open eine Wellenbewegung nach, als sie antwortete. «Mit 18 ist man halt noch nicht so ausgeglichen», sagte sie. Kurz zuvor hatte sie einen Tweet abgesetzt, in dem sie ihr Verhalten auf dem Court als «schrecklich» bezeichnete und sich dafür entschuldigte.

Ihre Reue und Einsicht waren das Beste an diesem für sie schlechten Tag – abgesehen von der Tatsache, dass sie nach drei abgewehrten Matchbällen gegen die Japanerin Misaki Doi doch noch gewonnen hatte.

Tennisspieler sind auf dem Platz allein, ob es gut oder schlecht läuft. An Grand-Slam-Turnieren dürfen auch die Frauen keinen Coach kommen lassen, der eine ausgleichende Wirkung haben könnte. Das hätte im Fall von Bencic an diesem Abend vielleicht geholfen, vielleicht nicht. Sie liess sich derart gehen, nachdem sie im zweiten Satz ein 5:2 verspielt hatte, dass sie eine Verschwörung der Offiziellen gegen sich witterte, von den Emotionen überwältigt wurde und beim Spielstand von 5:7, 5:6 beim Seitenwechsel sogar weinte. Ihr Gefühlsausbruch hätte sie beinahe den Match gekostet, musste sie doch gleich darauf drei Matchbälle in Folge abwehren, was nur dank der Hilfe der nervös gewordenen Gegnerin gelang.

Öffentlicher Lernprozess

Bencic war noch nie eine, die ihren Frust in sich hineinfrisst. Sie lässt ihren Gefühlen rasch freien Lauf, im Guten wie im Schlechten. Das Racket sitzt ihr locker in der Hand, und sie scheut auch nicht davor zurück, laut zu werden, sich verbal zu wehren (und das, wenn es sein muss, auch gegenüber dem Vater). Das macht sie authentisch, vielen sogar sympathisch. Allerdings ist es nicht dasselbe, sich zu verteidigen oder das Racket auf den Boden zu werfen, wie der Schiedsrichterin den Handschlag zu verweigern oder Offizielle zu beschimpfen – beides tat sie in dieser Partie.

Trotzdem wäre es falsch, Bencic vorschnell zu brandmarken und ihr das Label einer launischen Diva anzuheften. Wie der 20-jährige Nick Kyrgios befindet sie sich in einem schwierigen Alter, durchläuft sie in aller Öffentlichkeit einen Lernprozess und dürfte daran wachsen. Wie der Australier kann auch sie auf mildernde Umstände plädieren. Wenn es in diesem Interviewraum jemanden gebe, der mit 20 Jahren perfekt gewesen sei, solle er sich melden, sagte Kyrgios am US Open.

Aus einer anderen Perspektive gesehen, zeigte die weltbeste Teenagerin an diesem für sie harten Tag aber auch viele positive Eigenschaften. Die Emotionalität, die sie auf den Court bringt, ist ohnehin primär die Folge ihrer Freude am Tennis, ihres grossen Siegeswillens und Kampfgeistes. Sie erinnert damit an Roger Federer, dessen Verhalten in seinen frühen Karrierejahren auch alles andere als vorbildlich war. Auch er warf Rackets und zerstörte einige davon in der Garderobe, fluchte und wurde als Junior mehrmals bestraft. Wie nun bei Bencic fanden seine grössten Ausbrüche aber meist auf kleinen Courts statt, abseits der Hauptstadien, und wie bei ihr waren sie frei von Arroganz.

Und wie der Baselbieter ist auch die Ostschweizerin keine, die zu Mätzchen greift und versucht, mit Spielverzögerungen, Verletzungs- oder Toilettenpausen den Rhythmus der Gegnerin zu brechen, was im Frauentennis so verbreitet ist wie noch nie. Ihre Ausbrüche haben primär damit zu tun, dass sie weiss, dass sie besser spielen kann, dass sie besser spielen will, oder dass sie sich ungerecht behandelt fühlt. Das war gegen Doi teilweise nachvollziehbar. Doch Bencic dürfte nun auch eingesehen haben, dass solche Reaktionen letztlich ihr am meisten schaden. Die Energie, die sie im aufreibenden dreistündigen Kampf zurückliess, könnte ihr noch fehlen.

Eine Persönlichkeit mit Profil

Bencic zeigte auf Court 11 also, dass sie noch jung und am Lernen ist. Aber auch, dass sie lernwillig ist und bereit, Fehler einzugestehen: Ihre schnelle Einsicht, sich falsch verhalten zu haben, und ihre Bereitschaft, sich zu entschuldigen, schienen echt, von Herzen zu kommen. Und sie zeigte auch, dass sie von einer Juniorin zu einer jungen Frau gereift ist; zu einer Persönlichkeit mit Profil, der die richtigen Werte mit auf den Weg gegeben worden sind.

Erstellt: 03.09.2015, 22:56 Uhr

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